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Das Märchen des unbekannten Deutschen

Vor vier Jahren spielte Moritz Böhringer erstmals American Football. Nun scheint sich die halbe NFL um ihn zu reissen.

Ein überragender Pro Day brachte Moritz Böhringer die Aufmerksamkeit. Foto: Twitter/FAU-News
Ein überragender Pro Day brachte Moritz Böhringer die Aufmerksamkeit. Foto: Twitter/FAU-News

Schon mancher ist in die Falle getappt. Hat einen Link angeklickt und noch einen und ist immer weiter vorgedrungen. Immer tiefer ins Youtube-Archiv. Stunden später waren Stunden verloren.

Moritz Böhringer dagegen hat erst dadurch einen Lebenstraum gewonnen.

Ein Tag im Frühling 2012 war es, als der Deutsche auf der Plattform unterwegs war und einen American-Football-Clip entdeckte. Dann noch einen und noch einen, und bald hatte er genug gesehen – und ging statt zum Fussball in ein Football-Probetraining in seiner Heimatstadt Aalen bei Stuttgart.

Böhringer wurde Wide Receiver, lernte schnell, wechselte vor einem Jahr zu den Schwäbisch Hall Unicorns in die Bundesliga und war dort bald allen so überlegen, dass nun bereits der nächste Schritt ansteht. Jener ganz nach oben: in die National Football League (NFL). Bevor diese Ende Monat ihren Draft abhält, interessieren sich sieben Teams offiziell für Böhringer – inoffiziell ist es wohl die halbe Liga. Vier Jahre nach dessen erstem Snap. Ein veritables Märchen.

Highlights von Moritz Böhringer mit den Schwäbisch Hall Unicorns.

256 Spieler werden beim jährlichen Auswahlverfahren jeweils gedraftet. In aller Regel sind es Hochschulabsolventen, und im Football gilt mehr als in den anderen US-Sportarten: Wer keinen Leistungsausweis im College-Football hat, hat keine Chancen. Oder kaum – jedenfalls sind die Beispiele rar. Böhringer würde gar für ein Novum sorgen: Noch nie wurde ein Spieler direkt aus der Bundesliga gedraftet. Die vier Deutschen in der NFL – Sebastian Vollmer, Markus Kuhn, Björn Werner und Kasim Edebali – bewiesen sich zuvor im Hochschulsport.

«Wieso sollte man ihn kennen?»

Den Namen Böhringer kannte bis vor wenigen Wochen kein Scout in der NFL und kein General Manager. «Wieso sollte man einen Typen kennen, der in Deutschland Football spielt?», schrieb Vic Ketchman, Kolumnist der Green Bay Packers, und führte in seiner charmant imperialistisches Art aus, dass er auch keinem Scoutingreport über Böhringer geglaubt hätte. «Ernsthaft: Wer sieht sich Bänder über die German Football League an?»

Ob es den Experten gefällt oder nicht: Die NFL ist internationaler geworden. Inzwischen sind 27 Nationen vertreten. Der australische Rugbyspieler Jarryd Hayne hat es im vergangenen Jahr zu acht Einsätzen gebracht. 29 Samoaner gab und gibt es in der NFL, und kürzlich haben die New York Giants den Franzosen Anthony Dablé als Free Agent verpflichtet. Zu den drei jährlichen Partien in London kommt 2016 ein Spiel in Mexiko-Stadt und möglicherweise bald je eines in China und Deutschland.

Dass zuletzt in den USA ein Hype um den unbekannten Deutschen entstand, kann der Liga nur recht sein. Vor ein paar Wochen sandte Böhringer ein Video seiner Künste als Passempfänger ein und wurde daraufhin an den «Pro Day» einer Universität in Florida eingeladen. Bei dieser Gelegenheit präsentieren die Talente ihre Fähigkeiten, beim Standweitsprung, 40-Yard-Sprint oder in positionsbezogenen Drills. Daraufhin werden sie von Clubs allenfalls zu Gesprächen und weiteren Tests aufgeboten.

3,33 Meter aus dem Stand

Böhringer verblüffte mit einem starken Pro Day, einer «unglaublichen Leistung», wie nfl.com schrieb. Mit 4,43 Sekunden war er über 40 Yards 12 Hundertstel schneller als der Durchschnitt, aus dem Stand sprang er 3,33 Meter.

Eine Garantie, gedraftet zu werden, ist das trotzdem nicht. Eine Garantie brauche er auch nicht, sagt er gegenüber spox.com: «Vielleicht klappt es ja, und darum will ich es einfach mal ausprobieren.» Dass er vor der sechsten Runde gezogen werden wird, scheint ausgeschlossen. Nur: Darf man in dieser Geschichte überhaupt noch etwas ausschliessen?

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