Das Herz der einstigen Freeski-Weltmeisterin schlägt olympisch

Wenn heute in Lausanne die Jugend-Winterspiele eröffnet werden, haben sie ihr Gesicht bereits: Virginie Faivre ist die OK-Präsidentin.

Mit 33 noch Spitzenathletin, mit 37 schon Spitzenfunktionärin: Virginie Faivre im Olympiamuseum in Lausanne.

Mit 33 noch Spitzenathletin, mit 37 schon Spitzenfunktionärin: Virginie Faivre im Olympiamuseum in Lausanne. Bild: Odile Meylan

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Am Montag kam sie an in Lausanne, die olympische Fackel – nach einer monatelangen Tour durch praktisch alle Schweizer Kantone und zuletzt die Austragungsorte von Lausanne 2020, der Olympischen Jugend-Winterspiele: Champéry, Les Diablerets, Leysin, Villars und einige mehr. Und immer mit ihr unterwegs: Virginie Faivre.

Es ist Samstagnachmittag, an der Durchfahrtsstrasse in Les Diablerets wird eine kleine Bühne errichtet, das Logo der Spiele prangt an der Rückwand, und von der Decke soll gegen Abend bei der Feier ein Strahler ein wenig Wärme spenden. Vis-à-vis haben die Einheimischen ein grosses, offenes Zelt mit Bar und Stehtischen aufgestellt. In ein paar Stunden kommt die Fackel und mit ihr die OK-Präsidentin der Spiele. Noch ist Faivre mit Vertretern des Internationalen Olympischen Komitees in der Umgebung unterwegs, den Interviewtermin verschiebt sie kurzfristig, vertröstet auf später.

Sie begleitet Lausanne 2020 seit sieben Jahren

Die Frau ist erst 37 Jahre alt, ihr Aufstieg aber steil. Gerade eben war sie selber noch Athletin, wurde 2015 zum dritten Mal Freeski-Weltmeisterin, dreimal gewann sie den Disziplinen-Weltcup in der Halfpipe. Und als es 2014 in Rosa Chutor an den Spielen von Sotschi um Olympiamedaillen ging, verpasste sie diese als Vierte nur knapp. 2016 ist sie zurückgetreten, weil ihr Körper die Strapazen nicht mehr verkraftete.

Wenn am Donnerstag die Youth Olympic Games in Lausanne eröffnet werden und der letzte Läufer mit der Fackel das olympische Feuer entfacht, ist es lediglich das nach aussen sichtbare Feuer. In Faivre brennt ein solches seit langem. Sie ist gebürtige Lausannerin, hat am Lac Léman die verschiedensten Sportarten ausgeübt und gehört seit 2013, als sich die Kandidatur gegen jene von Luzern durchsetzte, als Botschafterin zum inneren Zirkel. Es sei für sie wohl so viel wert wie ein WM-Titel, sagte sie, als Lausanne zwei Jahre später in Kuala Lumpur gewählt wurde, «dieses Projekt liegt mir so am Herzen».

«Das Sozialleben habe ich
für ein Jahr eingestellt. Aber
ich habe gewusst, worauf
ich mich einlasse.»

Dass Virginie Faivre nun sogar das Gesicht dieser erst zum dritten Mal ausgetragenen Winterspiele der 15- bis 18-Jährigen ist, hat einen tragischen Hintergrund. Mit Patrick Baumann verstarb im Oktober 2018 der OK-Präsident der Veranstaltung. Der 51-Jährige erlag an den Sommerspielen der Jugend in Argentinien einem Herzinfarkt. Das Westschweizer IOK-Mitglied, das viele für einen potenziellen Nachfolger von Präsident Thomas Bach hielten, war Kopf und Türöffner von Lausanne 2020. Später, als Faivre zum Gespräch eintrifft, sagt sie: «Es ist eine Ehre, dass ich auf ihn folgen durfte. Ich habe sehr viel von ihm gelernt.»

Vorteilhaftes Profil: Weiblich, jung, aus moderner Sportart

Genau vor einem Jahr wurde sie von den beiden Vizepräsidenten angefragt, ob sie bereit wäre, dieses grosse Amt zu übernehmen. Sie hatten in der Zwischenzeit die Geschäfte fortgeführt, jetzt aber, da es ins letzte Jahr der Vorbereitungen ging, wollten sie eine definitive Lösung. Und hätten die Voraussetzungen fürs OK-Präsidium bessere sein können? Jüngere Frau, einstige erfolgreiche Athletin aus einer modernen Sportart, umtriebig und mit Herzblut dabei?

2015 in Kreischberg: Virginie Faivre fliegt als Freeskierin spektakulär zu ihrem dritten WM-Titel. (Foto: Michal Cizek/AFP)

«Ich hätte am liebsten eine Sekunde nach der Anfrage zugesagt», gibt Faivre zu und lacht herzhaft. Sie habe sich dann doch dazu durchgerungen, den Entscheid zwei, drei Nächte zu überschlafen. Es ging auch um ihre Stelle bei der Westschweizer Sporthilfe – und es war damals ihre letzte ruhige Zeit. Seither ist sie auf Achse. «Das Sozialleben habe ich für ein Jahr eingestellt. Aber ich habe gewusst, worauf ich mich einlasse.»

Faivre ist eine Kämpferin. Eine, die von sich behauptet, keine halben Sachen zu machen. Deshalb entschied sie sich fürs Skifahren, als ihr der Tanzlehrer erklärte, beim Tanzen sei eine andere Beweglichkeit gefragt als auf den Ski. Und deshalb entschied sie sich für Freeski in der Halfpipe, als ihr der Skitrainer andeutete, dass es mit ihren 1,55 m Grösse wohl nicht über die FIS-Rennen hinausreiche. Dabei findet sie, Lara Gut-Behrami sei auch nicht viel grösser und habe es doch weit gebracht.

