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Ali auf dem Floss

Im Gegensatz zum legendären und verstorbenen Boxer sind die Namen von Fussballern schnell austauschbar.

MeinungFredy Wettstein
Die Legende bleibt unvergessen: Auch heute schlüpfen Kinder noch in die Rolle von Boxer Muhammad Ali (l.), obwohl sie wenig über ihn wissen.
Die Legende bleibt unvergessen: Auch heute schlüpfen Kinder noch in die Rolle von Boxer Muhammad Ali (l.), obwohl sie wenig über ihn wissen.
Archivbild, Keystone

Sie boxten auf dem Floss in der Badi, sie waren vielleicht 13 Jahre alt, es war der zweitletzte Tag, bevor die Badi geschlossen werden musste, auch wenn der Herbst noch ein Sommer ist. Einer sagte, er sei Muhammad Ali, der andere sagte zu seinem Freund, er könne sich doch nicht wie ein Boxer nennen, der gestorben ist, sie müssten Boxer von heute sein, doch beide kannten keinen einzigen Namen. Und so blieb der eine der Ali.

Warum Muhammad Ali? fragte ich, sie wussten keine Antwort. Der Ali sagte, er habe den Namen einfach einmal gehört, in einem Film am Fernsehen, er sei doch ein grossartiger Boxer gewesen, und es habe ihm gefallen, was er gesagt und in seinem Leben gemacht habe, er sei zwar schon sehr krank gewesen. Mehr wusste er nicht.

Die beiden boxten weiter, tänzelten auf dem Floss, das ziemlich schaukelte. Sie tänzelten so, wie es Ali einst tat, obwohl sie dessen Kämpfe gar nie gesehen haben. 10:9, 11:9, 11:10, sie zählten, wenn einer den anderen mit der Faust auf die Brust getroffen hatte, nein, das sei kein Treffer gewesen, reklamierten sie manchmal, sie meinten es ernst und taten es spielerisch, und der berühmte Satz von Ali kam mir in den Sinn, «Float like a butterfly, sting like a bee», schwebe wie ein Schmetterling, stich zu wie eine Biene. Aber auf dem Floss hatte es an diesem Nachmittag nur Wespen und viele Fliegen.

Später auf der kleinen Wiese hinten in der Badi spielten sie zusammen mit einigen anderen auch Fussball. Wer sie nun jetzt seien, fragte ich. Vielleicht Ronaldo, sagte der eine, der zuvor der Ali war, Griezmann gefalle ihm seit der Weltmeisterschaft in Russland auch; er wisse es nicht, sagte der andere, und zählte einige Namen auf, Ribéry, Robben oder Müller, einfach einer von den Bayern.

Muhammad Ali, den sie selber nie hatten boxen sehen, nur in einem Film über dessen Leben, hatte dem einen offenbar viel Eindruck gemacht, aber bei den heutigen Fussballern sind sich die zwei nicht ganz sicher, wer sie sein wollen, die Namen sind auswechselbar, immer wieder gibt es neue.

Auch wenn ich sehr erstaunt war, dass Kinder, die vielleicht dreizehn sind, auf einem Floss plötzlich zu boxen beginnen und einer dabei der Ali sein will, so stimmt es vielleicht doch, was der brillante deutsche Autor Holger Gertz in einem Nachruf schrieb, als der an Parkinson erkrankte ­Muhammad Ali vor zwei Jahren im Alter von 74 gestorben ist: «Gemessen an Alis Grösse sind die Sporthelden der Gegenwart nur Zwergkaninchen.»

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