«Wir Zürcher wollen tonangebend sein»

Warum die Weltklasse-Zürich-Direktoren sich auf die Schultern klopfen dürfen und 100-m-Zeiten unter 10 Sekunden nicht gleich mit Doping in Verbindung bringen.

So gehts: Shaunae Miller-Uibo, Olympiasiegerin 2016 über 400 m, trainiert im Letzigrund mit Kindern. Foto: Tom Kawara

So gehts: Shaunae Miller-Uibo, Olympiasiegerin 2016 über 400 m, trainiert im Letzigrund mit Kindern. Foto: Tom Kawara

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Weltklasse Zürich vom ­Donnerstagabend ist einmal mehr ausverkauft. Ist das Organisieren ein Selbstläufer?
Christoph Joho: Man kann im kompetitiven Zürcher Event-Umfeld nicht einfach ein paar Plakate aufhängen – und sofort sind die Plätze weg. Ich bin darum jedes Mal sehr nervös, wenn der Ticketverkauf losgeht. Dabei führe ich diesen Bereich seit 12 Jahren. Unsere Strategie: Wir müssen wissen, wo unsere Fans sind, und direkt mit ihnen kommunizieren. Bestes Beispiel dafür ist der UBS-Kids-Cup (Nachwuchsserie mit 17000 Kindern pro Jahr), den wir organisieren. So kommt die ganze Familie mit der Leichtathletik in Kontakt. Wir führen nun am Meeting bereits fünf Familien-Sektoren. Sie tragen mit 4000 Personen rund ein Sechstel zu allen Zuschauern bei. Dabei findet Weltklasse am Donnerstagabend statt, was keine familienfreundliche Zeit ist.

Ist diesen Familien egal, wer startet, kommen sie ohnehin?
Joho: So kann man das nicht sagen. Die Leute wissen einfach, dass wir für das Beste in unserem Sport stehen – und damit die internationale Weltklasse sowie die besten Schweizer am Start haben. Dieser Mix ist sehr wichtig. Viele Organisatoren denken da verkürzt. Sie setzen einzig auf einen grossen Namen – lange war das Usain Bolt. Fehlt er, wird das Meeting blass. Darum führen wir regelmässig Umfragen bei Zuschauern, Sponsoren und Athleten durch, wie ihnen der Abend gefallen hat.

Überzeugt Weltklasse?
Joho: Wir wurden zuletzt mit 5,6 benotet – auf einer Skala von 1 bis 6. Das ist Rekord bezüglich Gesamtzufriedenheit.

Dass der Leichtathletik zurzeit die Stars fehlen, verkraften Sie also locker?
Andreas Hediger: Ich wehre mich dagegen, frühere Zeiten zu verklären. Die damaligen Grössen füllten ein Stadion nie im Alleingang. Das ist ein Mythos. Wichtiger sind starke einheimische Athletinnen und Athleten, mit denen sich die Zuschauer identifizieren können. Dass wir mit Mujinga Kambundji, Kariem Hussein oder Lea Sprunger momentan über solche verfügen, hilft uns Organisatoren und damit unserem Ticketverkauf zweifellos mehr. Darum investieren wir viel in den Nachwuchs der Schweizer Leichtathletik.

Zürich steht für Weltklasse, der letzte Weltrekord liegt zehn Jahre zurück. Oft sind nur schon Jahresweltbestleistungen rar. Stört das die Zuschauer?
Joho: Gemessen am Feedback und der erwähnt hohen Note: Nein. Wir müssen es einfach schaffen, dass der sogenannte Funke springt, das Stadion kocht. Weltrekordversuche aber erwähnen wir im Vorfeld nicht einmal mehr, dabei stand Zürich lange für diese Vorgehensweise. Man signalisierte den Zuschauern damit auch: Wenn es in Zürich heute Abend nicht chlöpft, wird es ein durchschnittliches Meeting. Andreas und ich finden: Weder wollen wir solche Erwartungen schüren, noch andere Leistungen abwerten. Ohnehin tragen viele Faktoren zu einem begeisternden Leichtathletik-Abend bei.
Hediger: Gleichzeitig ist es natürlich nicht so, dass wir einen Weltrekord verhindern würden. (lacht ) Wir versuchen durchaus, die Voraussetzungen für einen Exploit zu schaffen. In vielen Disziplinen aber nähern wir uns dem Limit. Entsprechend gering ist darum die Chance auf einen Weltrekord.

