Das Meer hat ihn wieder

Der Genfer Alan Roura ist auf hoher See aufgewachsen. 6550 Kilometer allein auf dem Atlantik sind für ihn ein Sprint.

Der Genfer Skipper Alan Roura (25) allein mit einem Boot voller Elektronik – hier noch auf einer Trainingsfahrt. <i>Bild: Freshfocus/Jean-Guy Python</i>

Der Genfer Skipper Alan Roura (25) allein mit einem Boot voller Elektronik – hier noch auf einer Trainingsfahrt. Bild: Freshfocus/Jean-Guy Python

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Seit vier Tagen ist Alan Roura auf seinem 18,28 m langen Einrumpfboot «La Fabrique» unterwegs, vom nordfranzösischen Saint-Malo zur Karibikinsel ­Guadeloupe. Die Transatlantikregatta heisst sinnigerweise Route du Rhum. Auf diesem Weg brachten früher die alten Clipper den Rum in Fässer abgefüllt von der Karibik nach Europa.

Für den Genfer Skipper ist diese Atlantiküberquerung ein wichtiger Test für die Weltum­segelungsregatta Vendée Globe, die er 2020 erneut bewältigen will. Zurzeit segelt er bei der Route du Rhum nach der dritten Nacht bei schwierigen Bedingungen und rauer See auf Position 5 im Feld der 20 Boote – und wurde zuletzt langsamer.

«Das ist ein Sprint», erzählt der 25-Jährige vor dem Rennen in seinem Basislager in Lorient an der französischen Atlantikküste. Die Route du Rhum ist nur rund 6550 km lang. Die mythische Vendée Globe dagegen führt über 45'000 km nonstop durch die härtesten und verlassensten Gegenden der Weltmeere rund um den Globus. «Die Route du Rhum aber zeigt, wie gut ich mein neues Boot bereits im Griff habe», betont Roura.

Ein komplizierter Koloss voller Technik

Wobei: Neu ist das Hightechboot nicht. Es wurde 2007 auf Kiel gelegt und hat bereits drei Weltumsegelungsrennen hinter sich. Bei der Vendée Globe 08/09 segelte der Franzose Armel Le Cléac’h damit auf Platz 2, vier Jahre später kam Bertrand De Broc auf Rang 9. «Es ist ein sehr gutes Boot, stabil, aber schnell», gibt sich Roura überzeugt. Sein Hauptsponsor, die weltweit tätige Grossbäckerei Cornu aus dem Waadtland, hat es 2017 gekauft. Danach wurde es komplett nach neusten Erkenntnissen umgebaut; es wurde mit Foils ausgerüstet, wie sie die Boote der neusten Generation haben. Die leicht Sichel- oder L-förmigen Seitenschwerter pressen bei genügend Wind den Bug aus dem Wasser und verringern so den Wasserwiderstand. «Dadurch wird das Boot um 10 bis 20 Prozent schneller. Das ist enorm», sagt Roura. Die Elektronik wurde modernisiert, auch ein neuer, leichterer Mast gesetzt.

Erst am 16. Juli wurde das Boot wieder eingewassert. Die Zeit bis zur Route du Rhum war knapp. «Es ist ein Boot, mit dem ich in die Spitzengruppe fahren kann. Aber noch schaffe ich es nicht, 100 Prozent herauszuholen. Es ist kompliziert und anspruchsvoll, einen solchen Koloss optimal zu segeln.»

Ein heikles Problem sei für ihn die Elektronik, bekennt Roura. Er hebt in der Kabine einen Deckel zu Seite, zwei grosse Batterien kommen zum Vorschein. Mit gerunzelter Stirn sagt er: «Die Batterien sind sehr leistungsstark, auch das Ladegerät. Aber beide sind etwas anfällig. Wenn da etwas kaputt geht, gerät man in Probleme.» Ohne Elektronik an Bord geht nichts, keine Navigation, keine Steuerautomatik, und die Kommunikation ist eingeschränkt.

Von der Mutter unterrichtet und Angst vor dem Handy

Vor zwei Jahren hatte Alan Roura als jüngster Segler in der Geschichte der Vendée Globe für Aufsehen gesorgt. Mit seinen 23 Jahren, einem 16 Jahre alten Boot und einem Budget von 400'000 Franken war damals klar, dass es für ihn nur um das Durchkommen gehen konnte. Er wurde in 105 Tagen Zwölfter, 31 Tage hinter dem Sieger. 18 Segler kamen ins Ziel, 11 mussten aufgeben. Aber auch Rouras Lebensgeschichte bietet Aussergewöhnliches. Als er acht Jahre alt war, kauften seine Eltern ein Boot und segelten mit ihm, seinem Bruder und seiner Schwester über die Meere. Das Zuhause war ein 13 Meter langes Segelboot mit zwei Kajüten. Martinique, die Tonga-Inseln und die Südinsel von Neuseeland waren unter anderen die Destinationen. Morgens erhielten die Kids während einer gewissen Zeit Schulunterricht von der Mutter.

Elf Jahre dauerte dieses Leben. «Als wir uns wieder in Europa niederliessen, war ich erwachsen und hatte keine Ahnung, wie man ein Leben auf dem Festland organisiert», sagt Roura. «Ich wollte zuerst kein Handy, ich wollte keinen geregelten Tagesablauf, ich wollte nichts. Das Leben hat mir zuerst eine gewaltige Ohrfeige verpasst. Ich brauchte ein gutes Jahr, bis ich mich in der Gesellschaft und ihrer Ordnung zurechtgefunden hatte.»

Inzwischen weiss er die Diskrepanz von Seefahrer- und Landleben zu schätzen. Und er weiss auch, dass er jetzt viel Verantwortung trägt. Das Budget ist nun das Zehnfache vom ersten Vendée-Abenteuer, sein Betreuerteam umfasst fünf Leute. Er gibt zu, dass er Druck spürt. «Es sind aber nicht die Sponsoren, die mich unter Druck setzen, ich setze mich selbst unter Druck.»

Irgendwann will er mit seiner Lebensgefährtin Aurélia Mouraud, der Medienverantwortlichen seines Unternehmens, eine Familie gründen und mit Frau und Kind ebenfalls mit dem Schiff auf Weltreise gehen. «Aber nicht für elf Jahre, sondern ich werde Reisen in kürzeren Abschnitten unternehmen. Meine Kinder sollen dereinst die Chance haben, ihre Jugend und Ausbildung auch auf dem Festland in festen Strukturen zu erleben.»

Erstellt: 07.11.2018, 07:09 Uhr

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