Vater Sixpack

Eugen Sandow ist der Pionier des modernen Körperkults: Der Frauenschwarm lancierte das erste Fitnesscenter und arbeitete als erster Privattrainer.

Geformt wie eine griechische Statue: Eugen Sandow verzückte mit Superbody und Bärenkräften. Foto: Everett Collection, Keystone

Geformt wie eine griechische Statue: Eugen Sandow verzückte mit Superbody und Bärenkräften. Foto: Everett Collection, Keystone

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Geht der Mensch heutzutage ins Gym, erwarten ihn: Muscle Pump, Bauch­Express, Functional-Gruppentraining, Power Yoga und vieles mehr, das der Gym-Abstinente eher nicht versteht. Was er weiss: Im weitesten Sinn schwitzt sich der Fitnesscenter-Besucher fit, stärkt also seine Muskeln und verbessert seine Ausdauer. Dabei sind Muscle Pump oder Bauch-Express keine Erfindungen unserer Zeit. Bloss die Worte sind neu. Schon der Grieche Milon arbeitete vor 2500 Jahren systematisch an ­seinem Körper. Weil diesem Kraftathleten allerdings noch Hanteln und andere praktische Utensilien fehlten, hievte er Kälber immer wieder über seinen Kopf. Das behaupten zumindest seine Bio­grafen.

Als Vater des Sixpacks – anhand von Fotos eher schon Eightpack – aber gilt ein anderer: Eugen Sandow. Vor 150 Jahren kam dieser als Friedrich Wilhelm Müller in Königsberg in Preussen zur Welt. 1925 starb Sandow als Wegbereiter des modernen Körperkults, als Millionär und Celebrity. Denn Sandow, der im Sommer 1897 an der St. James’ Street in London das erste Fitnesscenter der Welt erfand, verkörperte eine Vielzahl an Rollen und Wunschbildern: Er war Chippendale, Bodybuilder, Businessman, Medienpionier, Frauenschwarm und Gesundheitsexperte. Und das zu einer Zeit, als sich die Mehrheit der ­Menschen noch kein bisschen um ihre Gesundheit scherte bzw. scheren konnte.

Der sitzende Mensch

Dabei setzte sich um die Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert eine Arbeitsform durch, die unser Leben weiter prägt: die sitzende. Der Durchbruch des Büro­gummis führte zu einer massiven Reduktion an (Fort-)Bewegung mit all ihren Folgen. Dagegen kämpfte Eugen Sandow an, beispielsweise mit seinen Fitnesscentern, aber auch mit einem Magazin, mit Büchern und einem News­letter. Nicht jeder Mann – Frauen zählten damals noch nicht zu den Kunden – konnte sich schliesslich ein Fitness-Abo bei Sandow leisten. Darum schickte er ihnen Tipps nach Hause und behandelte in diesen Rundschreiben viele Themen wie Schlaf (möglichst viel), Baden (dito, gerne auch sehr kalt), Ernährung (ausgewogen, aber kalorienreduziert), Training (muss Spass bereiten und soll gesund halten), Variation und Periodisierung im Training (wichtig, um Fortschritte zu erreichen) oder Supplemente – im Idealfall seinen Kakao, den er angesichts der aufkommenden Konkurrenz aber bald nicht mehr vertreiben konnte, weil die Grosshändler die Preise auf ein Minimum drückten.

Seinen zahlreichen prominenten Kunden diente Sandow gerne als Fitnesscoach, heute «Neudeutsch» Personal Trainer genannt. So schrieb etwa Sir ­Arthur Conan Doyle, der Sherlock­Holmes-Erfinder, in seiner Biografie: Nur dank des regelmässigen Schwitzens bei Sandow habe er einen schweren Auto­unfall unversehrt überlebt, obschon er 1 Tonne Gewicht habe aushalten müssen (das Auto lag auf Doyle). Doch wie war dieser Sandow gebaut? Brust­umfang: 157,5 cm (angespannt!). Taille: 73,5 cm. Bizeps: 49,5 cm. Oberschenkel: 68,6 cm – das Ganze bei 95 kg auf 1,77 m.

15'000 Schaulustige in London

Der Schriftsteller Doyle war als Juror auch an Sandows Seite, als dieser im September 1901 vor 15'000 Schaulustigen in der Albert Hall den ersten Bodybuilding-Wettbewerb organisierte. Der Sieger erhielt eine goldene Statue von Sandow in Kleinformat. Noch heute darf bzw. muss der Mr. Universe nach der Krönung ein Sandow-Männchen entgegennehmen.

Dass der «stärkste Mann» seiner Zeit weit über England hinaus bekannt war, hängt mit seinen Touren und dem Aufkommen neuer Medien zusammen: Sandow tingelte als Kraftartist durch Europa, die USA und Australien. Gerne mimte er auf Bildern die Idealverkörperung des alten Griechen – oder trat 1894 gar in den ersten Kurzfilmen des Erfinders Thomas Alva Edison in den USA auf. Sandow formte seinen Körper anhand antiker Figuren. Deren perfekte Symmetrie versuchte er, auf sich zu übertragen. Folglich galt es, die Proportionen zu wahren, womit sich Sandow als Vater der Bodybuilder massivst von seinen Urenkeln unterscheidet. Sie erreichen – auch dank illegaler Mittel – bisweilen bizarre Verformungen.

Pferde hochgehoben

Sandow verfügte über Bärenkräfte: Bei seinen Shows, erst in noblem Zwirn, dann bloss noch bescheiden verhüllt, hievte er Pferde hoch, liess einen Tisch mit mehreren Personen darauf auf seinen Rücken legen – oder schlicht einzelne Muskeln ausleuchten. Weil er wenig Berührungsängste kannte, durften ihn in Privataudienzen Frauen der höheren Gesellschaft für gutes Geld berühren, während er sich in Pose warf.

Professionell soll er sich diesen reiferen Groupies gegenüber verhalten haben, wie sein Biograf schrieb. Dass er vermutlich an Syphilis starb, muss dazu kein Widerspruch sein. Als VIP seiner Zeit – Sandow wurde etwa von König Georg V. 1911 zum Professor für wissenschaft­lichen Körperkult ernannt – dürfte er manche Bekanntschaft gemacht haben. Dennoch blieb der Lockenkopf und Schnauzträger die Jahrzehnte primär in Insiderkreisen wie den innigen Eisenstemmern präsent. Das hängt auch mit seinem Werdegang zusammen: Sandow trat mit 38 Jahren auf dem körperlichen Höhepunkt von den Bühnen ab.

Der (englischen) Öffentlichkeit blieb er als Mäzen erhalten: Für die Olympischen Sommerspiele 1908 in London spendete er ebenso Geld wie für die ­Expeditionen von Ernest Shackleton und Douglas Mawson in die Antarktis. Als sogenannter Nunatak, einem Felsen oder Berg über einem Gletscher, lebt er im ostantarktischen Königin-Marie-Land fort: Der Mount Sandow überragt den Denman-Gletscher 18 Kilometer südwestlich des Mount Amundsen. Das hört sich ähnlich surreal an wie viele Lebensfacetten dieses Tausendsassa.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.04.2017, 21:26 Uhr

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