Zum achten Mal Olympia – mit 45 Jahren

Oksana Tschussowitina turnt immer weiter – danach will sie ihre Karriere beenden. Behauptet sie einmal mehr. Aber bislang kehrte sie immer wieder zurück.

Weltklasse über 29 Jahre: Die junge Oksana Tschussowitina 1990 an den Goodwill Games und die unermüdliche 2019 an der WM in Stuttgart. Fotos: Getty, Imago

Weltklasse über 29 Jahre: Die junge Oksana Tschussowitina 1990 an den Goodwill Games und die unermüdliche 2019 an der WM in Stuttgart. Fotos: Getty, Imago

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Von all den unfassbaren Elementen, die es im Turnsport gibt, beherrscht sie am besten die Rolle rückwärts. Was angebracht erscheint, denn die Dame ist schon 44, und mit 44 braucht man keine Salti oder Schrauben oder beides mehr zu drehen. Aber man kann – wenn man kann. Und ­Oksana Tschussowitina kann.

Nur mag sie eben auch die Rückwärtsrolle. Schon mindestens viermal hat die Usbekin nämlich ihre Karriere für beendet erklärt, doch noch jedes Mal ist sie auf den Entscheid zurückgekommen. Sie turnte nach der Geburt von Sohn Alisher im Jahr 1999 genauso weiter wie nach der WM 2009, nach London 2012 und Rio 2016. Damals, in Brasilien, kündigte sie noch in der Mixed Zone gegenüber Journalisten an: «Jetzt ist es Zeit, dass ich mich meiner Trainertätigkeit widme.»

Und? Tat sie natürlich nicht. Zwar arbeitete Tschussowitina zwischendurch als Nationaltrainerin im Leistungszentrum des usbekischen Verbandes. Aber daneben trieb sie unbeirrt ihre Karriere voran. Und als kürzlich an der WM in Stuttgart alle Ergebnisse vorlagen, stand fest: Tschussowitina hat die Qualifikation für Tokio 2020 geschafft – trotz Sturz an ihrem Paradegerät Sprung. So wird sie im kommenden Sommer ihre achten Olympischen Spiele bestreiten. Als erst vierte Frau – und erste Kunstturnerin. Der Bulgare Jordan Jowtschew ist mit sechs Teilnahmen bei den Männern der Rekordhalter.

Aber nun? Am Sonntag sagte Tschussowitina der russischen Nachrichtenagentur Itar-Tass: «Tokio werden meine letzten Olympischen Spiele sein. Endgültig. Danach werde ich meine Aktivkarriere beenden, dem Sport jedoch als Trainerin treu bleiben.» Und sie stellte klar, sie wolle in Tokio nicht einfach nur dabei sein. «Ich will im Sprung eine Medaille gewinnen und erschwere dafür mein Repertoire.»

Das Pensum erhöht

Der Qualifikationsprozess sei sehr hart gewesen, sagte sie. Das lag auch an einer Modusänderung in den letzten Jahren, denn zuletzt wurden Mehrkämpferinnen gegenüber den Gerätespezialistinnen bevorteilt. Tschussowitina passte also ihr Pensum an, um es an allen Geräten wieder mit der Konkurrenz aufnehmen zu können. Mit Gegnerinnen, von denen die jüngsten keine 16 sind.

Als sie selbst 16 war, bestritt Tschussowitina in Indianapolis ihre erste WM. Das war 1991 und eine andere Zeit. Noch gab es die Sowjetunion, und die Russinnen (und nicht die USA) waren im Kunstturnen das Mass der Dinge. Gesprungen wurde über einen Bock, und der Boden war mehr schlecht als recht gefedert. Der Turnfloh aus Buxoro, kaum 1,50 Meter gross, gewann mit dem Team und am Boden Gold.

1992 folgte der Olympiasieg mit dem Team – nun gab es die Sowjetunion schon nicht mehr, die russischen Sportlerinnen und Sportler starteten in Barcelona in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten. Und zwei Jahre später kam in Gossau Giulia Steingruber zur Welt. Seit der EM 2011 turnen die beiden gemeinsam und gegeneinander. Seit ­jenen Titelkämpfen zeigt Steingruber auch den von Tschussowitina erfundenen Sprung mit gleichem Namen. Die Schweizerin hat ihn perfektioniert.

«Sie ist unglaublich, ich habe riesigen Respekt vor ihr», sagt Steingruber. Die Ostschweizerin selbst schloss aus, mit 30 oder sogar 40 noch zu turnen, allerdings: Mit 25 zählt auch sie schon zur älteren Generation. Und längst verdichten sich die Anzeichen, dass Steingruber mindestens bis zur EM 2021 in Basel weitermachen wird.

«Das Turnen hält mich jung. Ich habe an jedem einzelnen Training und jedem Wettkampf Spass.»Oksana Tschussowitina

Woher aber kommt er, dieser Ehrgeiz der feingliedrigen Usbekin, es auch in immer höherem Alter wieder und wieder wissen zu wollen? Einerseits lässt es ihr Körperbau zu, «sie ist biologisch und genetisch perfekt veranlagt, um noch lange turnen zu können», sagt Ulla Koch. Die deutsche Bundestrainerin hatte Tschussowitina während eines Jahrzehnts trainiert, als diese in Deutschland lebte, 2006 die Staatsbürgerschaft erhielt und bis 2012 für den deutschen Turnerbund antrat. Als Deutsche gewann sie 2008 ihre zweite Olympiamedaille: Silber im Sprung.

Andererseits hat ihre lange Karriere viel mit Sohn Alisher zu tun – und eben diesem Gastspiel in Deutschland. Denn 2002 war Tschussowitina seinetwegen nach Köln gekommen, weil nur im dortigen Universitätsspital die Leukämie-Erkrankung des damals 3-jährigen Buben behandelt werden konnte.

Deutsche Turnfreunde richteten für Alisher einen Fonds ein, und Tschussowitina gab erstmals ihren Rücktritt vom Rücktritt, um mit dem Turnteam Köln national und international an Wettkämpfen anzutreten und Preisgeld für Alishers Behandlung zu verdienen. «Wenn ich nicht turne, kann mein Sohn nicht leben. So einfach ist das. Ich widme ihm jeden Sieg», erklärte sie einmal. Heute ist der Sohn gesund, 20, lebt in Deutschland und macht Abitur.

Mit ganzem Herzen dabei

Doch wäre es nur um Alisher gegangen, hätte Tschussowitina ja längst aufhören können. Stattdessen wurde (oder wird) sie zum olympischen Evergreen mit einer Zeitspanne von fast 30 Jahren. «Ich turne, weil ich diesen Sport mit meinem ganzen Herzen liebe», erklärte sie an der WM in Stuttgart und fügte an: «Das Turnen hält mich jung. Die Turnhalle ist mein Fitnesscenter. Ich habe an jeder einzelnen Trainingseinheit und an jedem Wettkampf Spass.»

Das mag nun glauben, wer will, denn wie sagt sie ausserdem, angesprochen auf die Zipperlein des Alltags jenseits der 40? «Dass es da und dort wehtut, blende ich einfach aus.» Ihren Trainingsumfang hat Tschussowitina allerdings angepasst: Sie stehe maximal noch 2,5 Stunden in der Halle, aber weiterhin an sechs Tagen pro Woche.

Muss man nicht mit 44. Aber kann man. Wenn man kann.

Erstellt: 28.10.2019, 22:18 Uhr

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