Und wenn alle nur gegen ihn fahren?

Dann verlieren sie, sagt Radprofi Fabian Cancellara, der hohe Favorit in der morgigen Flandern-Rundfahrt.

Motorgeschichte als Kompliment: Fabian Cancellara kann über solche Vorwürfe nur amüsieren.

Motorgeschichte als Kompliment: Fabian Cancellara kann über solche Vorwürfe nur amüsieren. Bild: Keystone

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Die erste Runde ging an Fabian Cancellara. Trotz Heimvorteil für Tom Boonen. Bei der Pressekonferenz des Schweizers im D-Hotel von Kortrijk war das Gedränge bedeutend grösser als eine Stunde zuvor bei jener des Belgiers im zehn Minuten entfernten Hotel Kennedy. Cancellara war auch lockerer und nahm sich mehr Zeit als Boonen, den er vor einem Jahr in der Flandern-Rundfahrt auf so beeindruckende Art geschlagen hatte und der morgen (Start 9.45 Uhr) in der 95. «Ronde» erneut sein gefährlichster Gegner sein dürfte.

Cancellara ist der hohe Favorit. Seine Demonstration vor einer Woche in Harelbeke, als er nach zwei Defekten zuerst allein zum Feld aufschloss, dann an 20 Fahrern vorbei zur Spitze vorstiess und schliesslich das Ziel mit einer Minute Vorsprung erreichte, hat tiefe Spuren hinterlassen. Unschlagbar, sagen die einen, man dürfe ihm keinen Meter Spielraum lassen, die andern, die die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben.

Der Berner hat all die bewundernden Kommentare von Gegnern, Sportlichen Leitern und Journalisten gerne gelesen, als er am Sonntag zu Hause im Internet surfte. Stolz machte ihn, dass er sogar mit Eddy Merckx verglichen wurde. Er hatte das Gefühl, etwas Besonderes geleistet zu haben, und hatte etwas Besonderes gelernt. Denn jetzt weiss er: Für ihn ist ein Rennen auch dann nicht verloren, wenn er vom Pech verfolgt wird und die Taktik deshalb nicht aufzugehen scheint.

Es waren schöne Gedanken. Doch dann schaltete er ab.

Die wertvolle Zeit zu Hause

In den Tagen danach trainierte er zwar so, wie er das immer tut vor wichtigen Rennen, er war viel hinter dem Motorrad, doch daneben war er wieder einmal Ehemann und Familienvater. «Es war das erste Mal, dass sich so viele Tage hintereinander zu Hause war in diesem Jahr», sagte er, «und das habe ich genossen». Er habe sich erholt, seinen Kopf gelüftet und nie an die beiden grossen Ziele – Flandern-Rundfahrt und Paris–Roubaix – gedacht, die er in den nächsten acht Tagen erreichen will.

Cancellara weiss, dass er der grosse Favorit ist, dass alle auf ihn schauen werden. Er nimmt es locker. «An Druck bin ich gewöhnt, weil ich ihn mir ja selber mache, wenn ich gewinnen will», sagt er. Und: «Es ist doch besser, wenn die andern vor mir Angst haben, als ich vor ihnen.»

Cancellara weiss auch, dass neben Boonen ein Philippe Gilbert gefährlich sein wird, dass Garmin und BMC, die gleich mehrere Favoriten im Team haben, die Offensive suchen werden, er weiss, wie gefährlich Angreifer wie Chavanel sein können. Es sind Faktoren, die sich kontrollieren lassen.

Doch wenn alle nur auf ihn schauen werden? Wenn sein Team die ganze Last des Rennens tragen muss? Wenn niemand bereit ist, bei der Jagd auf Ausreisser mitzuhelfen? Wenn eine vier- oder fünfköpfige Spitzengruppe mit Fahrern aus der zweiten Linie einen so grossen Vorsprung herausholt, dass diese den Sieg unter sich ausmachen können? «Wenn sie so fahren», sagt Cancellara, «verlieren auch sie das Rennen.» Und er spricht von einem Plan B oder C oder D, den sie dann anwenden würden. «Wir haben ein sehr starkes Team, in dem jeder Fahrer das Richtige getan hat, um bereit zu sein», sagt er. Und: «Wir werden uns eine Taktik zurechtlegen, an die wir uns halten. Bei Mailand–Sanremo hat das hervorragend geklappt, wie mein zweiter Platz zeigte.»

Die Motor-Story als Kompliment

Doch weil er diesmal nicht Zweiter werden will, zählt er auch auf seine Intuition. Sie half ihm, als er vor einem Jahr an der Kapelmuur Boonen abhängte, sie half ihm bei Paris–Roubaix, als er schon 49 km vor dem Ziel angriff, sie liess ihn am letzten Samstag so schnell fahren, dass alle an die Geschichte denken mussten, die vor einem Jahr kursierte: Er habe einen Motor im Sattelrohr versteckt, hiess es damals. Vor einem Jahr musste er sich heftig gegen solche Vorwürfe wehren, jetzt lacht er darüber und empfindet sie als Kompliment.

Erstellt: 02.04.2011, 17:18 Uhr

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