«Wir senden uns 600 SMS pro Monat»

Brett Sutton formte Nicola Spirig zur Triathlon-Olympiasiegerin und arbeitet daran, Caroline Steffen zur Hawaii-Siegerin zu machen. Er gilt als Coach mit einem eigenwilligen Stil – und hat Erfahrung als Tiertrainer.

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In Leysin schlägt Brett Sutton jeweils sein Sommerlager auf. Die Wahl fiel einst aus einfachen Gründen auf den Waadtländer Wintersportort: Suttons Frau ist Westschweizerin, in Leysin gibt es eine grosse englischsprachige Gemeinde, was dem Australier, der ausser Oui, Non und Merci kein Wort Französisch spricht, zum Vorteil gereicht. Mit ihm installiert sich hier im Sommerhalbjahr auch seine Trainingsgruppe, deren Aushängeschilder zwei Schweizerinnen sind: Olympiasiegerin Nicola Spirig und Langdistanzathletin Caroline Steffen, die in zweieinhalb Wochen auf Hawaii Ironman-Weltmeisterin werden will.

Suttons Charisma ist augenfällig, auch beim Fototermin, wo der 52-Jährige wie eine Mischung aus Klaus Kinski und Johnny Cash in die Kamera blickt. Sutton hat auch eine sehr kauzige Seite. So beliebt er, sich jeweils von nur einem Lebensmittel zu ernähren. Eine Weile lang war das Coca-Cola, später gemischt mit Milch. Einmal ass er während Wochen ausschliesslich Powerbar-Energieriegel, die seine Athleten im Wettkampf zu sich nehmen. Bei unserem Besuch schwor er gerade auf Rüeblisaft.Sutton ist auch wegen einer Geschichte aus seiner Vergangenheit eine umstrittene Persönlichkeit. 1999 gestand er vor einem Gericht in Australien, sich als 27-jähriger Trainer an einer 14-jährigen Schwimmerin vergangen zu haben. Aber nur, nachdem im Gegenzug der Vorwurf der Vergewaltigung fallen gelassen worden war. Er wurde zu zwei Jahren bedingt verurteilt und drei Jahre als Trainer gesperrt.

Bis heute ist er deshalb ein Aussenseiter in der Szene geblieben, ein Sonderling. Er betrachtet die Rennen seiner Athleten meist aus der Distanz, lässt ihre Resultate für seine Arbeit sprechen.

Das Interview findet an einem Trainingstag in Leysin statt, während seine Athleten auf einer leicht ansteigenden Strasse Bergintervalle trainieren.

Wie machten Sie aus Nicola Spirig eine Olympiasiegerin?

Durch unendlich viele Auseinandersetzungen mit ihr. Schauen Sie mein Haar an: Ich hatte einst volles Haar! Das ist ihre Schuld.

Was sahen Sie in Spirig, dass Sie sie trainieren wollten?

Ich sah sie 1997 erstmals in einem Rennen, 1998 dann als 16-Jährige bei der Junioren-WM in Lausanne. Ich war wirklich sehr, sehr begeistert, wie sie lief. Dann entwickelte sie sich zur Frau, körperlich. Als Kind konntest du praktisch durch sie hindurchsehen, sie war nah an der Magersucht. Dann wurde sie grösser, und ihre Karriere schien wegen der vielen Verletzungen den Bach hinunterzugehen. Ich war als Coach die allerletzte Option. Reto (Hug, ihr Lebenspartner) kontaktierte mich 2005, als sie einen Ermüdungsbruch erlitten hatte. Er sagte: «Sie braucht eine starke Persönlichkeit als Coach. Würdest du mit ihr sprechen, wenn ich sie dazu brächte, mit dir zu sprechen?» Eigentlich war es dann kein Gespräch, sie attackierte mich andauernd, sagte mir, warum sie nicht mit mir trainieren würde, wie dumm es von Reto gewesen war, mich zu kontaktieren. Worauf er sich bei mir entschuldigte. Ich sagte: «Nicht nötig: Ich werde sie trainieren!» Mir hatte ihre Reaktion gezeigt, dass sie mit mir trainieren wollte. Ich will keine Ja-Sager um mich.

Trotz ihrer starken Persönlichkeit stellt Spirig Ihr Trainingsregime jedoch nie infrage.

Genau. Gegenüber starken Persönlichkeiten musst du einfach in der Lage sein, dich zu erklären - bei Nicola stets in dreifacher Ausführung. Aber wenn du sie auf deine Seite gebracht hast, wird sie dafür sterben. Ich sagte ihr auch geradeheraus: «Ich werde dich herumkommandieren. Wir diskutieren es, dann entscheide ich. Wenn dir das nicht passt, musst du einen anderen Trainer suchen.» Sie dachte immer, sie hätte nichts zu sagen. Ich sagte ihr: «Hast du gemeint, ich hätte so viel Erfolg gehabt, weil ich ein Idiot bin?»

Spirig wie auch Caroline Steffen sagen, dass Sie ihre Körper besser kennen würden als sie selbst.

Das ist ein Stück weit korrekt.

Warum?

Weil ich sie ständig beobachte. Nicola etwa trieb es zuletzt physisch zu weit, weil sie mental so getrieben war. Die ersten drei Jahre sagte ich zu ihr ständig: «Du musst härter arbeiten. So wirst du niemals eine WM gewinnen.» Jetzt ist es umgekehrt, ich sage stets: «Du trainierst zu hart, zu hart, zu hart.» Nun bin ich ihr Bremshebel. Zudem schaffte ich es, ihre Erwartungen deutlich höher zu setzen, als sie das von sich aus tat. «Irgendwann, wenn alles gut läuft, möchte ich einmal einen Weltcup gewinnen», sagte mir Nicola. Ich antwortete ihr: «So geht das nicht. Du willst Weltmeisterin werden. Oder die Olympischen Spiele gewinnen - so denken wir hier.» So erhielt sie Selbstvertrauen. Doch viel hat sie immer noch nicht.

