Porträt

Turbulenzen auf dem Überflug

Der Ukrainer Sergei Bubka sprang einst auf einsamer Höhe. Seither hat er sich immensen Reichtum und Einfluss in der Sportwelt verschafft. Nun kommt ihm der Machtwechsel in der Heimat dazwischen.

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Der Sportfan kennt Sergei Bubka noch immer als Herr der Lüfte. 35-mal verbesserte er den Stabsprung-Weltrekord. Seine 6,14 m sind im Freien noch immer unerreicht, seit 20 Jahren. Inzwischen hat sich der Olympiasieger und sechsfache Weltmeister in ganz andere Höhen katapultiert. Auf 350 Millionen Franken wird sein Vermögen geschätzt, Herkunft nicht ganz klar. Jahrelang war er Berater des ukrainischen Machthabers Janukowitsch. Im Internationalen Olympischen Komitee gehört er zu den Schwergewichten, im Leichtathletik-Weltverband peilt er das Präsidium an. Kurz: Seit seinem Rücktritt als Athlet 2000 benötigte er bloss wenige Jahre, um zum weit vernetzten Multifunktionär aufzusteigen.

Die Anfänge dieser Blitzkarriere nach der Karriere liegen in der ukrainischen Politik. Bubka, Doktor der Pädagogik, wurde 2002 in das ukrainische Parlament gewählt, als Abgeordneter der Partei des damaligen Präsidenten Wiktor Janukowitsch. Im Juni 2005 beerbte er diesen als Chef des Ukrainischen Olympischen Komitees.

Weil Bubka schon lange Vorsitzender der Athletenkommission des IOK war, gelang ihm 2008 auch die Wahl zum Mitglied in den wichtigsten Sportverband problemlos. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete er zudem seit einem Jahr als Vizepräsident des Internationalen Leichtathletikverbandes.

Tankstellen, Grossbäckereien

50 Jahre alt ist er heute. Das Tenü hat er längst seiner neuen Position angepasst: Stets mit Massanzug und Krawatte tritt er auf. Das Haar gelt er bevorzugt nach hinten. Die sportliche Figur hat er sich erhalten. Bubka bleibt damit ein ansehnlicher Mann. Einzig die hohe Stimme will nicht so recht zur Gravitas passen, die er zelebriert. Seine Botschaft aber bleibt unmissverständlich: Da hat es einer aus ärmlichen Verhältnissen als seriöser Schaffer in der (Sport-)Welt weit gebracht – und darüber hinaus zu einem erfolgreichen Geschäftsmann.

Er besitzt mit seinem älteren Bruder Wasili, der ebenfalls ein Weltklassestabhochspringer war, Tankstellen und Grossbäckereien im Land. Die Aufteilung des Familienbetriebs ist klar: Sergei verfolgt seine Ambitionen als Topfunktionär, Wasili führt das Unternehmen.

Mit den Turbulenzen in seiner Heimat aber gerät nun die zweite Karriere von Sergei Bubka ins Stocken. Er mag auf der Website des IOK noch immer als «Berater des Präsidenten» ausgewiesen werden, seit Janukowitschs Flucht aus der Ukraine aber hat Bubka nur mehr wenig zu beraten. Überhaupt befindet er sich in diesen unsicheren ukrainischen Zeiten in einer ungemütlichen Situation. Als Teil der Elite des Landes führen seine Verflechtungen über Janukowitsch hinaus, und manche dieser Schicht bangen nun um Positionen und Pfründen.

Die Nähe zum Oligarchen

Bubka stammt aus Donezk, dem russischorientierten Teil des Landes im Osten der Ukraine. Diese Region bildet(e) die Machtbasis von Janukowitsch. Aus der 1-Millionen-Stadt kommt auch Rinat Achmetow her, mit einem geschätzten Vermögen von 16 Milliarden Franken der reichste Ukrainer – und als Oligarch sowie Besitzer des lokalen Fussballclubs Schachtar bekannt. Achmetow, drei Jahre jünger als Bubka und Bauherr des EM-Stadions von 2012 in Donezk, gilt als enger Vertrauter von ihm.

