Das Schreckgespenst wird nicht müde

Justin Gatlin ist 37 und lief 100 Meter in rekordverdächtigen 9,87 Sekunden. Am Freitag tritt er an der Athletissima in Lausanne an.

14 Jahre trennen sie, dennoch sprinten sie Seite an Seite um den Sieg: Doyen Justin Gatlin (rechts) und Christian Coleman. Foto: Jeff Chiu (Keystone)

14 Jahre trennen sie, dennoch sprinten sie Seite an Seite um den Sieg: Doyen Justin Gatlin (rechts) und Christian Coleman. Foto: Jeff Chiu (Keystone)

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Irgendwann wird Justin Gatlin gefragt, wie er das eigentlich schaffe. Sein Brustkorb pumpt immer noch auf und ab, eben ist der Amerikaner am Diamond-League-Meeting in Stanford über 100 Meter in 9,87 Sekunden auf Rang 2 gelaufen. Geschlagen nur um sechs Hundertstel von Christian Coleman, dem Jahresschnellsten. Also, Justin Gatlin, wie schaffen Sie das? Er lächelt und sagt: «Oh Mann, diese Frage stelle ich mir jeden Morgen, wenn beim Aufstehen die Muskeln schmerzen.»

37 Jahre alt ist Gatlin, womit er den Zenit für einen Sprinter eigentlich überschritten hat. Seit Sonntag hält er einen Rekord: Nie ist jemand in diesem Alter die 100 m schneller gelaufen. Und trotzdem halten sich das Aufsehen um Gatlin respektive seine Leistung in Grenzen. Weil er für viele nach wie vor das ist: das Schreckgespenst der Leichtathletik. Der Ex-Doper. Der ­Wiederholungstäter.

Ausgerechnet Gatlin

Nichts manifestiert diese Haltung so sehr wie die Stimmung nach dem WM-Final 2017. Ausgerechnet bei seiner Derniere wurde Usain Bolt – die Überfigur – entthront. Ausgerechnet von Gatlin. Worauf das Publikum im Londoner Olympiastadion den Sieger erbarmungslos ausbuhte.

Natürlich, Gatlin wurde zweimal positiv getestet. Wobei es einen Einwand gibt: Als Kind litt er an der Aufmerksamkeitsstörung ADHS, die mit Medikamenten behandelt wurde, welche ­teilweise amphetaminähnliche Substanzen enthalten. Als die Kontrolleure ihm 2006 die Einnahme von Testosteron nachweisen konnten, wurde seine zweite Sperre auch deshalb von acht auf vier Jahre reduziert, weil er eben kein Wiederholungstäter ist. Gatlin sagt bis heute, er habe nie wissentlich gedopt. Das ist sicher kein Unschuldsbeweis. Aber er hat recht, wenn er wie 2017 gegenüber der «Neuen Zürcher Zeitung» sagt: «Kein anderer ist von einer so langen Sperre zurückgekehrt und war dann so erfolgreich. Man könnte das als gelungene Resozialisierung sehen.»

Nach seinem WM-Titel wurde es ruhig um Gatlin. Im letzten Jahr lief er die 100 m nicht ein Mal unter zehn Sekunden, ab Mitte Juli absolvierte er keine Wettkämpfe mehr. «Ich brauchte eine Pause», sagt er. Einerseits, um kleinere Blessuren auszukurieren, andererseits, um einfach einmal Zeit für sich zu haben. Also holte er nach, was in den letzten Jahren kaum möglich ­gewesen war. «Die einfachen Dinge», wie er sagt und lächelnd Beispiele nennt: «Pizza und Hot Dog essen, an den Strand gehen oder Achterbahn fahren.»

Jung gegen Alt

Es passt ganz gut, sprinteten in Stanford Coleman und Gatlin Seite an Seite um den Sieg. Ersterer ist 23 Jahre jung und ein Vertreter dieser neuen Generation an starken Sprintern aus den USA. Sie sind es, die zwischen Gatlin und seinem letzten grossen Ziel stehen: den Olympischen Spielen. Es wird für ihn ja schon nur eine veritable Herausforderung, sich an den US Trials für Tokio 2020 zu qualifizieren. Die drei Schnellsten des letzten Jahres – Coleman, Noah Lyles und Ronnie Baker – haben schliesslich einen grossen Vorteil: Keiner ist älter als 25.

Trotzdem strotzt Gatlin im Hinblick auf die WM in Doha, dem ersten Höhepunkt seiner Abschiedstournee, vor Zuversicht. Gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters sagte er im Dezember: «Wenn dieser Moment kommt, bin ich bereit. Ich würde auf mich wetten.» Um für seine letzten Aufgaben gewappnet zu sein, hat Gatlin nochmals den Trainer gewechselt. Betreut wird er nun von Gary Evans, in dessen Gruppe unter anderem auch Hürdensprint-Olympiasieger Omar McLeod figuriert. Bis Doha wird Gatlin nur ausgewählte Rennen bestreiten. «Wir werden nicht mehr rausgehen und jeden jagen, so wie es Justin mit 28 tat», hielt Evans im Winter fest. Morgen aber wird er an der Athletissima antreten. In einem Stadion, das er liebt. Dreimal hat er in Lausanne schon reüssiert.

Erstellt: 03.07.2019, 22:13 Uhr

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