Das Comeback nach dem Attentat mit der Kettensäge

Drei Unbekannte wollten Mhlengi Gwalas Beine absägen. Der Triathlet überlebte und ist auf dem Weg zurück.

Kreative Reha: Mhlengi Gwala beim Murmelspiel mit den Zehen.
Video: Keystone

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Die Gedanken werden ihn nie loslassen. «Jedes Mal, wenn ich meine Geschichte erzähle, gibt es diesen einen Teil, der mich zum Weinen bringt», sagt er. Mhlengi Gwala sieht sich dann in einem Moment, in dem sich kein Mensch gerne sieht: ausgeliefert und hilflos. Auch an der Pressekonferenz von vergangener Woche holen ihn die Gedanken ein, sie schütteln ihn, die Stimme erstickt, er weint. Vor seinem inneren Auge sitzt er wieder im Busch, die Beine blutüberströmt und zerfetzt.

Es ist ein früher Dienstagmorgen in Durban an der südafrikanischen Ostküste, direkt am Indischen Ozean. Für Gwala ist es ein Tag wie jeder andere. Der ambitionierte Triathlet ist mitten im Training, als sich ihm drei Männer in den Weg stellen. «Ein Überfall», denkt sich Gwala. Es wäre nicht das erste Mal, Alltag in Durban, die Stadt gehört mit zu den gefährlichsten in ganz Afrika. Was sie wohl diesmal wollen? Sein Bike? Sein Handy? Seine Uhr?

Gwala wurde schon dreimal ausgeraubt, mal mit einem Messer, mal mit einer Schusswaffe. Ein bisschen Angst hat er. Aber als einer der drei Männer eine Kettensäge auspackt, da kriegt er den Mund nicht mehr zu. Die Täter haben es auf etwas ganz anderes abgesehen als auf seine Wertsachen. Sie wollen seine Beine. Warum? Das weiss bis heute niemand. Gwala will wissen, was er falsch gemacht hat, eine Antwort bekommt er nicht.

Der 26-Jährige hat Panik, sie werden mich töten, denkt er sich. Und er fragt sich, ob sie noch mehr brauchen. Seinen Kopf vielleicht, auf den während der ganzen Zeit eine Waffe gerichtet ist, oder, wie er es ausdrückt, seine privaten Körperteile. Dazu kommt es nicht. Zu Gwalas Glück ist die Säge stumpf und rostig, doch sie dringt trotzdem bis zu seinen Knochen vor. Die Täter, die sich in einer Sprache unterhalten, die er nicht versteht, lassen von Gwala ab.

«Es war versuchter Mord»

Und dann kommt er, dieser Moment, der den heute 27-Jährigen immer zum Weinen bringt. Es ist nicht der Moment des Überfalls, nicht der Moment, als die Kettensäge ansetzt, es sind nicht die Schmerzen. Es ist die Machtlosigkeit, die ihn übermannt. An der Pressekonferenz vom «African Sport Forum» übernimmt der Moderator. «Er ist einer der mutigsten Männer, die ich kenne», sagt er, auch mit brechender Stimme. «Was Mhlengi sagen will, ist, dass er aus dem Busch robbte und ein Auto anhielt.» Die Leute klatschen.

Der Vorfall empört Südafrika. Henri Schoeman, ebenfalls ein südafrikanischer Triathlet und Bronzegewinner bei den Olympischen Spielen von Rio, schreibt auf Twitter: «Absolut widerlich!» Und fragt: «Wie sicher sind wir auf Südafrikas Strassen?» In einem folgenden Tweet: «Wir stehen alle hinter dir und unterstützen dich.» Zum Schluss stellt Schoeman klar: «Sie haben nichts gestohlen, auch nachdem Mhlengi ihnen sein Bike und sein iPhone anbot. Es war versuchter Mord.» Die Täter sind bis heute nicht gefasst.

Die Ärzte sagen dem zweifachen Vater, er brauche zwei Jahre, bis er sich vollständig erholt habe. Doch Gwala will nichts mehr als Triathlons absolvieren. Er möchte dem Sport, der sein Leben verändert hat, etwas zurückgeben. «Ich liebe Triathlon so sehr, weil er mich von Drogen und Alkohol fernhielt.» Gwala, in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, sagt, er wäre sonst wohl Alkoholiker.

Er hat ihnen vergeben

Auf Instagram dokumentiert der Südafrikaner seinen Weg zurück, postet Videos von sich, wie er die ersten Schritte wagt, wie er das erste Mal wieder schwimmt und Rad fährt. Gwala will, dass die Welt seine Geschichte kennt. Als er von diesem Artikel erfährt, schreibt er: «Thank you Brother.» Seinem Zeitplan ist er weit voraus, er nimmt bereits wieder an kleinen Rennen teil. Auch wenn sein olympischer Traum wohl in weite Ferne gerückt ist.

Gwala trägt neben den schrecklichen Erinnerungen – er zuckt zusammen, wenn er das Geräusch einer Kettensäge hört – auch Narben auf seinen beiden Beinen mit sich. Dennoch hat er den drei Männern vergeben. «Je früher ich ihnen vergebe, desto früher stehe ich auf und werde wieder stark.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.09.2018, 20:07 Uhr

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