Turnskandal: Eine halbe Milliarde für die Opfer

Larry Nassar missbrauchte mehr als 300 Mädchen und junge Frauen. Nun gesteht einer seiner Arbeitgeber seine Schuld ein.

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Jahrelang wurden sie missbraucht, jahrzehntelang ausgenutzt. Nicht von irgendwem – von ihrer Vertrauensperson. Larry Nassar, einst angesehener Mediziner des amerikanischen Turnverbandes USA Gymnastics, hatte sich im grossen Stil an Mädchen und Jugendlichen vergangen, die sich von ihm behandeln liessen. Vermutet werden weit mehr als die bekannten gut 300 Opfer.

156 von ihnen sagten Anfang Jahr gegen ihn aus, als vor zwei Bezirksgerichten im Bundesstaat Michigan Nassar der Prozess gemacht wurde. Und die emotionalen Auftritte sorgten für ein drakonisches Urteil: Nassar wurde zu insgesamt 300 Jahren Gefängnis verurteilt für den Missbrauch von Minderjährigen. Hinzu kommt eine frühere Haftstrafe von 60 Jahren für den Besitz von kinderpornografischem Material.

Der komplette Vorstand trat zurück

Worauf viele Opfer bei ihren Aussagen wert legten: dass nicht nur ihr Peiniger zur Verantwortung gezogen wird, sondern auch jene Institutionen, die sein Treiben erst ermöglichten, indem sie Hinweise und Anzeichen ignorierten. Die Nassar auch dann noch beschäftigten, als bereits Klagen gegen ihn vorlagen. Und die den missbrauchten Frauen gar noch Rechnungen für diese Behandlungen stellten.

Besonders der Landesverband USA Gymnastics (USAG) und die Michigan State University (MSU), an der Nassar als Osteopath praktizierte, gerieten unter Beschuss. Olympiasiegerin Aly Raisman, auch sie mehrfach missbraucht, klagte an: «USA Gymnastics ist zu 100 Prozent verantwortlich. Der Verband hat uns die Behandlung durch Larry Nassar vorgeschrieben. Doch ich glaube nicht, dass es die Leute dort interessiert oder dass es ihnen Leid tut.» Bei USAG trat daraufhin der komplette Vorstand zurück.

Nun einigt sich die Michigan State University mit den Anwälten der Opfer und erklärt sich zur Zahlung von 500 Millionen Dollar bereit. 425 Millionen gehen als Schmerzensgeld und Genugtuung direkt an die Opfer, 75 Millionen werden für weitere künftige Fälle zurückgestellt. Nach welchem Schlüssel das Geld verteilt wird, wurde nicht öffentlich gemacht.

Weitere Klagen sind hängig

«Diese historische Einigung war nur dank des Mutes von mehr als 300 Frauen und Mädchen möglich, die sich weigerten, länger zu schweigen», liess sich John Manly zitieren, ein Anwalt der meisten der Opfer. Er hoffe, sagt Manly weiter, dass damit ein Schritt getan sei, sexuellen Missbrauch im Sport oder an Schulen zu beenden. Amanda Thomashow, ein Opfer Nassars, das seine Übergriffe 2014 erfolglos der Schule meldete, fügte an: «Ich hoffe, das führt zu einem kulturellen Wandel an dieser und anderen Schulen.»

Diese Einigung über eine halbe Milliarde Dollar betrifft nur Klagen, mit denen sich die MSU konfrontiert sah. Klagen gegen USA Gymnastics und gegen das amerikanische Olympische Komitee (USOC), das Nassar bei total fünf Olympischen Spielen akkreditiert hatte, sind unverändert hängig. (wie)

Erstellt: 16.05.2018, 21:39 Uhr

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