Auch als Olympiasiegerin wirkt sie nicht wie die selbstbewusste Athletin, die aus der Gruppe heraussticht.

Genau, genau. Darum musste ich zu ihr im Training einen anderen Zugang finden. Sie sehen: Ich spreche im Training mit all meinen Athleten. Nur mit ihr nicht. Nie! Dafür senden wir uns 600 SMS. Pro Monat.

Tatsächlich?

Ja. Alle wissen: Wir kommunizieren nie persönlich miteinander. Ausser es geht nicht um Triathlon, dann können wir offen miteinander sprechen. Meine Frau macht das wahnsinnig.

Wie kommunizieren Sie im Rennen?

Ich feure sie nie an, sie mag das überhaupt nicht. Ich mache so (zeigt mit dem Daumen nach oben, in die Waagrechte und nach unten).

Wie ein Trainer bei Bahnradfahrern.

Genau. Sie ist wie eines meiner Pferde. Etwa dieses Jahr in Madrid (wo sie gewann): Ich sagte zu ihr auf der Laufstrecke: «Wie gehts?» Sie nickte leicht mit dem Kopf, mit leidend-verzogenem Gesicht. Da wusste ich, sie würde das Rennen gewinnen, und machte mich auf den Weg zum Hotel. Die anderen Coaches fragten: «Willst du denn nicht den Zieleinlauf sehen?» «Muss ich nicht, sie wird gewinnen», antwortete ich.

Sie trainierten einst auch Windhunde und Rennpferde und vergleichen diese mit Ihren Athleten. Gibt es tatsächlich Gemeinsamkeiten?

Absolut. Aus diesen Erfahrungen ziehe ich einen klaren Vorteil. Ich bin ein intuitiver Coach. Ich beobachte Leute und schaue, wie sie reagieren. Mit Athleten ist es so: Sie lügen dich an. Nicht absichtlich. Du hast immer solche, die dir sagen, sie seien müde, obwohl sie das nicht sind - sie denken nur, sie seien müde. Und dann gibt es jene wie Nicola. Sie tragen ihre eigenen Beine ins Training, nur um trainieren zu können. Um ein Pferd richtig zu trainieren, musst du jede seiner Bewegungen studieren, in diesen Müdigkeit oder Verletzungen entdecken. Das mache ich auch mit meinen Athleten.

Sie coachten schon Ihr ganzes Leben, begannen mit 15 . . .

. . . nun, mit 15 betreute ich mein eigenes Schwimmteam, ich coachte schon mit 12. Zwei meiner Brüder waren australische Schwimmmeister, ich aber war ein schwacher Schwimmer. Darum wurde ich Trainer.

War es für Sie klar, dass Spirig die Saison abbricht nach Olympia?

Sie brach nicht ab. Ich befahl ihr, abzubrechen.

Ich dachte mir so etwas. Als ich Spirig auf ihre nächsten Ziele ansprach, sagte sie: «Das muss ich erst mit dem Coach besprechen.»

Nicola ist eine Person, die ein langfristiges Ziel braucht, dann steuert sie darauf zu wie ein Laserstrahl. Wenn sie nun die Saison fortgesetzt und die WM-Serie gewonnen hätte, dann wäre sie danach, so glaube ich, zurückgetreten.

Wegen der Berufsmöglichkeiten durchs abgeschlossene Jus-Studium?

Genau. Als Nächstes hätte sie gesagt: «Ich baue mit Reto eine Familie auf, und ich werde danach Anwältin. Und dann werde ich eine grossartige Anwältin.» So ist ihr Kopf. Indem ich sie hiess, die Saison abzubrechen, sorgte ich für zweierlei: Erstens machte es sie nicht glücklich, zeigte aber, dass noch immer ich entscheide. Zweitens hat sie nun alle Zeit der Welt, um jegliche Medien- und sonstige Anfragen zu erledigen. Der Druck ist weg. Jetzt hat sie Zeit, um die Entscheidung über ihre Zukunft zu treffen. Ansonsten wäre diese automatisch gefallen. Denn zwei Wochen nach Olympia war sie noch besser in Form als in London. Dort war sie eigentlich krank.

Sie war zu früh in Form?

Nein, krank. Deshalb lief sie eine völlig andere Taktik, als wir vereinbart hatten. Eigentlich hätte sie mit dem Spurt bis zu den letzten 300 Metern warten sollen. Wie in Madrid, wie in Kitzbühel. Doch sie griff früh an, weil sie sich zumindest eine Medaille sichern wollte. Sie hatte schwere Magenkrämpfe.

Es ging gar nicht um die Beinkrämpfe?

Sie hatte überall Krämpfe. Schon zwei Tage vor dem Rennen - wegen der Magenkrämpfe. Doch wir hatten in den vergangenen drei Jahren ein Mantra: «Wir werden dich so gut vorbereiten, dass du den schlechtesten Tag haben und trotzdem antreten kannst.» So konnte ich ihr den Druck wegnehmen.

Wie sehen Sie Spirigs Zukunft?

Mein Plan ist: Wir erfinden sie für die nächsten vier Jahre neu, das ist meine Hoffnung. Nach Peking 2008 war es ja ähnlich. Sie konzentrierte sich für eine Weile voll auf ihr Studium.

Sie tönen den Wechsel auf die Langdistanz an - um für Rio 2016 auf die olympische zurückzukehren?

Absolut, ich werde versuchen, ihr das schmackhaft zu machen.

Erstellt: 25.09.2012, 16:49 Uhr

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