Und die Kämpferin in sich entdeckte sie vor allem, als ihre männlichen Freeski-Kollegen alljährlich an den prestigeträchtigen X-Games in Aspen ihren Spass und hochstehenden Wettkampf haben durften – und die Frauen nicht. «Wir forderten ja nicht neue Anlagen, sondern machten den Organisatoren nur klar, dass auch wir es verdienten, dort starten zu dürfen», sagt sie. Nach drei Jahren war es so weit.

«Ich musste fokussiert, diszipliniert, teamorientiert, offen, organisiert und vieles mehr sein.»

Ausser ihrer Grösse ist alles gross an Faivre: Ihre Begeisterungsfähigkeit, ihr Engagement, ihr Wille und ihre Leidenschaft – und ihre Demut. Denn weil sie es selber nicht erwähnt, tut es ihre Kommunikationsassistentin, die neben ihr sitzt und sie seit Jahren begleitet: «Sie ist die geborene Leaderin, von Beginn der Kandidatur an hat sie das bewiesen.» Widersprechen will und tut ihr Faivre nicht.

Wenn das Potenzial, nicht aber das Geld vorhanden ist

Nach dem Gymnasium und neben ihrer Sportkarriere hat sie zwei Fernstudien abgeschlossen, eines in Sportmanagement. Sie sagt aber, fürs Leben habe sie «alles» im Sport gelernt. «Alles! Das ist die beste Lebensschule. Ich musste fokussiert, diszipliniert, teamorientiert, offen, organisiert und vieles mehr sein. Und ich musste lernen, mit Druck umzugehen und mit Niederlagen», sagt sie. Von denen gebe es weit mehr als Siege.

Aus diesem Grund, weil der Sport einen so gut vorbereite aufs Leben, sind ihr die Jugendspiele ein grosses Anliegen. Bewusst ist ihr, in welch heikler Phase die Athletinnen und Athleten stecken. Sporttreiben auf hohem Niveau werde in der Öffentlichkeit zwar als «cool» empfunden, «aber es ist ein harter Weg, vor allem in diesem Alter», sagt Faivre.

«Und wird jemand in
diesem Alter ungenügend unterstützt, hört er halt auf
mit dem Sport.»

«Es gibt Sportarten, in denen gehören 15-Jährige schon zur Weltspitze, in anderen entscheidet sich erst mit 20, wie und ob es überhaupt weitergeht», sagt sie. Oder, wie sie es im Alltagsleben bei der Sporthilfe und der Aufteilung der Fördergelder oft erlebe: Das Potenzial beim Athleten oder der Athletin wäre zwar vorhanden, die Finanzen der Eltern sind es aber nicht. «Und wird jemand in diesem Alter ungenügend unterstützt, hört er halt auf mit dem Sport.» Ähnliches hat auch sie erlebt, «irgendwann wurde das Skifahren sehr teuer», sagt sie.

Ihre Vision, die nicht nur ihre, sondern jene des ganzen OKs ist, scheint sie durchsetzen zu können. Es sollen Spiele für die Jugend von und mit der Jugend werden. Was so viel heisst wie: Der Eintritt zu den Wettkämpfen ist gratis, rund 70000 Schülerinnen und Schüler werden einen Teil des Publikums bilden. «Zudem haben wir versucht, Jugendliche in den einzelnen Austragungsorten in die Organisation einzubinden und ihnen Verantwortung zu geben. Es sollen nicht nur Sportlerinnen und Sportler der Zukunft da sein, sondern auch künftige Event-Manager», sagt sie idealistisch.

Lausanne 2020 als Labor und mit Skitouren-Rennen

Faivre versteht die Spiele 2020 aber auch als Labor – in mancherlei Hinsicht: Die Austragungsorte liegen nicht nur in der Romandie, sondern auch St. Moritz ist eingebunden. «Erst hatten wir Bob nicht im Programm, dann fragten wir uns, wieso nicht St.Moritz einbeziehen? Und so auch Prémanon, ein Grenzort in Frankreich, wo nun Biathlon und Skispringen stattfinden.» Das sei auch mit Problemen verbunden gewesen, «denn die Biathleten bringen ja Gewehre mit. Dafür mussten wir erst Lösungen finden.»

Es fanden sich Lösungen, die vielleicht künftig auch für die «richtigen» Spiele wegweisend sein könnten. Und mit Skitourenrennen figuriert auch eine neue Sportart im Programm, die bei der Jugend hoch im Kurs ist. «Gut möglich, dass sie 2026 olympisch wird. Meine Sportart entstand um die Jahrtausendwende, und 15 Jahre später war sie auch schon olympisch», sagt die OK-Präsidentin. Ihre Augen glänzen, als würde sie am liebsten mit der Jugend am Start stehen.



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Erstellt: 09.01.2020, 10:33 Uhr

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Virginie Faivre

Genau vor einem Jahr wurde die 37-jährige Lausannerin Virginie Faivre als Nachfolgerin von Patrick Baumann zur OK-Präsidentin von Lausanne 2020 gewählt. Baumann hatte die dritten Olympischen Jugend-Winterspiele von Beginn an (2013) begleitet, erlag im Oktober 2018 aber 51-jährig einem Herzinfarkt. Die einheimische, dreifache Freeski-Weltmeisterin und Weltcupsiegerin Faivre übernahm. Die Spiele mit einem Budget von rund 40 Millionen Franken werden am Donnerstag eröffnet und dauern bis 22. Januar. (mos)

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