Wie bringen Sie den sogenannten Funken zum Springen? Sie haben ein kleines Konzert nach Meetingende eingeführt. Setzen Sie auf Eventisierung?
Joho: Sie täuschen sich. Der Kern ist und bleibt der Sport, das ist unsere DNA. . .
Hediger: . . . und darum verfügen wir auch über eine hohe Stammkundschaft. Circa 70 Prozent kommen immer wieder ans Meeting. Das bedeutet allerdings auch: 30 Prozent sind stets neu, was ich bemerkenswert finde. Aber natürlich versuchen wir, einen stimmigen Abend zu kreieren, zu dem ein bisschen Choreografie gehört. Es soll fliessen, knackig und schön sein, also auch das Herz berühren. Trotzdem: Zentrum ist der Sport ? eine Eventisierung, wie Sie sagen, betreiben wir keinesfalls!

Inwiefern hilft Ihnen, dass Sie Teil der höchsten Meetingserie sind ? der Diamond League?
Hediger: Das ist schlicht eine Notwendigkeit. Wir brauchen dieses Businessmodell der Diamond League, also der Serie von 14 Anlässen, damit wir als Sportart im globalen Markt bestehen können. Würden wir uns alleine zu behaupten versuchen, wären wir chancenlos. Wir brauchen den Verbund, es ist unsere Strategie zum Überleben.

Aber seien wir ehrlich: Die Serie ist auch nach Jahren ein Flop, weil sie von der grossen Mehrheit ignoriert wird. Diese freut sich ausschliesslich auf Weltklasse Zürich.
Hediger: Sie dürfen nicht alles aus der Schweizer Perspektive betrachten. Sie ist zu verkürzt. Denn Fakt ist, dass wir als Einzelkämpfer im Sportmarkt untergehen würden. Darum braucht es eine kritische Grösse. Wir sehen sie bei circa 12 Veranstaltungen pro Jahr. Wir Zürcher haben den Anspruch, in dieser Serie tonangebend zu sein. Und das sind wir auch. Die Finals 2020 und 2021 werden vollumfänglich in Zürich ausgetragen.

Dann werden Sie fast über eine Woche die Leichtathletik präsentieren ? auch mit Wettkämpfen in der Stadt. Ist die Ausweitung über das Stadion hinaus die künftige Inszenierungsart?
Joho: Unser Ziel für 2020 und 2021 ist tatsächlich: die Leichtathletik in schönen Teilen von Zürich den Einwohnern zu präsentieren, als Ouvertüre zum Meeting. Wir wollen mit bestimmten Events hinaus ? und ein anderes Publikum erreichen, wie wir das mit dem Stabhochspringen im HB (heute ab 18.30, die Red.) bereits tun. Aber: Man kann nicht einfach eine Matte aufstellen und ein paar Athleten über eine Latte gumpen lassen. Die Events müssen professionell organisiert sein. Entsprechend gross ist der Aufwand. Den können oder wollen viele Meetings nicht leisten. Trotzdem möchten wir sie dazu motivieren.


Video: Die Kunst des Stabhochsprungs

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In die Zukunft gedacht wäre auch, wenn Weltklasse mit den anderen Topmeetings in den Anti-Doping-Kampf investieren würde. Nur: Da kommt nichts. Ist Ihnen sauberer Sport egal?
Joho: Im Gegenteil. Wir versuchten uns innerhalb der Diamond League für einen Fonds einzusetzen. Mit dem Geld hätten Athleten zusätzlich getestet werden können. Aber das ist, will man es gut machen, teuer.

Die Doping-Bekämpfung hat für viele Meeting-Organisatoren also keine Priorität?
Hediger: Das ist eine polemische Frage. Denn die Leichtathletik kontrolliert so viel und effizient wie kaum ein anderer Sport. Aber viele Organisatoren sind schlicht froh, wenn sie ihre Budgetzahlen erreichen. Entsprechend müssen sie entscheiden, was ihnen wichtig ist. Das bedeutet keineswegs, dass ihnen sauberer Sport egal wäre.

