Zu Gast am Golf von Tosio

Renato Tosio ist neuerdings Manager eines Golfclubs. Seinen Gästen lässt er auf dem Platz jeweils den Vortritt. Davon profitieren: NHL-Spieler Nino Niederreiter und Peter Zahner, der Chef der ZSC Lions.

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Es ist immer gut, einen wie Tosio dabeizuhaben. Das Golfspiel birgt viele Gefahren – eine davon ist der gemeine Querschläger. Renato «Toto» Tosio, 48, 183 Einsätze als Torhüter der Schweizer Nationalmannschaft, Fanghand links, kann diese notfalls entschärfen. «Fangen kann ich, dafür bin ich da.»

Mit Tosio auf die Runde gehen Nino Niederreiter, NHL-Spieler der Minnesota Wild, und Peter Zahner, CEO der ZSC Lions – eine Runde Golf unter Eishockey-Experten. Seit Anfang Jahr ist Renato Tosio Manager des Golfclubs Domat/Ems, Chef eines kleinen Unternehmens: 27-Loch-Platz, 20 Angestellte, 3 Millionen Umsatz – das ist im Vergleich zum Unternehmen Peter Zahners, 52, CEO der ZSC Lions ein Klacks: Allein das Kader der ersten Mannschaft kostet mehr als 10 Millionen Franken. Tosio weist auf einen gewichtigen Nachteil Zahners hin: Der kann seine Gäste nicht gewinnen lassen.

Tosio hingegen lässt seinen Gästen den Vortritt – zumindest sagt er das. Auch wenn die Runde betont locker ist: Ein Spitzensportler, aktiv oder im Ruhestand, tut sich schwer damit, seinen Ehrgeiz zu verstecken. Dazu braucht man bloss Nino Niederreiter, 20, Stürmertalent aus Chur beim Putten zu beobachten: Er richtet seinen Ball akribisch aus, bevor er diesen spielt.

Ninos spektakuläre Kurven

Niederreiter schlägt den Ball mit einer Souplesse, die angesicht seiner Muskelmasse durchaus erstaunt. Sein Handicap spielte er innerhalb eines Jahres von 36 auf 15,6 runter – als Haudrauf wäre das schwierig. In den USA spielen fast alle Hockeyprofis Golf. Auf Twitter gibt es denn auch etliche Bilder mit Nino «and the Boys» auf dem Golfplatz. Der zurückhaltende, anständige Niederreiter zeigt beim Golfen durchaus Mut: Sei es mit auffälligen, gelb-schwarz gemusterter Hose, Golfschuhen mit Krokodillederimitat – oder mit spektakulären Schlägen. Mit seinem Driver erreicht er erstaunliche Weiten. Und er schlägt aussergewöhnliche Kurven, die dank dem typischen Emser Wind noch dramatischer ausfallen.

Tosio: Ich mag die geraden Bälle irgendwie doch lieber.

Niederreiter: Aber mit denen kannst du nicht um die Ecke spielen.

Es ist just dieser stete Wind, der Zahner, Handicap 25,6, so zu schaffen macht. Er spielt seit vier Jahren Golf, dafür hat er Tennis und Radfahren aufgegeben. Der Sport sei komplex, das fasziniere ihn. «So viel Technik, so viel Kopfarbeit.» In der ersten Mannschaft der ZSC Lions golfen zehn Spieler. Luca Cunti ist der beste, aber Torhüter Flüeler sei ihm auf den Fersen. Mit seinen Spielern geht Zahner nie auf den Platz. Auch wenn man im Hockey generell per du ist: Zahner ist Chef und nicht Kumpel. Er spielt – Corporate Identity – im Clubpolo.

Renato Tosio hat einen Schwung mit Vorwärtsdrang. Er holt nie allzu weit aus, wenn er seine Bälle schlägt. Auf die Distanz hat dies kaum Auswirkungen: Tosio spielt ein Handicap von 11,9 – das macht ihn als Clubmanager und Gastgeber durchaus glaubwürdig. Nebenbei dokumentiert er mit seinem iPhone Mängel auf dem Platz – und ärgert sich ordentlich darüber.

Handelsware Hockeyspieler

Nino Niederreiter weilt für drei Monate in der Schweiz. Es ist der einzige Heimaturlaub im ganzen Jahr – sonst treibt Niederreiter in Amerika seine Eishockeykarriere voran. Nichts wird dem Zufall überlassen: Niederreiter trainiert hier in der Schweiz mit Privattrainer, das detaillierte Programm – alle Übungen der zweieinhalbstündigen täglichen Trainingseinheiten sind auf Videos dokumentiert – stellt ihm sein Club zusammen. An diesem Dienstag vor dem Golfen arbeitete er zum Beispiel zwei Stunden an seiner Kondition.

Ende Juli fährt Niederreiter in ein dreitägiges Camp in Finnland, er freue sich, wieder auf dem Eis zu trainieren, sagt er. Äusserst erwünschter Nebeneffekt: Das Camp gibt ihm Gelegenheit, sich mit seinem neuen Captain bei Minnesota, dem Finnen Mikko Koivu gut zu stellen.

Anfang Juli, nach einer erfolgreichen Saison in der zweithöchsten US-Liga (50 Scorerpunkte) und einer auffälligen Weltmeisterschaft in Schweden (Silbermedaille) sass er bei seinen Eltern auf dem Sofa. Am TV liefen die NHL-Drafts, die Ziehung der grössten Talente unter 21. Am Rande fiel – für Experten und Nino selber überraschend – der Name Niederreiter.

