Wenn die Türme müde werden

Der 16. Kilchberger Schwinget mit Königen, Stimmungsmachern und Sagengestalten.

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Im Festzelt Uf Stocken ist im Morgengrauen der Schwingerzmorge bereit. Die Völkerwanderung der Besucher vom Bahnhof hinauf zur Arena hat begonnen. Um 7.45 Uhr zur Nationalhymne sind die meisten der Plätze besetzt – offiziell fasst die Anlage 12'500 Zuschauer. Dazu kommen einige, die in der Nacht vielleicht über die Zäune geklettert sind. Gröbere Eingangskontrollen gibt es nicht, weil es keine braucht.

Anschwingen. Bei der Paarung Adi Laimbacher gegen Bruno Gisler greifen 199 Kränze zusammen. Gisler kann kein Jubiläum feiern, weil man in Kilchberg auf das begehrte Laub verzichtet. Nur der Sieg zählt. Mit Nöldi Forrer fällt nach ­Kilian Wenger der zweite König aus. Er verletzt sich an den Adduktoren und fährt nach Hause. Die beiden Leader der Nordwestschweizer, Christoph Bieri und Mario Thürig, fallen im ersten Gang schon ausser Rang und Traktanden.

Der Speaker meldet den Fund des ersten Handys. Zusammen mit zwei Bechern Kaffee sei es bei ihm abzuholen. Später kommen Autoschlüssel, Smartphones und andere Spielzeuge dazu. Am Nachmittag wird ein Hund abgegeben. «Wenn ihn niemand will, geben wir ihn zu den Lebendpreisen», droht der Mann am Mikrofon unter Gelächter.

2. Gang. Christian Schuler, der eine klaffende Wunde an der Stirn erleidet, schwingt mit Turban weiter. Der Berner Willy Graber schlüpft mit dem zweiten Sieg in seine Rolle des Publikumslieblings. Der Kleinste der Top­athleten zeigt als einziger grosse Boden­akrobatik – eiserne Beinscheren, bis der Gegner ins Sägemehl beisst, Überwürfe, wie nur er sie kann. Die Arena ist begeistert.

Der Berner spürt jeweils am Nachmittag seine Grenzen im Ring. Sein Gegenpol ist an diesem Tag der Giswiler Benji von Ah. Der SBB-Angestellte wirkt mit weis­sem Kopfschutz und einem mächtigen dunklen Bart wie einer Obwaldner Sage entsprungen. Der Grund für den Schmuck ist seine Teilnahme am nächsten Engelberger Bartabhauet. Bei diesem Brauch treffen sich die Älpler nach einem langen Sommer ohne Rasierschaum, um ihre Pracht abnehmen und wägen zu lassen. Gewährsleuten zufolge steht der Innerschweizer Rekord bei sieben Gramm.

Die Hauptpreise promenieren

3. Gang. Zwei der Favoriten begraben ihre Hoffnungen in der Mulde. Christian Stucki wirkt dabei seltsam passiv, obwohl er die Nacht vor dem Fest bei Freunden in Kilchberg verbrachte. ­Daniel Bösch, der mit dem Titelverteidiger im Anschwingen gestellt hat, verliert gar gegen Matthias Siegenthaler. Damit sind auch die Vertreter der Nordostschweiz geschlagen. Immerhin kämpft sich Bösch mit drei Zehnern danach noch auf den dritten Rang vor.

Das Jodlersextett «TV Alte Sektion Zürich» bringt zur Untermalung der Kämpfe «Chächi Manne». Die Hauptpreise promenieren auf dem Gelände. Siegermuni Wilson führt sie an. Er hat schon 20 Töchter, was man ihm aber nicht ansieht.

4. Gang. Der eine Stimmungsmacher (von Ah) bodigt den andern (Graber). Philipp Laimbacher setzt die Jagd der bissigen Innerschweizer fort, allerdings hat ihr Leader Christian Schuler Glück, dass der Kampfrichter nicht erkennt, dass er gegen Siegenthaler auf beiden Schultern lag.

Das Fernsehen scheut keine Mühen und bietet wie immer bei diesem Sport eine sempachsche Leistung. Nachdem in der Mulde die Könige auszugehen drohen, sind oben auf der TV-Tribüne drei weitere im Experteneinsatz: Thomas Sutter, Jörg Abderhalden und Adrian ­Käser, dessen Sohn Remo in Kilchberg zu den jungen Wilden gehört.

5. Gang. Matthias Sempach demontiert den führenden Schuler souverän. Philipp Laimbacher schliesst zum Innerschweizer und zu Thomas Sempach auf und qualifiziert sich mit gleicher Punktzahl für den Schlussgang.

In Kilchberg scheint nach drei verregneten Turnieren seit 1996 zum ersten Mal die Sonne. Sonnenhüte und –brillen statt Pelerinen. Die Regenschlachten Uf Stocken sind nur noch Vergangenheit. Allerdings setzt die ungewohnte Hitze den Athleten zu. Die müden Türme sehnen in der Mehrheit das Ende der Gänge herbei.

Schlussgang. Nur einer nicht. Matt­hias Sempach, der König von Kilchberg – bis 2020.

Erstellt: 08.09.2014, 07:00 Uhr

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