Können Sie einen 100-m-Sprint noch mit naiver Kindlichkeit anschauen ? im Wissen, dass von den zehn schnellsten Männern je fast alle als Betrüger überführt wurden?
Joho: Ich freue mich über eine gute Leistung und hege nicht gleich den Generalverdacht.

Sie haben die Fanperspektive?
Joho: Ich finde es einfach falsch, alle als Doper zu verdächtigen. Hediger: Bei mir sind das Wellen: Nach negativen Schlagzeilen bin ich enttäuscht, hinterfrage den Sport. Zugleich weiss ich als Coach (Hediger führte Marcel Schelbert zu WM-Bronze über 400 m Hürden, die Red.), dass man sauber Weltklasse sein kann. Also warum soll es nicht noch talentiertere und besser trainierte Athleten geben? Ich glaube darum, dass gar Weltrekorde ohne Doping möglich sind – und mit Sicherheit 100-m-Sprints unter 10 Sekunden.

Erstellt: 28.08.2019, 10:23 Uhr

Die Doppelspitze

Mit Christoph Joho (53, links) und Andreas Hediger (53) wird Weltklasse Zürich seit 2015 von einem Duo geführt. Sie sind im LC Zürich sportlich gross geworden, Joho war als Junior einer der besten Schweizer über 800 m. Hediger coachte über Jahre die stärksten Schweizer, darunter mit Marcel Schelbert den WM-Dritten von 1999 über 400 m Hürden. Joho ist Vater von 3 Kindern, Hediger kinderlos, beide studierten ­Wirtschaft. (cb)

Diamond League

Ab 2020 wird die Diamond League in leicht veränderter Form ausgetragen. Neu wird sie aus 12 Meetings plus 1 Final bestehen ? bisher sind es 12 Meetings und 2 Finals, davon einer in Zürich und einer in Brüssel. Weltklasse wird 2020 und 2021 den Final ausrichten, danach kann sich jeder Veranstalter für den Final bewerben. Die Anzahl der Diamond-League-Disziplinen wird von 32 auf 24 reduziert, je 12 für Frauen und Männer. Jedes Meeting wird für das Fernsehen so produziert, dass während 90 Minuten nur Diamond-League-Disziplinen gezeigt werden ? bislang sind es 120 Minuten mit Zusatzdisziplinen. Der Rhythmus soll also gesteigert, zugleich aber die Verständlichkeit für die Zuschauer mit Innovationen in der TV-Produktion erhöht werden. (cb)

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Tem consequis quasi nobt optur sum quas aligendem dolest, inulparcid con coremque nobit is se vo 100 Tem consequis quas nobt optur sum quas aligendem dolest, inulparcid con coremque nobit is se vo 200 Tem consequis quas nobt optur sum quas aligendem dolest, inulparcid con coremque nobit is se vo 300 Tem consequis quas nobt optur sum quas aligendem dolest, inulparcid con coremque nobit is se vo 400 Tem consequis quas nobt optur sum quas aligendem dolest, inulparcid con coremque nobit is se vo 500 Tem consequis quas nobt optur sum quas aligendem dolest, inulparcid con coremque nobit is se vo 600 Tem consequis quas nobt optur sum quas aligendem dolest, inulparcid con coremque nobit is se vo 700 Tem consequis quas nobt optur sum quas aligendem dolest, inulparcid con core.

Ab 2020 wird die Diamond League in leicht veränderter Form ausgetragen. Neu wird sie aus 12 Meetings plus 1 Final bestehen ? bisher sind es 12 Meetings und 2 Finals, davon einer in Zürich und einer in Brüssel. Weltklasse wird 2020 und 2021 den Final ausrichten, danach kann sich jeder Veranstalter für den Final bewerben. Die Anzahl der Diamond-League-Disziplinen wird von 32 auf 24 reduziert, je 12 für Frauen und Männer. Jedes Meeting wird für das Fernsehenso produziert, dass während 90 Minuten nur Diamond-League-Disziplinen gezeigt werden ?bislang sind es 120 Minuten mit Zusatzdisziplinen. Der Rhythmus soll also gesteigert, zugleich aber die Verständlichkeit für die Zuschauer mit Innovationen in der TV-Produktion erhöht werden. (cb)

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