Das goldene Talent, am grossen Tag bereit zu sein

Die Schweizer Mountainbiker gewinnen in Australien zweimal WM-Gold in der Elite und sind damit erfolgreicher denn je. Trotzdem kämpft ihr Verband mit Geldsorgen.

Nino Schurter, zum sechsten Mal Weltmeister. Foto: Getty Images

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Wenn schon, denn schon: Jolanda Neff und Nino Schurter haben sich ihre WM-Rennen gut eingeteilt, fahren ­beide mit Vorsprung ins Zielgelände ein und können entsprechend schon vor dem Zielstrich damit beginnen, ihre Triumphe zu zelebrieren. Bei Neff fällt dieser Moment emotionaler aus als bei Schurter. Kein Wunder: Die St. Gallerin gewinnt nach zwei missglückten Versuchen erstmals in der Elitekategorie. Für Schurter ist der Weltmeistertitel dagegen fast schon Routine. Es ist sein drittes WM-Gold in Folge und das sechste insgesamt – ein Rekord.

Der letzte WM-Tag wird damit aus Schweizer Sicht ein ganz grosser. Weil am Vormittag im U-23-Rennen der Frauen mit der 20-jährigen Sina Frei, dem nächsten Supertalent, ebenfalls eine Swiss-Cycling-Fahrerin gewinnt. Und Alessandra Keller Dritte wird. Und weil im Männerrennen Thomas Litscher nach schwierigen Jahren endlich wieder jene Fähigkeiten zeigt, dank denen er einst schon Weltmeister bei den Junioren und in der U-23 geworden ist. Der Rheintaler, der wie Jolanda Neff aus Thal stammt, fährt wie entfesselt, hält bis weit in die Schlussrunde mit Schurter mit und gewinnt Bronze.

Sieben Medaillen in acht Rennen – und 2018 die Heim-WM

Die Schweizer holen in sieben ­Rennen acht Medaillen, davon drei goldene. Es ist eine Bilanz, die kaum besser sein könnte. Und das vor dem Hintergrund, dass die nächsten Weltmeisterschaften in einem Jahr auf der Lenzerheide ausgetragen werden.

Das Ergebnis zeigt wieder einmal, wie stark die Schweizer darin sind, sich gezielt auf Grossanlässe vorzubereiten. So reiste die Schweizer Delegation mehr als eine Woche vor den Wettkämpfen an, früher als viele Konkurrenznationen, auch wenn das mit Zusatzkosten verbunden war. Entsprechend wohl fühlten sich die Schweizer dann auch in der australischen Hitze von Cairns, der Stadt im Nordosten des Landes.

Unter diesen idealen Grund­voraussetzungen gelang es den Schweizer Athleten, besser abzuschneiden, als sie das über die ganze Saison betrachtet getan hatten – den im Weltcup unbesiegten Schurter ausgenommen.

Denn generell haben die Schweizer in den vergangenen zwei, drei Jahren auf Höchstniveau stagniert. So schaffte im Weltcup, abgesehen von Schurter, heuer und 2016 einzig Mathias Flückiger je einen Podestplatz; dazu kam der EM-Titel von Florian Vogel. Fahrer anderer Nationen dagegen gelang es in dieser Saison punktuell gar, Dominator Schurter herauszufordern. Schweizer suchte man in der Kategorie meist vergeblich. Dasselbe Bild bei den Frauen. Neben Neff fuhr nur die gestern unglücklich kämpfende Linda Indergand einmal auf ein Weltcuppodest.

Schweizer Biker erinnern an die norwegischen Langläufer

Doch das ist auf Höchstniveau gemäkelt – aber auf diesem bewegen sich die Schweizer Biker nun mal; etwas anderes als Podestplätze kennt man hierzulande schlicht nicht. In der Hinsicht erinnern die Schweizer Biker etwas an die norwegischen Langläufer.

Im internationalen TV-Siegerinterview wurde Schurter gefragt, warum die Schweiz denn so viele Spitzenbiker hervorbringe. Worauf der Bündner zu einem Werbespot über die Landschaft seines Heimatlands ansetzte, ehe er die nationale Bikeserie erwähnte, bei der sich die Kleinsten auf denselben Parcours messen wie die Profis.

Einen Faktor vergass der Weltmeister in seiner Aufzählung – den Verband Swiss Cycling. Er hatte ihn jedoch schon vorher erwähnt, als er allen in seinen neuerlichen Gold-Coup-Involvierten gedankt hatte.

Dem Verband fehlen bald 1,2 Millionen Franken

Ein Detail. Doch gerade der Verband hätte derzeit Positiv-PR nötig. Sein grösster Sponsor, ein Versicherungsunternehmen aus der Westschweiz, ist in diesem Jahr zum letzten Mal mit seinem prägnanten grünen Balken auf den Schweizer Trikots präsent. Der Vertrag wurde nach vier Jahren nicht mehr verlängert.

Ein Nachfolger als Hauptsponsor wurde bislang nicht gefunden, Stand heute muss Swiss Cycling im kommenden Jahr deshalb 15 Prozent seines aktuellen Budgets einsparen, das sind ungefähr 1,2 Millionen Franken. Das schmerzt, lässt sich nicht mit ein paar buchhalterischen Tricks auffangen. Es wäre darum dringend nötig, dass dieser jüngste Goldregen bald zu Geld gemacht wird. Nicht dass die Radschweiz sich irgendwann in naher Zukunft daran gewöhnen muss, mit weniger als Edelmetall zufrieden zu sein.

Erstellt: 09.09.2017, 21:52 Uhr

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