Wie Achmetow sein Vermögen generierte, ist in den Details nebulös – und ebenso undurchsichtig sind die Hintergründe zu Bubkas Geldsegen. Doch die grossen Züge sind zu erkennen. Sie führen zu einem Bankenbankrott, Millionenzahlungen und Unfällen. 2004 wurde Bubka Präsident der Privatbank Rodovid – und ist es auf der Website der Bank weiterhin. Gemäss eigenen Angaben endete die Zusammenarbeit 2009. Rodovid wurde mit Bubka an der Spitze von der damaligen Finanzkrise erfasst und musste zwangsverstaatlicht werden, weil die Bank für die Ukraine systemrelevant ist.

4,5 Milliarden Franken an Schulden hatte der Staat zu übernehmen. Eine Strafuntersuchung folgte, weil viele Millionen im Vorfeld abgeflossen sein sollen. Zumindest Bubka aber wurde gemäss ukrainischen Zeitungen nie zum Thema befragt. Er durfte im Gegenteil sein Hauptaktionärspaket, das er mit Partnern hielt, gemäss der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» für einen dreistelligen Millionenbetrag an den Staat verkaufen.

Der Todessturz aus dem Fenster

Andere führende Köpfe der Bank hatten weniger Glück. Einer stürzte aus dem siebten Stock seiner Wohnung, als er an seiner Klimaanlage herumhantierte. Er starb. Ein Zweiter rutschte in seinem Badezimmer so heftig aus, dass er wegen schwerer Kopfverletzungen mehrere Monate in einem Spital verbrachte. Ein Dritter wurde angeschossen und flüchtete darauf ins Ausland.

Bubka hingegen feierte sich und sein Hallenmeeting noch diesen Februar in Donezk, als die Unruhen sein Land längst erfasst hatten. Dass der Franzose Renaud Lavillenie seinen 20-jährigen Indoor-Weltrekord dort überraschend um einen Zentimeter auf 6,16 m verbesserte, kann im Rückblick wie ein schlechtes Omen für Bubka gewertet werden.

Mit wem man bei dieser schillernden Vita darum auch immer über ihn reden will: Offiziell mag sich keiner äussern. Entweder will man nichts über seinen erstaunlichen Aufstieg samt Reichtum mitbekommen haben, oder man fürchtet seine Macht. In anonymer Form reden einige doch. Ihre Beschreibungen passen schlecht zum feinen Mann im Massanzug: Als berechnend wird er beschrieben, als karrierefixiert und dabei zu sehr vielem bereit. Exzellent vernetzt soll er sein und ein cleverer Taktiker.

Trotzdem verrannte er sich im vergangenen Herbst. Jacques Rogge gab sein IOK-Präsidium ab, Bubka kandidierte wie fünf andere der Ringhüter – und scheiterte deutlich. Seine Kandidatur sei von Beginn an hoffnungslos gewesen, sagt ein Insider. Man habe dies Bubka mehrfach gesagt. Er habe die gut gemeinten Hinweise aber ignoriert.

Nun konzentriert er sich darauf, in der Leichtathletik Weltverbandspräsident Lamine Diack zu ersetzen. Der greise Senegalese will im nächsten Jahr abtreten. Schon kurz nach den Spielen in Sotschi, wo Bubka das Team seiner Heimat als Delegationschef angeführt hatte, reiste er für ein Meeting nach Katar. An diesem Wochenende steht nun die Hallen-WM in Sopot (Polen) an. Dort dürfte er auf Sebastian Coe treffen.

Der Brite, wie Bubka einst Weltrekordler und Olympiasieger, ist ebenso Vizepräsident und gewillt, an die Spitze der

Leichtathleten vorzustossen. Als erfolgreicher Cheforganisator der Sommerspiele von London verfügt der frühere Mittelstreckenläufer über mehr Führungserfahrung. Er gilt vor allem als Saubermann. Millionär mit klarem politischen (Rechts-)Profil aber ist auch Coe.

Dass sich die beiden überhaupt konkurrenzieren können, hängt mit einer weiteren speziellen Episode aus Bubkas Leben zusammen: 2011 fiel er bei der Wahl um eines der vier Vizepräsidentenämter durch. Ein Fehler im elektronischen Wahlsystem wurde entdeckt und führte zu einer manuellen Wiederholung. Bubka schaffte den Einzug doch noch. Kulant sagte sein Gegenspieler Coe danach: «Ich glaube nicht an eine Verschwörung.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.03.2014, 07:34 Uhr

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