«Wir diskutieren, ich entscheide»

Zoltan Jordanov hat als Nationaltrainer der Schweizer Kunstturnerinnen nach Ariella Kaeslin auchGiulia Steingruber zum EM-Titel am Sprung geführt. Nun arbeitet er an der EM in Sofia an ihrem nächsten Erfolg.

Eine Schweizer Medaillenschmiede: Zoltan Jordanov in der ständigen Trainingshalle in Magglingen. Foto: Fabian Unternährer (13 Photos)

Eine Schweizer Medaillenschmiede: Zoltan Jordanov in der ständigen Trainingshalle in Magglingen. Foto: Fabian Unternährer (13 Photos)

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Zoltan Jordanov, Sie müssen ein glücklicher Trainer sein.
Das bin ich. Aber was meinen Sie ­konkret?

Sie fahren mit einer Turnerin zur EM, von der Sie wissen, dass sie Gold gewinnen kann.
Das stimmt sicher. Aber so, wie Sie das sagen, setzt es höllisch viel Druck auf uns beide auf. Es ist sehr viel schwieriger, die Medaille ein zweites Mal zu ­gewinnen. Giulia muss sich jetzt als ­Gejagte beweisen.

Wie kommt sie damit zurecht?
Das werden wir sehen, der Wettkampf lässt sich nicht simulieren. Wir müssen sicher keine Angst haben.

Trotz der Knieverletzung, die sie Ende März ausser Gefecht setzte?
Diese Pause bereitet mir leichte Sorgen. In der Vorbereitung hat sie das eingeschränkt, sie konnte nicht so trainieren, wie ich das gerne gehabt hätte. Da sie nach der Verletzung auch noch ein ­Virus einfing, musste sie letztlich einen Monat lang aussetzen. Unmittelbar vor einem Grossanlass ist das viel.

Hat sie das kompensiert?
Wir haben jetzt hart darauf hingearbeitet, dass sie auf den Punkt ihre Topform erreicht. Mal sehen, ob es reicht.Am Sprung den Titel zu verteidigen, ist das primäre Ziel.

Und am Boden? Hat es sie überrascht, welch grosse Fortschritte sie auch da gemacht hat?
Nein, das war immer schon der Plan. Ich kannte ihr Potenzial und ihre Fähigkeiten. Am Boden könnte sich die Verletzungspause noch stärker auswirken – die Fitness könnte ein Problem sein. Kann sie ihre Übung voll durchziehen? Wenn ja, greift sie mit Sicherheit in den Medaillenkampf ein. Aber wir wollen nicht ­riskieren, dass sie sich erneut verletzt.

Wie dosieren Sie Risiko, fällen Sie ganz grundsätzlich Entscheide? Befehlen Sie, oder diskutieren Sie?
Wir diskutieren, dann entscheide ich. Oft muss ich sie bremsen, nicht umgekehrt. Sie hat das Gefühl: «Ich bin bereit, volles Risiko zu gehen.» Aber ich insistiere: «Nein, bist du nicht.» Meistens ­finden wir danach einen Kompromiss.

War das früher anders?
Ja, früher war das mehr ein Befehlen. Und das ist im Turnen völlig normal. Jetzt ist sie 20, und ich behandle sie wie eine Erwachsene. Wir sind Partner, manchmal widerspricht sie mir auch. Darum ist es ja auch einfacher für einen Trainer, mit Mädchen zu arbeiten als mit jungen Frauen (lacht).

Warum trainieren Sie überhaupt Frauen und nicht Männer?
Bei meinem ersten Trainerjob in Ungarn habe ich mit Männern gearbeitet. Männer sind stärker ichbezogen und trainieren selbstständiger. Frauen haben es lieber, wenn sie eng begleitet werden. Sie brauchen Anweisungen. Und ich bin eher dieser Typ Trainer. Ich verlange aber auch Eigeninitiative.

