Zurück im Sandkasten von L.A.

Die USA sind nach zehn Jahren Pause wieder im World-Tour-Kalender der Beachvolleyballer vertreten. Sie erhofften sich dabei einen exklusiven Status. Doch den hat ihnen Gstaad, das Turnier in der Vorwoche, abgesprochen.

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Die World Tour der Beachvolleyballer zieht vom einen aussergewöhnlichen Standort zum nächsten. Vergangene Woche verzückten die Sandkünstler das Publikum in Gstaad. Nirgendwo sonst auf der Welt finden Spiele vor einer Bergkulisse statt und erhalten die Besten eine Kuhglocke als Siegestrophäe. Nach dem Turnierort auf 1050 Metern über Meer wird ab Montag Long Beach, eine 500'000 Einwohner zählende Stadt im Los Angeles County, wieder originaltreuer Schauplatz am Strand sein.

Die eigene Organisation ist klamm Das Spezielle daran: Erstmals seit 2003 und dem Event in Carson, Kalifornien, macht die World Tour Halt in den USA. Mit der AVP (Association of Volleyball Professionals) sind die Amerikaner zuletzt einen eigenen Kurs gefahren, organisierten eine unabhängige, stark besetzte und vor allem hoch dotierte Serie. 2010 ging die AVP in Konkurs, das Turnier in Manhattan Beach musste kurzfristig aus dem Programm gekippt werden. Parallel zum Neuaufbau der AVP wollten die USA wieder Bestandteil der World Tour werden, die in dieser Saison zehn Stationen umfasst. Die FIVB (Fédération Internationale de Volleyball) kündigte den im Frühling abgeschlossenen Zweijahresvertrag als «bahnbrechend» an, und sie freut sich darüber, dass NBC 20 Stunden live darüber berichten und der Veranstalter ein farbenfrohes Ereignis mit Musikfestival und viel Spektakel daraus machen wird. «Das ermöglicht uns eine weltumspannende Präsenz und glänzende Perspektiven», schreibt der Verband auf seiner Website.

Kommt der emotionale Wert von Südkalifornien als Ausrichter dazu. Denn dort ist die Herkunft der jungen Sportart, die erst 1996 ihre olympische Premiere gefeiert hatte. In den USA machte Beachvolleyball seine Kinderschritte.

Ein Weltstar mit Demut

Aus der Rückkehr hätte Long Beach gerne eine doppelte gemacht – und schielte dabei auf Kerri Walsh. Die weltbeste Beachvolleyballerin gewann 2003 die letzte World-Tour-Ausgabe in den USA und hätte ihr Comeback in der Heimat Los Angeles geben sollen. Stattdessen fällte die 34-Jährige einen spontanen «Bauchentscheid» und gab dem Turnier in Gstaad in 10'000 Kilometern Entfernung den Vorzug. «Weil es sich dabei um mein absolutes Lieblingsturnier handelt», wie sie den Verantwortlichen im Berner Oberland, wo sie nicht nur stets gesunde Höhenluft schnuppern kann, sondern auch schon sechsmal triumphiert hat, versicherte. Deshalb kehrte Walsh letzte Woche nach elf Monaten Pause und nur 95 Tage nach der Geburt ihres dritten Kindes in den Sand zurück.

Die je dreifache Olympiasiegerin und Weltmeisterin versprühte in Gstaad viel Glamour, obschon sie selbst so überhaupt nicht auf Glamour erpicht ist. «Ihr Besuch bei uns war gänzlich unkompliziert», sagte OK-Präsident Ruedi Kunz. Extrawürste habe sie keine gewollt. «Im Gegenteil: Sie hat sich vorgängig per Mail bei mir erkundigt, ob die mitgebrachte Nanny auch den offiziellen Transportservice in Anspruch nehmen dürfe. So etwas ist hoch anständig und absolut vorbildlich, denn immerhin handelt es sich um einen begehrten Weltstar.»

Sportlich endete das Comeback von Walsh – die mit Töchterchen Scout Margery angereist war, die beiden älteren Buben (4 und 3 Jahre) dagegen beim Ehemann zu Hause gelassen hatte – nach dem Gruppensieg bereits im Achtelfinal. Trotz der grossen Enttäuschung lasse sich darauf aufbauen, urteilte eine ausgelaugte Walsh, die vor allem noch Defizite in der körperlichen Fitness beklagt. Walsh spielte in Gstaad an der Seite von April Ross, die im Sommer 2012 in London beim dritten gewonnenen Olympiafinal in Folge noch auf der anderen Seite des Netzes gestanden hatte. Mit Ross plant sie im Hinblick auf Rio de Janeiro 2016 auch die nächste olympische Kampagne. Dagegen spannt sie ab Montag vor Heimpublikum in Long Beach aber vorläufig neu mit Whitney Pavlik zusammen. Die 29-Jährige soll ihr helfen, wieder in den Rhythmus zu finden. Ross nutzt die verbleibende Zeit für letzte Auftritte mit Standardpartnerin Jennifer Kessy, die nach Verletzungen (Hüfte und Achillessehne) wieder einsatzfähig ist.

Die Schweizer auf Formsuche

Und die Schweizer? Die sind in Long Beach mit fünf Teams vertreten. Angeführt werden sie von Nadine Zumkehr/Joana Heidrich, die in Gstaad für die geschlagene Heimnation den einzigen Top-10-Platz herausholen konnten, sowie den beiden A-Kader-Duos Isabelle Forrer/Anouk Vergé-Depré und Philip Gabathuler/Jonas Weingart. Daneben versuchen sich in der Qualifikation Bernhard Beyeler/Rafael Bissig und die Gebrüder Andreas und Roman Sutter. Sie geniessen keinen Nationalteamstatus und reisten auf eigene Initiative in die USA. Sébastien Chevallier/Mats Kovatsch sowie die jungen Alexei Prawdzic/Mirco Gerson, die in der internen Hierarchie vor ihnen stehen, bestreiten das gleichzeitig stattfindende Open im russischen Anapa. «Denn im Gegensatz zu Long Beach haben sie dort die Garantie, im Hauptfeld antreten zu können», sagt Philippe Saxer, Beachvolleyball-Direktor im nationalen Verband Swiss Volley, auf Anfrage.

Seine besten Teams werden sich ab dem 30. Juli im traditionell publikumsträchtigen Klagenfurt der nächsten Herausforderung in Form der Europameisterschaft stellen. Nach den missglückten Weltmeisterschaften und der generell schwierigen Stabilisierung nach dem Generationenwechsel erwartet der Verantwortliche von den Schweizern dort eine Reaktion – wie bereits zuvor in Kalifornien. «In der aktuellen Phase visieren wir Top-10-Klassierungen an. Sie wären Beleg dafür, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden», führt Saxer aus. Nach Gstaad wurden die besten Teams nochmals für intensive Einheiten am Leistungszentrum in Bern zusammengefasst und reisten gestern Donnerstag respektive heute Morgen in die USA – an die Geburtsstätte des Beachvolleyballs gewissermassen.

Erstellt: 20.07.2013, 08:48 Uhr

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