Daniela Ryf und das Warten als Genuss

Die Langstrecken-Triathletin dominiert seit einem Jahr jedes Rennen. Alles andere als ein Triumph nun auch bei der WM auf Hawaii scheint unvorstellbar.

Aus der Galerie der Triumphe: Daniela Ryf als überlegene Siegerin bei der Halb-Ironman-WM in Zell am See. Foto: Nigel Roddis (Getty)

Aus der Galerie der Triumphe: Daniela Ryf als überlegene Siegerin bei der Halb-Ironman-WM in Zell am See. Foto: Nigel Roddis (Getty)

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Was für ein Gefühl löst es in uns aus, wenn wir warten müssen? Die einen ­reagieren genervt, wenn es nicht vorwärtsgeht. Die anderen nehmen die ereignislose Zeit stoisch hin. Und wieder andere lernen, sie zu geniessen. Niemand so sehr wie Daniela Ryf. Die über­raschendste Lektion für die Triathletin in den vergangenen 16 Monaten war, ­Wartezeit nicht zu erdulden, sondern auszukosten. Denn während wir am Bahnsteig warten, im Wartezimmer beim Arzt oder im Passbüro, in aller ­Anonymität also, lernte Ryf eine ganz neue Art von Warten kennen. Das Warten im Mittelpunkt, als Siegerin, be­obachtet von ­vielen Hundert Augen­paaren.

Daniela Ryfs lange Lektion begann Anfang Juni voriges Jahr in Rapperswil-Jona. Sie hatte gerade eben den Wettkampf über die halbe Ironman-Distanz gewonnen und musste knapp 12 Minuten warten, ehe die zweitschnellste Frau ins Ziel kam, die erste «Konkurrentin», die mit Anführungszeichen geschrieben werden muss, weil sie für Ryf an diesem Tag nie eine solche war. Die «Konkurrentin» musste sich ob dieser Tatsache nicht grämen, in der Folge ging es allen Geg­nerinnen von Ryf gleich. Sie wartete wenige Wochen später eine Viertelstunde in ­Zürich, dann knapp 9 Minuten in Wiesbaden, gut 12 Minuten in Kopenhagen und für einmal nur 2 Minuten im ­kanadischen Mont-Tremblant auf die Zweitplatzierte – aber das war auch die Halbironman-WM.

In diesem Jahr ging es gleich weiter: Ryf wartete 4 Minuten in Dubai, 12 auf Fuerteventura, knapp 9 auf Mallorca, 18 in Rapperswil, 11 in Frankfurt und jüngst fast 12 in Zell am See – da wurde der ­Respektabstand auch an der WM über die halbe Ironman-Distanz eingehalten.

Vom Experiment zum Erfolg

Insgesamt fast zwei Stunden verbrachte Ryf also als einsame Siegerin hinter den Ziellinien. Nur ein Mal brauchte sie nicht zu warten: Vor einem Jahr auf Hawaii, bei ihrem Debüt an der Ironman-WM. Es war der einzige ­Moment, in dem Ryf für ihre mangelnde Erfahrung büsste. Die langjährige Kurzdistanz-Triathletin hatte erst drei Monate zuvor ihren ersten Ironman über 3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren, 42 km Laufen bestritten, mehr als Experiment. Aus dem Training heraus hatte sie ihr Trainer mit dem Plan überrascht. Sie war dann praktisch ohne Kenntnisse zur WM-Strecke, ja zum Ironman an sich ­angereist – zum wichtigsten Rennen ­ihres Sports. So wollte das Trainer Brett Sutton, der für seine ungewöhnlichen Herangehens­weisen bekannt ist.

Das neue Marathongefühl

Wer als Neuling Zweite bei der WM wird, davor und danach jedes Rennen gewonnen hat, der kann beim zweiten WM-Start nur ein Ziel haben. Ryf ist da keine Ausnahme. Mit «besser sein als letztes Jahr» umschreibt sie ihr Ziel für das Rennen am Samstag, eine Aussage, die so zurückhaltend wie unmissverständlich ist. Die Rolle der Favoritin sieht sie als Ehre, die Gegnerinnen als Kandidatinnen, die versuchen werden, ihre Wartezeit im Ziel so kurz wie möglich zu halten. So würde sie es zwar nie formulieren. Aber so drastisch dürfte das Resultat ausfallen, wenn die 28-Jährige ihren Plan so kompromisslos umsetzt, wie sie sich das vorgenommen hat. Ryf ist eine starke Schwimmerin, fährt schneller Rad als die ganze Konkurrenz – und hat in diesem Jahr auch gelernt, wie man am Ende eines Ironmans den Marathon ­solid heimläuft.

«Ich hätte nie gedacht, dass ich einst fünf Stunden würde Velofahren können und mich danach beim ‹Seckle› noch so gut fühle», sagt sie. Genau dieses Gefühl ist ihr Antrieb, mehr noch als die Siege und Wartezeiten im Ziel. Ihr Ziel ist es, herauszufinden, wie fit ihr Körper werden kann. «Ich hab ein ganz neues ­Fitnesslevel erreicht. Das Gefühl ist unbeschreiblich», sagt sie. Wobei die zweifache Olympiateilnehmerin zugibt, dass das Training auf der kürzeren, olympischen Distanz einst noch viel mehr geschmerzt hat als das jetzige. «Ich bin physisch eher ‹weicher› als damals. Dafür werde ich weniger schnell müde», beschreibt sie den Unterschied.

Der erste Rekord ist gefallen

Darin schwingt eine schöne Portion Bescheidenheit mit. Schliesslich ist Ryf auch auf der Langdistanz längst auf Streckenrekordniveau angelangt. Im Sommer gewann sie die Ironman-EM in Frankfurt und verbesserte in 8:51:00 die Marke von Chrissie Wellington, deren Bestleistungen als nahezu unschlagbar gegolten hatten. Wellington stieg einst ebenfalls unter Sutton in die Weltklasse auf und erzielte auch auf Hawaii die schnellste Zeit (2009/8:54:02). «Der Coach sagt immer, ich solle nicht auf irgendwelche Rekorde schauen. Aber sicher ist es ein Ziel, einmal so schnell zu sein wie sie», sagt Ryf.

Die Britin könnte Ryf auch zum Thema Warten noch ein Müsterchen erzählen: Bei ihrem Hawaii-Rekord stand sie geschlagene 20 Minuten im Ziel am Ali’i-Drive, ehe die zweite Frau eintraf – oder eben: die erste «Konkurrentin».

Erstellt: 07.10.2015, 22:07 Uhr

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