Werden während der Superbowl mehr Frauen geschlagen?

Die Superbowl ist das grösste Sportereignis der USA – entsprechend viele Legenden ranken sich darum. Was ist wahr?

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In der Nacht duellierten sich in Glendale, Arizona, die Seattle Seahawks und die New England Patriots um die Vince-Lombardi-Trophäe für den Sieger der Nordamerikanischen Football-Liga (NFL). Über 100 Millionen Amerikaner verfolgten das Grossereignis vor dem Fernseher, der erste Sonntag im Februar, an dem die Superbowl traditionellerweise stattfindet, ist ein fester Termin in ihrem Kalender. Der Einfluss des Grossanlasses auf die amerikanische Gesellschaft ist gross. Umso mehr Legenden werden rund um das Grossereignis erzählt. Doch wird während der Pausen wirklich das Wasser knapp? Schlagen die Amerikaner an diesem Tag häufiger ihre Frauen? Tagesanzeiger.ch/Newsnet klärt auf.

Die USA bereiten sich auf die 49. Austragung der Superbowl vor. Video: Reuters

Behauptung: Während der Superbowl verzehren die Amerikaner rund 14 Milliarden Hamburger.

Diese enorm hohe Zahl hat unter anderem Fox News verbreitet. Bei 316 Millionen Einwohnern in den USA müsste ein Einwohner im Schnitt 44,3 Hamburger essen, damit am Schluss 14 Milliarden Stück wegkommen. Auch wenn die USA im Ranking der übergewichtigsten Länder vorne mitmischen: ein Ding der Unmöglichkeit. Auch die Zahl von über 1,2 Milliarden Litern Bier, die während der Superbowl getrunken werden sollen – knapp vier Liter pro Person –, dürfte ins Reich der Mythen gehören.

Das heisst jedoch nicht, dass alle grossen Zahlen zu Ernährung und Superbowl erfunden sind: Der Pizzalieferdienst Domino's rechnet mit 11 Millionen Stück Pizza, die die Kuriere am Abend der Superbowl ausliefern werden. Und gemäss National Chicken Council werden 1,25 Milliarden Chicken Wings verdrückt – genug, um auf jedem Sitz in allen 32 NFL-Stadien 572 Hühnerflügel zu platzieren.

Behauptung: Weil in den Pausen der Superbowl Millionen von Amerikanern gleichzeitig die Toilette aufsuchen, wird die nationale Wasserversorgung knapp.

Diese Legende hält sich wohl am hartnäckigsten. Zeit, ein für alle Mal damit aufzuräumen: Die Behauptung ist falsch. Studien haben zwar gezeigt, dass während der Pausen tatsächlich sehr viele Leute gleichzeitig die Spülung betätigen. Dass deshalb jedoch das Wasser knapp wird, ist Unsinn. Die «New York Post» hat sich nach dem Endspiel von 2012 (mit Beteiligung der New York Giants) dieses Mythos angenommen: Der Wasserspiegel eines Reservoirs in New York, der normalerweise bei rund 60 Zentimetern stehe, sei unmittelbar nach dem Schlusspfiff um circa fünf Zentimeter gesunken. Eine beträchtliche Menge, jedoch weit weg von Wasserknappheit.

Behauptung: In der Nacht nach der Superbowl kommt es häufiger zu Verkehrsunfällen als in gewöhnlichen Nächten.

Diese Behauptung ist wahr – der Anstieg ist sogar erschreckend deutlich. Die Universität Toronto hat 2003 nach Untersuchung von 23 Superbowl-Sonntagen herausgefunden, dass sich in den Stunden nach dem Schlusspfiff 41 Prozent mehr Verkehrsunfälle ereignen. In der Stadt des Verlierers stieg die Zahl der Crashs im Schnitt um 68 Prozent, in derjenigen des Gewinners bloss um 6 Prozent. In allen anderen Städten kam es im Schnitt zu 46 Prozent mehr Unfällen. Die Forscher führten die Zunahme darauf zurück, dass viele Leute angetrunken, müde und noch abgelenkt auf den Strassen unterwegs sind.

Behauptung: Anhand des Ausgangs der Superbowl lässt sich der Börsengang vorhersagen.

Die Superbowl vermag Wasserstände in Reservoirs oder Essensbestellungen bei Pizzalieferdiensten zu beeinflussen – aber den Aktienmarkt? Die Behauptung tönt absurd. Und doch besteht zumindest auf den ersten Blick ein Zusammenhang zwischen Finalausgang und Performance an der Börse. Das Onlineportal Snopes.com, das sich auf sogenannte moderne Mythen spezialisiert, nennt es den «Superbowl-Indikator». Die Football-Liga NFL besteht aus zwei Teilen, den sogenannten Conferences, die früher eigenständig waren und die American Football League beziehungsweise die alte NFL bildeten. Der Superbowl-Indikator besagt: Gewinnt ein Team aus der ehemaligen American Football League, so werden die Märkte im Kalenderjahr sinken. Gewinnt hingegen ein Team aus der alten NFL, steigen sie.

In 41 Jahren traf das 33-mal zu – also in rund 80 Prozent der Fälle. Eine erstaunliche Trefferquote, und doch ist es nicht empfehlenswert, Geld darauf zu setzen. Denn selbst wenn ein Zusammenhang zwischen den beiden Ereignissen bestehen sollte, könnte dieser auf andere, nicht offensichtliche Faktoren zurückzuführen sein – oder gar bloss auf Zufall.

Behauptung: Wegen der Superbowl boomen am Austragungsort Menschenhandel und Zwangsprostitution.

Wo viele Leute mit guter Laune und viel Alkohol sind, ist auch Sex nicht weit – so die verbreitete Meinung. Tatsächlich tauchen Berichte über eine Zunahme von Sexarbeiterinnen regelmässig vor grossen Sportanlässen auf. Im Fall der Superbowl hält sich die Zahl von 10'000 Prostituierten, die jeweils an den Austragungsort reisen, hartnäckig.

Gemäss dem Nachrichtenportal «Spiegel online» gab es bei der Superbowl in Texas 2011 keine einzige Verhaftung im Zusammenhang mit Sexhandel. 2012 in Indianapolis waren es gerade einmal zwei Verhaftungen, ebenso wie im darauf folgenden Jahr in New Orleans. Widerlegen lässt sich die Behauptung zwar nicht, doch bisher fehlen klare Hinweise, dass die Austragung der Superbowl Prostitution fördert.

Behauptung: Am Tag der Superbowl kommt es zu mehr Fällen von häuslicher Gewalt als an gewöhnlichen Tagen.

Diese Behauptung gilt für viele als Fakt und taucht ebenfalls immer wieder im Zusammenhang mit grossen Sportereignissen auf – doch sie ist, zumindest auf die Superbowl bezogen, falsch. Gemäss der Internetseite Snopes.com geht die Behauptung zurück auf die Superbowl 1993. Damals machten verschiedene Organisationen im Vorfeld des grossen Spiels auf das Problem aufmerksam. Das Medienecho war gross, doch nur wenige Medien hinterfragten die Quelle der Behauptung. Eines davon war die «Washington Post». Sie fand heraus, dass häusliche Gewalt an Tagen von Footballspielen nicht auffällig ist – im Gegensatz zu grossen Feiertagen wie etwa Weihnachten, an denen sich die Zahl der Fälle jeweils verfünffacht.

Erstellt: 01.02.2015, 17:02 Uhr

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