Auf 100 Kilometern die eigene Grenze finden

Wem ein Marathon zu wenig anstrengend ist, der testet sich im Trail-Running. Die Sportart boomt: In Grindelwald überwanden 2600 Läufer bis zu 6700 Höhenmeter.

Gewaltige Landschaft, gewaltige Leistung: Läufer beim Eiger Ultra Trail ob Grindelwald.

Gewaltige Landschaft, gewaltige Leistung: Läufer beim Eiger Ultra Trail ob Grindelwald. Bild: Thomas Senf

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Es ist 4 Uhr früh in Grindelwald, eigentlich die Zeit der Stille. An diesem Morgen herrscht jedoch reger Betrieb. Scheinwerfer erleuchten das Dorfzentrum, Zelte füllen den Platz, und aus Lautsprechern hallt eine Stimme durch das Tal. Aus allen Himmelsrichtungen pilgern sie auf das Gelände: die Trail-Runner. Ausgerüstet mit Stirnlampe, Rucksack und Gehstöcken besammeln sie sich unterhalb des Startbanners, 600 sind es in der anspruchsvollsten Kategorie.

Sie machen sich bereit für einen Lauf über 101 Kilometer und 6700 Höhenmeter über die Bergketten um Grindelwald. Es ist die Szenerie des grössten Trail-Running-Events der Schweiz: des Eiger Ultra Trail. In vier Kategorien bezwingen insgesamt 2600 Läufer Steigungen und ­Gefälle abseits asphaltierter Strassen auf Wander- und Bergwegen. Die Laufstreckendistanz variiert zwischen 16 und 101 Kilometern.

Bereits zum vierten Mal über die längste Strecke mit dabei ist Andrea ­Huser, Vorjahressiegerin sowie ehemalige Mountainbike-Europameisterin und Triathletin. Durch mehrere Bergläufe stiess sie zu der noch jungen Sportart, die 2005 vom Weltleichtathletikverband anerkannt wurde: «Ich wollte neue Grenzerfahrungen machen. Und weil ich die Natur liebe, habe ich an den Rennen in den Bergen teilgenommen.»

Sie habe dann zufällig bemerkt, dass sie mit den Bergläufen Punkte für eine Teilnahme am Mountain Trail am Montblanc gesammelt habe, den bekanntesten Trail-Running-Event der Welt. «Über Google und soziale Medien habe ich mich über den Event informiert und eigentlich so den Sport entdeckt.» Seit 2013 absolviert die 44-Jährige pro Saison bis zu acht Rennen à durchschnittlich 100 Kilometer. In den letzten Jahren nahm sie eine Veränderung wahr: «Die Läuferzahlen steigen, das Niveau wird immer besser.»

Läufer aus 67 Nationen

Der Berglauf scheint immer mehr zu ­faszinieren. Das widerspiegeln auch die Teilnehmerzahlen des Eiger Ultra Trails. Waren es bei der ersten Ausgabe 2013 noch 1200 Läufer gewesen, starteten dieses Jahr mehr als doppelt so viele. Woher kommt das? Swiss-Athletics-Präsident Christoph Seiler hat eine Erklärung: «Früher waren es die Marathons, welche für die Athleten Grenzerfahrungen darstellten. Nun ­suchen die Sportler neue Herausforderungen, die sie in den Bergläufen scheinbar gefunden haben.» ­«Herausforderung» ist auch für Huser das Schlüsselwort: «Es ist der Reiz, zu arbeiten, nach hundert Kilometern durch die Natur den Zieleinlauf zu erleben und die Herausforderung zu meistern.»

Was neben dem allgemein steigenden Interesse besonders auffällt: Es finden Läufer aus 67 Nationen den Weg ins Berner Oberland. Das Trail-Running wird immer globaler. Dies zeigt auch die vom internationalen Trail-Running-Verband kürzlich eingeführte World Tour, welche die Jahresbestenliste darstellt und 22 Rennen, darunter auch den Eiger Ultra Trail, auf sechs Kontinenten organisiert. Durch Teilnahmen sammeln die Athleten Punkte für die Rangliste. Huser, die eben noch in Amerika antrat, liegt bei den Frauen zurzeit auf Rang 2. «Seit 2016 setze ich auf die World Tour und ­investiere viel Zeit dafür, da spricht der sportliche Ehrgeiz aus mir. Doch letztlich mache ich es auch für den Spass.»

Denn trotz der steigenden Professionalität: «Die Sportart ist ‹am Boden› ­geblieben. Überall auf der Welt triffst du die gleichen Leute, man geht freundlich mit­einander um und hilft sich gegen­seitig während der Rennen.» Bestes Beispiel: Kurz vor dem Start am frühen Morgen in Grindelwald sitzen einige Athleten noch vor einem Feuer und diskutieren miteinander.

Eine WM in der Schweiz?

Die Frage stellt sich dennoch: Wohin führt das professionelle Trail-Running? Seiler hat bereits einen Traum für die Zukunft: «Natürlich wäre es schön, in ein paar Jahren eine Trail-Running-WM in der Schweiz durchzuführen.» Immerhin: Eine Schweizer Meisterschaft gibt es bereits, dieses Jahr ist sie offiziell das Rennen in Grindelwald. Bei den Frauen setzt sich dabei die Favoritin durch – ­Andrea Huser in 13 Stunden und 46 Minuten. Ein Nice-to-have nennt sie ihren Titel augenzwinkernd.

Erstellt: 19.07.2017, 10:39 Uhr

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