Abenteuer in Schwarz

Die All Blacks aus Neuseeland dominieren das Rugby seit über 100 Jahren und sind bei der WM in England der grosse Favorit.

Ein Tanz wie eine Drohung: Die neuseeländischen Spieler führen den Haka auf.

Ein Tanz wie eine Drohung: Die neuseeländischen Spieler führen den Haka auf. Bild: Keystone

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So also sieht der Tod aus. Jedenfalls rufen sie das, die ­stämmigen Männer. Werfen es ­ihren Widersachern entgegen, die manchmal zwei Meter, vielleicht fünf, wenn es sein muss, aber auch nur 30 Zentimeter von ihnen entfernt stehen. Ihre Mimik verrät Aggression, die herausgestreckte Zunge Verachtung. «Es ist der Tod! Es ist das Leben! Stampft mit den ­Füssen, so fest ihr könnt!»

Und manchmal, wenn es um ganz viel geht, wird dem Gegner mit Enthauptung gedroht.

Haka nennt sich das Ritual, das so faszinierend ist wie einzigartig in der Welt des Sports. Haka heisst der Tanz in der Sprache der Maori, der Ureinwohner Neuseelands. Oft wird er wegen seiner martialischen Art als Kriegstanz interpretiert, und bekannt wurde er durch die All Blacks, die neuseeländische Rugby-Nationalmannschaft.

Der Gegner schaut aus der ersten Reihe zu

Vor all ihren Spielen pflegt sie den Haka aufzuführen, in einem WM-Final genauso wie in einem Test der kleinsten Junioren oder bei der harmlosen, 2016 erstmals olympischen Variante Siebner-Rugby. Nicht zuletzt soll er für Motivationsschübe in den eigenen Reihen sorgen. Das gegnerische Team ist derweil vis-à-vis aufgestellt und hat die Ehre, sich das Spektakel aus der ersten Reihe anzusehen. Zum WM-Auftakt Neuseelands heute Sonntagnachmittag im Wembley werden das die Argentinier sein.

Und wenn es läuft wie meistens, werden anschliessend auch sie in Grund und Boden gespielt.

In England strebt Neuseeland den dritten WM-Titel an – allerdings wäre es der erste, den es ­ausserhalb ­seiner Heimat gewinnt. Wenn die All Blacks einen Makel haben, dann diesen.

Ansonsten dominieren nur ­wenige Nationen weltweit ihren Sport wie die Neuseeländer das Rugby, besser wohl: keine. Sie setzen Massstäbe für die Ewigkeit. 78 Prozent ihrer 531 Länderspiele haben sie gewonnen und sogar 93 Prozent der Partien seit der Heim-WM 2011, bei der sie im Final Frankreich bezwangen. Anders gesagt: 3 Niederlagen in 47 Spielen.

«Jede Niederlage ist für Neuseeland ein nationales Desaster», hatte der frühere Weltklassespieler Colin Meads einmal gesagt. Noch drastischer drückte es nur Sir Graham Henry aus, Nationaltrainer von 2003 bis 2011. Über das Verlieren sagte er: «Es ist , wie wenn ein Familienmitglied stirbt.»

Viereinhalb Millionen Einwohner zählt der Inselstaat im Pazifik, etwas mehr als halb so viele wie die Schweiz und zwölfmal weniger als WM-Gastgeber England. Woher kommt diese Unbesiegbarkeit in einem Weltsport? Dieses Selbstverständnis, «das dominanteste Team der Weltgeschichte» zu sein, wie auf einem Flipchart geschrieben stand, das vor zwei Jahren ein englischer Journalist in der Heimkabine erblickte?

An der blossen Anzahl Spieler allein kann es nicht liegen: Prozentual gibt es in Neuseeland etwa gleich viele lizenzierte Rugbyspieler (3,3 Prozent der Bevölkerung) wie Fussballerinnen und Fussballer in der Schweiz (3,1).

