Als gäbe es einen Pakt mit Alaphilippe

Thibaut Pinot ist der Sieger der Pyrenäen. Er gewinnt auf dem Col du Tourmalet und nimmt auch am Sonntag der Konkurrenz Zeit ab.

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Die Spässe der Tage zuvor sind jetzt weit weg. Soeben hat Julian Alaphilippe das letzte Hindernis hinter sich gebracht, die knapp 12 Kilometer hoch nach Prat d’Albis. Er lehnt sich über eine Streckenabschrankung, hustend und prustend. Als wolle ihm sein Körper mitteilen: bis hierhin und nicht weiter.

Seit fast zwei Wochen ist Alaphilippe das Gesicht dieser Tour, trägt auch schon fast so lange das Leadertrikot. Und würde sich mit stolzer gelber Brust aus den ­Pyrenäen verabschieden, wären da nicht diese letzten fünf Kilometer gewesen.

Auf diesen muss der 27-Jährige feststellen, dass auch er Limiten hat, dass es nicht immer so weitergehen kann, tänzerisch, spielerisch, leicht. Denn die Tour ist das genaue Gegenteil davon. Drei Wochen lang walzt sie durch Frankreich, Tag für Tag, schwer. Und trotzdem liess Alaphilippe sein Land träumen, täglich ein wenig mehr, weil er Tag für Tag so agierte, wie er das immer tut. Frisch von der Leber weg, als sei ihm nicht bewusst, worum es hier ginge.

Wieder ein Handschlag

Am Samstag klettert er mit den Allerbesten auf den Col du Tourmalet. Zuoberst hat einzig Thibaut Pinot noch etwas spritzigere Beine und gewinnt die Etappe. Nach ihm folgt bereits Alaphilippe. Die beiden geben sich nach der Ziellinie die Hand, gratulieren sich wie nach der 8. Etappe nach Saint-Etienne, als sie der Konkurrenz ein Schnippchen geschlagen hatten. «Jour de France» wortschöpft am Sonntag «L’Equipe».

Es ist, als gäbe es einen stillen Pakt zwischen den beiden. Sie wissen, was auf dem Spiel steht, dass die ganze Nation mit ihnen mitfiebert und hofft, der erste französische Tour-Sieg seit 1985 sei tatsächlich greifbar. Nicht für Alaphilippe, auch wenn er in der Gesamtwertung weiterhin 1:35 Minuten vor Titelverteidiger Geraint Thomas liegt. Zumindest lassen seine Äusserungen am Sonntagabend nur diesen Schluss zu.

Auf diesen letzten fünf Kilometern leidet Alaphilippe wie noch nie an dieser Tour. Er hält zwar mit, als Pinot erstmals ­antritt – im Gegensatz zur Mehrheit der Fahrer in den Top 10. Auch die zweite Attacke übersteht er – die dritte nicht mehr. Er fällt zurück, wird durchgereicht und kommt als Elfter ins Ziel, 1:16 Minuten nach Pinot.

Alaphilippe schaut zurück

Als er sich wieder gefangen hat, spricht Alaphilippe in den Interviews ziemlich konsequent rückblickend. Als hätte er das Maillot jaune bereits verloren – mental scheint das der Fall zu sein. «Ich wurde plötzlich als Sieger gesehen. Doch ich blieb realistisch», sagt er. Das ist nur eine kleine Abweichung von seinem «jour par jour»-Standardsatz, aber eine entscheidende.

Die Bande, die zwischen Alaphilippe und Pinot bestehen, werden deutlich, wenn der Gesamtleader noch sagt: «Ich hoffe, falls ich das Gelbe Trikot verliere, dass er es übernehmen wird.»

Das wird nicht sofort passieren. Heute folgt der Ruhetag und dann zwei weitere etwas ruhigere Etappen, auf denen sich die Tour Richtung Alpen bewegt. Richtung jenes Terrain, das für Pinot schon jetzt kommen könnte. Er ist der Gewinner des Wochenendes, im doppelten Sinne. Am Samstag tatsächlich, weil er auf dem Tourmalet siegt, nach einem Plan, den er vor dem Tour-Start mit seinem Team Groupama-FDJ ausgeheckt hat. Und am Sonntag, weil da zwar Simon ­Yates die Etappe gewinnt, die zweite in den Pyrenäen nach ­jener am Donnerstag, Pinot aber als Zweiter der gesamten Konkurrenz Zeit abnimmt.

Der stärkste Bergfahrer

Pinot beweist am Wochenende, dass er der stärkste Bergfahrer dieser Tour ist. Nur Mikel Landa und Egan Bernal können einigermassen mithalten. Doch beide liegen im Gesamtklassement hinter ihm. Pinot tut gut daran, nun nicht zu werweissen. Oder wenn, dann nur, um den Furor, der ihn derzeit antreibt, weiter zu befeuern. Dieser rührt von den 1:40 Minuten Rückstand her, die er sich bei der Windkanten-Etappe wegen einer Unaufmerksamkeit eingehandelt hat. Ohne diese würde er hier nun als grosser Favoriten auf den Tour-Sieg bezeichnet.

Erster Anwärter darauf ist er auch so. Die drei Etappen in den Alpen liefern mit sechs Pässen über 2000 Metern genug Höhenmeter, sodass er den verbleibenden Rückstand wettmachen kann. «Jetzt lotet er sein Potenzial auch an der Tour aus, das ist eine grosse Freude», sagt Julien Pinot, sein Bruder und Trainer.

Am Samstagabend, nach dem dritten Tour-Etappen-Sieg seiner Karriere, sagt Thibaut Pinot, angesprochen auf die zahlreichen Erfolge seit Ende 2018 (zwei Etappensiege an der Vuelta, Lombardei-Rundfahrt): «Je mehr du gewinnst, desto mehr willst du gewinnen.» Mit diesem Motto geht er in die wichtigste dritte Tour-Woche seiner Karriere.

Erstellt: 21.07.2019, 18:06 Uhr

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