Am Anfang war ein Anschiss

Dauersieger und trotzig wie eine Sekte: Die New England Patriots dürfte es im US-Sport eigentlich gar nicht geben. Und all das hat mit Tom Brady zu tun.

Auf dem Spielfeld so Zen wie ein buddhistischer Mönch: Tom Brady hat mit den Patriots schon viermal die Superbowl gewonnen. Foto: Charlie Riedel (AP Photo/Keystone)

Auf dem Spielfeld so Zen wie ein buddhistischer Mönch: Tom Brady hat mit den Patriots schon viermal die Superbowl gewonnen. Foto: Charlie Riedel (AP Photo/Keystone)

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Da sass er und wollte eigentlich hören, welch grandioser Athlet er sei. Was er stattdessen hörte, war: «Wen würde es interessieren, wenn du abhaust? Du hast hier bislang einen Scheiss geleistet. Du willst aufhören? Dann hau ab!»

20 Jahre ist es her, dass ein junger Student namens Tom Brady im Büro von Greg Harden sass, verzweifelt wegen seiner Ersatzrolle im Team, und wer verstehen will, warum der Quarterback der New England Patriots nun als einer der besten der Geschichte gilt, sollte von dieser Begegnung wissen. Harden ist der stellvertretende Sportliche Leiter der University of Michigan, und als solcher hat er auch einem Weltklassesportler wie Michael Phelps geholfen. Wer Probleme mit Trainer oder Mitspielern hat, der geht zu Harden und hört schlichte Grundsätze wie diesen: «Sport ist nur das, was du machst. Es ist nicht, wer du bist.» Oder: «Kontrolliere das Kontrollierbare.»

Sie trotzen den Regeln

Schon lange ist der junge Mann von damals dem Hochschulsport entwachsen und inzwischen einer der Grössten in seinem Fach überhaupt. Das nächste Spiel von Brady und seinen Patriots wird am Sonntag die Superbowl sein, schon wieder, zum siebten Mal in 16 Jahren steht das Erfolgsteam aus Boston im Final. Und sollte Brady auch diesen gewinnen, wäre er der erste Quarterback, der sich über jeden Finger einer Hand einen der begehrten Ringe streifen kann.

Viermal haben die Patriots den Titel gewonnen, seit Brady im Frühling 2000 zu ihnen gestossen war: 2001, 2003, 2004, 2014. Und sie gelten auch morgen gegen die Atlanta Falcons als ­Favorit. Weshalb sich die Frage stellt: Warum nur ist dieser Club nicht kleinzukriegen? Was läuft da, je nach Perspektive, richtig richtig oder einfach falsch?

Schliesslich ist es ja so: Die Regeln im US-Sport haben das theoretische Ziel, dass alle Teams ähnlich oft um den Titel spielen sollen. Es gibt Gehaltsobergrenzen, TV-Gelder werden gleichmässig verteilt, Transfers eingeschränkt und die in der Vorsaison erfolglosesten Teams dürfen ihre Neulinge beim Draft zuerst wählen. Grundsätzlich wirken diese Eingriffe – in der Major League Baseball wurde der ­Titel seit 17 Jahren nicht mehr verteidigt und in der NHL seit 18.

Die Patriots führen all diese Massnahmen mit ihren ja fast trotzig wirkenden Erfolgen ad absurdum. Anders gesagt: Sie sind ein Branchenleader, den es so gar nicht geben soll.

Proteste gegen den Ligaboss

Viel hat damit zu tun, dass Brady vor ein paar Jahren von Greg Harden zusammengestaucht wurde. Und dass er danach mit Bill Belichick auf einen Trainer traf, für den fast autoritäre Prinzipien gelten. «Er unterzieht dich einer Gehirnwäsche», sagt Brady: «Es geht nie um einen Akteur, einen Spielzug, eine Situation. Auf einem Plakat in unserer Kabine steht geschrieben: ‹Du musst das Richtige für die Mannschaft tun, auch wenn es nicht das Richtige für dich sein mag.›»

Natürlich behaupten 100 Prozent ­aller Trainer, dass der Erfolg des Kollektivs wichtiger sei als die Interessen des Individuums, doch nur wenige setzen das konsequent um – und kaum jemand kontrolliert das Kontrollierbare so virtuos (oder paranoid?) wie Belichick.