Vor drei Jahren stiess Steingruber fast ohne Vorankündigung in die Weltspitze vor, als sie an der EM in Berlin als Qualifikationssiegerin den Sprungfinal erreichte. Wie beurteilen Sie ihre Entwicklung seither?
Es war eine Explosion. Bis 2011 war sie eine gute Turnerin, aber kein Champion. In Berlin zeigte sie, dass sie Siegqualitäten hat. Damit hat sie sich auch selber überzeugt, sie wurde viel selbstbewusster. Sie hat all ihre Übungen danach in schnellem Tempo verbessert und den Schwierigkeitsgrad gesteigert. Und trotzdem: Ich sehe noch viel Luft für Verbesserungen. Sie hat noch lange nicht ihr Topniveau erreicht. Will sie 2016 in Rio um Olympiamedaillen turnen, muss sie sich auch am Sprung weiter steigern.

Ist Steingruber schwierig zu führen?
Ich hatte schon mit deutlich schwierigeren Charakteren zu tun. So gesehen, bin ich gesegnet. Wer auf diesem Niveau turnt, braucht Persönlichkeit, einfach ist das mit keiner. Mit ihr hatte ich bis jetzt aber noch keinerlei Probleme. Sie ist sehr angenehm und eine soziale Person. Sie ist nett zu allen und hilft den jüngeren Turnerinnen. Es gibt keinen Zweifel, dass sie der richtige Captain für das ­Nationalkader ist.

Diese Rolle musste sie 2011 gezwungenermassen übernehmen, als ihre Vorgängerin Ariella Kaeslin über­raschend zurücktrat.
Ariella war nicht Captain.

Aber Teamleaderin.
Ja, aber zum Captain konnte ich sie nicht machen. Ariella war in ihrer eigenen Welt daheim. Sie ist eine ganz andere Person als Giulia.

Vor sieben Jahren kamen Sie in die Schweiz. Hätten Sie gedacht, dass Sie gleich mit zwei Turnerinnen WM- und EM-Medaillen gewinnen würden?
Nein, das ist für mich eine Überraschung. Die Breite im Schweizer Kunstturnen ist klein, es gibt nicht viele Turnerinnen. Unter diesen Voraussetzungen solche Erfolge zu feiern, ist schwierig. Aber wir haben davon profitiert, dass wir zwei Turnerinnen mit ausser­gewöhnlichen Fähigkeiten hatten. Und die bereit waren, hart für den Erfolg zu arbeiten. Wie Giulia war vor ihr auch Ariella eine gute Turnerin, aber zunächst keine Spitzenturnerin.

Turnen hat in der Schweiz eine grosse Tradition, aber wie in vielen Randsportarten fehlt das Geld. Macht es das zusätzlich schwierig?
Das würde ich nicht sagen. Wir haben ­alles, was wir brauchen – was wir vom Verband bekommen, ist genug. Wir ­haben eine limitierte Anzahl Turnerinnen, ich wüsste also gar nicht, wofür ich mehr Geld ausgeben könnte. Ich hätte lieber mehr Turnerinnen als mehr Geld. Letztes Jahr stieg eine einzige Juniorin ins Nationalkader auf (die 16-jährige ­Zürcherin Stefanie Siegenthaler).

Ist das eine Frage der Struktur innerhalb des Verbands?
Nein, es ist eine Frage der Anzahl Einwohner. Das System des Verbands ist sehr gut mit den Vereinen, den regionalen Leistungszentren und schliesslich Magglingen, wo die Spitze zusammenkommt. Diese Pyramide passt zur Schweiz. Doch Kunstturnen ist nun einmal ein sehr schwieriger und aufwendiger Sport. Und viele, die gerne turnen, zieht es in einem gewissen Alter vielleicht eher ins weniger anspruchsvolle Geräteturnen. Es ist schön, wenn sie sich bewegen, macht es für uns aber nicht einfacher, junge Talente zu finden.

Gibt es denn keinen Kaeslin- oder Steingruber-Effekt?
Bei den Juniorinnen hat er noch nicht durchgeschlagen. Bei den Jüngsten scheint es ihn aber zu geben. Es stossen mehr nach. Hoffentlich auch – eine ­bessere Werbung fürs Kunstturnen als all diese Erfolge gibt es ja gar nicht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.05.2014, 20:37 Uhr

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