Typisch für Eishockey

Niederreiter: «Nino Niederreiter traded to Minnesota.» Das hat sich schon speziell angehört. Sicher, ich wollte weg von den New York Islanders – aber direkt beeinflussen kannst du da nichts. Spieler gelten in der NHL als Handelsware – eigenartig, gerade für einen Spieler aus der Schweiz, wo dir schon als Junior Clubtreue und Loyalität eingetrichtert wird. Aber was willst du? Zuletzt geht es darum, in der besten Liga der Welt Hockey zu spielen.

Zahner: In Europa ist das anders. Da wird ein Spieler nicht alleine nach seiner Klasse beurteilt. Wir suchen Leute, die das Team ergänzen, in die Mannschaft passen, auf und neben dem Eis. Unterschreiben wir einen Vertrag, wollen wir dem Spieler vertrauen, sicher sein, dass er zu uns passt.

Niederreiter würde sicher in die Mannschaft der Lions passen. Zahner sagt, der Typ «strotzt vor Selbstvertrauen» – ohne abgehoben oder unnahbar zu erscheinen. Irgendwie typisch für das Eishockey: Die Spieler seien im Gegensatz zu den Fussballern auf dem Boden geblieben, sagt Zahner, der sich ob der «Eitelkeit und Arroganz» der Fussballer durchaus in Rage reden könnte. Dass Spieler sich permanent abschotten, vor den Medien, vor den Fans, «die ganze Zeit mit ihren Kopfhörern», würde er niemals akzeptieren.

Auf die Marke Tosio setzen

Tosios Transfer zum Golfclub Domat/Ems brachte dem 48-Jährigen «einen Perspektivenwechsel». Musste er als Unternehmer mit eigener Marketingagentur auf die Leute zugehen, ist es heute umgekehrt. Alle wollen etwas von Toto, alle kennen Toto – das ist mit ein Grund, weshalb der Golfclub Tosio nach Domat/Ems geholt. Er stelle heute noch eine «Marke» dar, sagt Clubpräsident Thomas Roth, und er verfüge über ein riesiges Beziehungsnetz. Der Club hat ihn direkt angesprochen, als es darum ging einen neuen Clubmanager zu suchen. Nach einigen Monaten lässt sich laut Roth eine Sache mit Sicherheit sagen: Noch nie war die Stimmung im Club derart gut wie heute.

Tosio: Es ist schwierig, sich im Alltag abzugrenzen. Als Clubmanager musst du dich zeigen, ab und zu mal eine Runde spielen und den Puls im Club fühlen. Daneben gibt es aber einiges zu organisieren, eben, einen Betrieb zu führen. Wenn du dir für alle, die etwas wollen fünf Minuten Zeit nimmst...

Zahner: Einer wie Tosio steht nie lange alleine da. Alle kennen ihn, alle sprechen ihn an, er gilt als offen und zugänglich. Wenn du ihn an einem Eishockeyspiel siehst, dann ist er immer umringt von Leuten, die etwas von ihm wollen.

Zahner kennt das: Er ist selber nie vom Eishockey losgekommen. Mit 20 musste er seine aktive Karriere beenden, heute hat er sämtliche Trainerdiplome und einen Executive MBA der Univerität Zürich in der Tasche. Er war jahrelang im Verband für die Nationalmannschaft verantwortlich, bevor er Ende 2007 als CEO zu den Lions stiess. Er steht im Ruf, aus den ZSC Lions ein straff geführtes Unternehmen gemacht zu haben. Nicht, dass sein Geschäft losgelöst von den Resultaten auf dem Eis funktionieren würde: Läufts gut auf dem Eis, läuft es gut daneben. Gespräche mit Sponsoren und solchen die man als Geldgeber gewinnen möchte, fallen viel leichter, wenn die Lions vorne mitspielen.

Selbst das Bier schlägt er aus

Zudem sind die «Experten» überall: Und sie teilen sich mit. Nach schlechten Spielen erreichen massenhaft Mails die Geschäftsstelle. Bei Zahner landen sie durchaus an der richtigen Stelle: Es geht um Taktik, Leidenschaft – und um den Trainer.

Niederreiter: Das ist im Sport schon extrem. Alle sind Experten, alle wissen alles besser. Wenn du Erfolg hast, ist das kein Problem, läufts nicht so, dann nervt es zum Teil gewaltig.

Zahner: Habe ich keine Verpflichtungen – sei es mit Politikern oder mit Sponsoren –, hüte ich mich davor, im Hallenstadion auf die Tribüne zu sitzen. Du hast nie deine Ruhe. Lieber schau ich mir das Spiel in einer kleinen Kabine hinter den Fans an – sonst komme ich vom Match überhaupt nichts mit.

Um 19.15 Uhr muss Niederreiter los. Tosio hat in einer Mail vorgewarnt: Nino habe es einen Termin «reingespielt», nach neuen Loch sei Schluss. Tatsächlich hat es Niederreiter eilig: Selbst das Bier, das Tosio der Runde schuldet, weil es einer seiner Abschläge nicht über den Damenabschlag hinausschaffte, schlägt er aus, «zuhause sind sie am Kochen». Tosio wird seine Schuld später begleichen – es ist eben immer gut, einen wie ihn dabeizuhaben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.07.2013, 12:20 Uhr

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