Die Patriots sind weniger ein Club als eine sportliche Sekte. Entsprechend empfindlich reagierte die Gemeinde, als Anführer Brady vor dieser Saison vier Spiele gesperrt wurde für eine Beteiligung an «Deflategate», jener ­Affäre vor zwei Jahren, als in einem Playoff-Spiel gegen Indianapolis die Bälle ungenügend gepumpt gewesen waren. Nicht Beweise führten zum Schuldspruch, sondern ­Indizien, was die Sportsfreunde in und um Boston als klares Zeichen werteten, dass die Liga und ihr Boss Roger Goodell genug haben von ihrem Siegeszug.

Belichick griff diese Stimmung auf und kreierte eine Wir-gegen-die-Welt-­Situation. Überall in Boston waren Schilder mit der Aufschrift «Free Brady» zu sehen, geradeso, als würde demnächst Waterboarding an ihm ausgeführt. In der Kabine montierte Belichick ein Foto von Goodell, während er den Teamkollegen einbläute, das Fehlen Bradys als Chance zu begreifen. Das funktionierte: Die Patriots gewannen drei der vier ­Partien ohne ihren Chefstrategen.

Wie der Graf von Monte Christo

«Jeder im Kader ist jederzeit bereit. Es gibt in diesem Club keine Verschnaufpause, immer nur Vollgas», sagt Angreifer Matthew Slater. «Das ist anstrengend, macht uns jedoch unberechenbar.» Brady wiederum lenkte seine Wut auf Goodell, kontrollierte das Kontrollierbare und fuhr gut damit: Als er von der Sperre zurückkehrte, führte er die Patriots zu elf Siegen in zwölf Spielen und zu überzeugenden Erfolgen im Playoff. Seine Saison wird als Rache interpretiert im Stil von Edmond Dantès, der ­unschuldig eingesperrten Hauptfigur in «Der Graf von Monte Christo».

Mentor Harden wählt ein anderes Bild. «Es gibt einen Grund, warum er während Partien kaum schwitzt. Er ist auf dem Spielfeld so Zen wie ein buddhistischer Mönch, er befindet sich im Hier und Jetzt.» Kommt nämlich dazu, dass Brady die Superbowl nicht als Spektakel betrachtet oder sich um Auftritte von Popstars schert. Sondern Sätze sagt wie: «Ich habe nie Football gespielt, weil ich der Beste sein wollte, sondern weil ich den Sport liebe.» Er reduziert den Final so auf das, was er letztlich ist: ein Spiel.

Mit der möglichen Pointe, dass der vermeintliche Bösewicht Goodell dem vermeintlichen Helden Brady am Ende die Trophäe überreichen muss. In Boston fänden sie sie lustiger als anderswo.

Erstellt: 03.02.2017, 23:05 Uhr

5,02 Millionen für Werbung

New England Patriots - Atlanta Falcons heisst die Paarung in der 51. Superbowl in der Nacht auf Montag. Angekickt wird eine halbe Stunde nach Mitternacht im NRG Stadium von Houston mit knapp 72 000 Plätzen. Im deutschsprachigen Raum überträgt Sat 1, auch der in der Schweiz empfangbare englische Free-TV-Sender BBC zeigt die Partie live. In den USA kosten 30 Sekunden Werbung 5,02 Millionen Dollar – so viel wie nie zuvor. Leichter Favorit auf den Sieg ist New England; die Buchmacher sehen den vierfachen Champion mit drei Punkten vorne, allerdings hat in der Regular Season kein Team mehr Punkte erzielt als Atlanta. Die Falcons erreichten in ihrer Clubgeschichte erst ein Mal den Final – 1999 verloren sie klar gegen Denver. Die Nationalhymne wird von Countrysänger Luke Bryan vorgetragen, in der Halbzeitpause tritt Lady Gaga auf. (wie)

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