Bedeutsamer ist, dass die ­Geschichte Neuseelands eng mit der Geschichte des neuseeländischen Rugbys verknüpft ist. 1870 kam der Sport in die entlegensten Winkel des britischen Empires, mitgebracht von Charles Monro, ­einem Politikersohn, der in der Nähe von London studiert hatte. Das Spiel verbreitete sich auf den zwei Inseln sofort, und schon fünf Jahre ­später wurde es in den meisten Gegenden gespielt.

35 Spiele, 34 Siege und 976:59 Punkte

Bereits 1905, die Unabhängigkeit von der Krone war da noch zwei Jahre entfernt, machte sich eine neuseeländische Auswahl auf zur ersten Länderspielreise ausserhalb Ozeaniens, und im Laufe der fünfmonatigen Tournee wurde der Mythos begründet. Die All Blacks gewannen 34 von 35 Spielen ­gegen Clubteams und Nationalmannschaften aus England, ­Irland, Wales, Schottland, Frankreich und den USA. Mit 976:59 Punkten. Es war ein Meilenstein.

«Die Neuseeländer waren ­immer ein wenig unsicher gewesen, wo auf der Welt ihr Platz ist», sagt mit Jock Phillips einer der bedeutendsten Historiker des Landes dem «Guardian». Die 1905er-Tournee habe ihnen aber ein Gefühl dafür gegeben, «dass sie im Empire sehr wohl eine Rolle spielen». Und wie der damalige Premierminister Richard Seddon gesagt haben soll, hätten «keine Einwanderungsbehörde und auch nicht ein halbes Dutzend Touristenbüros bessere Werbung für Neuseeland betreiben können».

Die legendäre Tournee war identitätsstiftend für das junge Land und der Weg frei für Rugby als Nationalsport, der er heute de ­facto ist. Eltern melden ihre Kinder beim Club an, sobald diese 3-jährig sind – obwohl die Alters­untergrenze bei 5 liegt. Mit 10 ­werden sie lernen zu tackeln. Die grössten Vereine des Landes zählen bis zu 60 Juniorenmannschaften, der Sportsender Sky überträgt Partien des Oberstufen-Schulsports live.

1905 wurde ausserdem der Übername All Blacks populär, ­obschon er wegen der schwarzen Tenüs schon länger gebraucht worden war. Das Team von damals gilt entsprechend als «Original All Blacks». Und als sie 1924 für eine weitere Tournee nach Europa zurückkehrten, waren sie so gut, dass man sie gleich «The Invincibles» nannte: die Unbesiegbaren.

Wie 1905 schaffte auch 1924 ein Maori den Sprung ins Kader für die Europareise: der 19-jährige George Nepla. Die Ureinwohner Neuseelands haben – lange vor der Ankunft der Europäer – ein Spiel namens Ki-o-rahi gespielt. Es ähnelt im Spielstil dem Rugby wie dem Australian Football und im Prinzip dem Korbball. Und es fand im Laufe der Jahrzehnte Auf­nahme in den neuseeländischen Schulsport. Den Stil des All-Blacks-­Rugbys prägte es entscheidend.

Umstrittene Reise nach Südafrika

Parallel zur neuseeländischen ­Nationalmannschaft existiert das Team der Maori All Blacks, das ganz aus indigenen Spielern besteht, doch in den ersten zwei Dritteln des 20. Jahrhunderts schafften es nur wenige von ihnen in die offizielle Landesauswahl. Auch auf der umstrittenen Tournee im Jahr 1970 in das von der Apartheid ­geprägte Südafrika reiste nur ein Maori mit: Bryan Williams.

Damit er auflaufen durfte, verlieh ihm die südafrikanische Regierung den Status «honorary white». Williams war trotz seines mulmigen Gefühls auf der Reise eine Sensation. In den 13 Spielen der Tour legte er 14 Trys. Insgesamt 38-mal lief er für die All Blacks auf.

Vor allem sein Auftritt in Südafrika änderte einiges. «Neuseeland hatte ein grossartiges Team, spielte aber sehr konservativ», ­befand Williams im «Guardian» zu jener Zeit. «Es war unschlagbar, aber nicht wirklich aufregend. Erst mit dem polynesischen Einfluss wurde das neuseeländische Rugby wieder ein Abenteuer.»

Erstellt: 20.09.2015, 11:05 Uhr

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