Und plötzlich bis 2020

Den Kopf gelüftet, den Fuss repariert – Giulia Steingruber ist wieder da. Und verlängert ihre Karriere weiter.

Giulia Steingruber ist auf dem Weg zurück. Video: David Wiederkehr

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Und einmal dachte sie: Geht es etwa auch ohne? Ohne: die Schinderei des Körpers. Ohne: das ständige Streben nach einer Motivation. Ohne: das Kunstturnen, ihre Passion, seit sie sieben ist. Eine Ewigkeit sind diese Anfänge in der Turnhalle von Oberbüren jetzt her, und in all der Zeit hat sie vor allem eines über das Kunstturnen gelernt: Nur uneingeschränkte Hingabe ist gut genug.

So empfand sie, irgendwo in Australien, in den Ferien, während der sie sich recht schnell daran gewöhnt hatte, «einfach sich treiben zu lassen, in den Tag zu leben». Es war für Giulia Steingruber eine Auszeit zum Abschluss eines turbulenten Jahres, das ihr EM-Gold, EM-Gold, EM-Gold und Olympiabronze eingebracht hatte, aber auch die Erkenntnis, dass viel manchmal zu viel sein kann. Richtig ausgelaugt habe sie sich nach Olympia gefühlt, sagt sie, tief drin in einem Motivationsloch.

Und ihr damaliger Trainer Zoltan Jordanov fragte sich noch, auf ihre Ferienpläne angesprochen: Ob sie auch wirklich zurückkommt?

Titel um Titel – Die vielen Erfolge der Giulia Steingruber

Ja, sie ist zurück. Zurück aus Australien und Fidschi, zurück von der Operation ihres rechten Fusses, zurück in der Jubiläumshalle in Magglingen, dem Stützpunkt der National­kader. Operation und Auszeit wurden zusammen­gelegt, damit nicht zweimal eine längere Pause entsteht, und dass sie ihr ramponiertes Sprunggelenk würde richten lassen müssen, hatte sich schon länger angekündigt. Nach ihrem Sturz beim Bodenfinal von Rio 2016 musste das Aussenband ­gestreckt, drei Knochensplitter entfernt und das Gelenk von weiteren Kleinteilen gereinigt werden. Bei einem Auto würde man von «Service» sprechen.

An Krücken ging Steingruber, später benötigte sie Stützschuhe, erst seit Mitte Februar geht sie ohne Hilfe. Entsprechend dosiert trainiert sie seither, zunächst nur am Barren. An Balken und Boden versucht sie wenige Elemente – ganz sein lässt sie fürs Erste den Sprung, ihr liebstes Gerät. Es ist ein langwieriger Aufbau für die erfolgsverwöhnte 23-Jährige, die Geduld nicht zu ihren stärksten Eigenschaften zählt.

Keine Spur einer Leere

Dafür umso mehr den Willen. Zurückgekehrt sei sie, «weil es sich lohnt zu beissen. Weil ich mir ein Leben ohne das Turnen noch nicht vorstellen kann». Deswegen hat sie kürzlich auch den einwöchigen J+S-Grundkurs als Kunstturntrainerin absolviert. Von einer Leere im Kopf keine Spur. Keine Spur mehr.

Nun muss sie aber auch ihren Körper wieder an die hohe Belastung einer ­intensiven 30-Stunden-Woche heran­führen, der in Magglingen normal ist. ­Zunächst war da der Muskelkater nach Trainingsrunden auf dem Bike mit ihrem Vater. Allein der schon ungewohnt für sie – aber kein Zufall nach 8 Wochen Dolcefarniente. Und jetzt fehlt ihr die Kraft. Täglich arbeitet sie bis zu zwei Stunden mit dem Physiotherapeuten, doch es wird Sommer werden, ehe sie wieder voll mit dem Team trainieren kann.

Was ist mit dem «Steingruber»?

Die Teilnahme an den Weltmeisterschaften Anfang Oktober in Montreal ist ihr Ziel, darauf arbeitet sie hin. Trotz des Trainingsrückstands hat sie den ­Ehrgeiz, die erste WM-Medaille ihrer Karriere anzustreben. Aber ob sie in den Titelkämpfen in Kanada an ihre Leistungen von 2016 wird anknüpfen können? Ihr neuer Sprung, der «Steingruber»? Er scheint weit weg derzeit. Auch für sie. Und wird wohl frühestens für kommendes Jahr wieder zum Thema.

Ihr neuer Trainer Fabien Martin ist ohnehin noch zurückhaltender. Bei Olympia 2020 in Tokio möchte er das ganze Schweizer Team am Start sehen, zum ersten Mal überhaupt, doch ohne Steingruber ist dieses Ziel nicht realistisch. Sie jetzt, zu Beginn des neuen Olympiazyklus, zu forcieren, macht für ihn deshalb wenig Sinn.

«Ich mache bis 2020 weiter»

Das ist aber die grosse Neuigkeit an diesem wunderbar sonnigen Montag hoch oben im Sportlerdorf, als sich Steingruber erstmals nach ihrer Rückkehr den Medien stellt. «Es ist offiziell, ich mache bis 2020 weiter», stellt sie klar. Noch nach Rio hatte sie festgehalten, nicht weiter als 2018 zu planen, nun sagt sie: «Als Turnerin denkt man nun einmal in olympischen Zyklen. Es wäre genial, in Tokio noch einmal die Sommerspiele erleben zu dürfen.» 2012, 2016, 2020 – nicht viele Turnerinnen erleben in ihrer Karriere dreimal Olympia.

26 wird Steingruber dannzumal sein, zehn Jahre älter als ihre jüngsten Konkurrentinnen. Aber auch zehn Jahre routinierter – schon bei ihrem Bronzeauftritt in Rio hatte sie von ihrer Erfahrung gezehrt. Überhaupt stellt sich Steingruber keck entgegen: «Ich hoffe nicht, dass ich mein Potenzial schon ausgereizt habe.» Auch ihr Hunger ist zurück.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.04.2017, 21:25 Uhr

Behutsame Rückkehr an die Geräte: Giulia Steingruber auf dem Balken. Foto: Raffael Waldner

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