Verkehrte neue Tessiner Eishockeywelt

Nach vier mageren Jahren suchen die südlichsten Klubs den Erfolg mit den Rezepten des jeweils anderen: Ambri durch offensiven Glanz, Lugano durch harte Arbeit.

Martin Kariya (l.) schenkt Ambri Glanz, Ben Clyder soll Lugano Stabilität verleihen.

Martin Kariya (l.) schenkt Ambri Glanz, Ben Clyder soll Lugano Stabilität verleihen. Bild: Keystone

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Vor 11 Jahren war das Tessin der Mittelpunkt der Eishockey-Schweiz. Heute traut sich südlich des Gotthards kaum mehr jemand, von einer Finalissima wie 1999 zu träumen, die Lugano gegen Ambri gewann. Seit Luganos Meistertitel 2006 erlebte das Tessiner Eishockey katastrophale Jahre: Lugano gewann keine Playoff-Serie und verpasste einmal sogar die Meisterrunde, Ambri gehörte zum Stamm der Playout-Teilnehmer und beendete die vergangene Qualifikation abgeschlagen auf dem letzten Rang.

Den Weg in eine bessere Zukunft suchen die Tessiner NLA-Klubs nun mit Rezepten, die traditionell typisch für den jeweils anderen waren. «Wir werden mehr Tore schiessen», sagt Ambris CEO Jean-Jacques Aeschlimann. «Wir haben weniger Qualität im Kader, aber mehr Kampfgeist», sagt Luganos Sportchef Roland Habisreutinger.

Die Leventiner konzentrierten ihre bescheidenen Mittel auf dem Transfermarkt darauf, dem Team mehr offensiven Glanz zu verleihen. Mit den NLA-erfahrenen Kanadiern Martin Kariya und Yanick Lehoux lockten sie ein Sturmduo in die Valascia, das mit 13 Treffern in 9 Vorbereitungsspielen Anlass zur Hoffnung gab, dass der mit Abstand schlechteste Angriff des vergangenen Jahres (107 Tore) nicht mehr ganz so harmlos ist. Die zuletzt ebenfalls schwache Verteidigung wurde dagegen nicht verstärkt. Eine Playoff-Qualifikation wäre darum auch diese Saison eine grosse Überraschung. Wahrscheinlicher erscheint, dass wie 2008 beide Tessiner Klubs in die Abstiegsrunde müssen.

Viele neue Bozons für Bozon

Was den Klang der Namen betrifft, ist Ambris ungeliebter Bruder aus dem Sottoceneri der Transferverlierer des Sommers. Nach den schlechten Leistungen der letzten Saison hat Habisreutinger Lugano von Offensivkünstlern wie Robitaille, Hamilton und Lemm befreit. Dafür holte er als mannschaftsdienlicher eingestufte Spieler wie den Amerikaner Hennessy, die Kanadier Genoway (mit auf einen Monat beschränktem Vertrag) und Burki (in der Hoffnung auf baldige Einbürgerung) sowie Sébastien Reuille. Coach Philippe Bozon bekam viele neue Bozons, die sich wie einst der französische Stürmer mehr durch Arbeitswillen als durch Talent auszeichnen.

Die zuletzt anfällige Verteidigung soll der langjährige NHL-Stürmer Ben Clymer stabilisieren. Er hat aber wegen einer Entzündung im Knie die ganze Vorbereitung verpasst und fehlt wohl auch beim Saisonstart. Ungelöst blieb zudem Luganos Goalieproblem David Aebischer. Zumindest ist der Freiburger noch da – im Gegensatz zu anderen grösseren Budgetposten. NLA-Topskorer Robitaille darf trotz laufendem Vertrag nicht einmal mehr im Tessin trainieren und hält sich mit einem geschätzten Jahressalär von 700'000 Franken in Kanada fit. Der Schwede Akerman spielt auf teilweise Kosten von Lugano in Köln. Und auch die Auflösung des Vertrages mit Jewgeni Schirjajew war nicht gratis.

Luganos Tifosi dürfen aber noch hoffen, dass der Klub auch Geld für einen Spieler ausgibt, der dem Team wieder mehr Glanz verleiht. Das Interesse an der slowakischen Legende Satan ist erst ein Gerücht. Dafür landet der ebenfalls NHL-erprobte Lizenzschweizer Dan Fritsche wohl in Lugano, falls er in Nordamerika keinen Vertrag mehr bekommt.

Erstellt: 07.09.2010, 18:24 Uhr

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