Das ständige Versagen im Dopingkampf

An den Sommerspielen 1968 führte das IOK Dopingkontrollen ein. 50 Jahre später sind die führenden Institutionen und Köpfe so zerstritten wie nie zuvor.

Dopingproben – trotz gelegentlicher Erfolge werden die ehrlichen Sportler zu wenig geschützt. (Bild: Getty Images)

Dopingproben – trotz gelegentlicher Erfolge werden die ehrlichen Sportler zu wenig geschützt. (Bild: Getty Images)

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Hans-Gunnar Liljenwall wollte bloss seine flatternden Nerven beruhigen. Also trank der moderne Fünfkämpfer aus Schweden vor dem Schiessen zwei Bier – päng wurde der Schummler an den Sommerspielen von 1968 erwischt und gesperrt. Das IOK führte damals in Mexiko-Stadt erstmals Dopingkontrollen durch. Weil in den Jahren zuvor mehrere Topathleten tot umgefallen waren, teils live vom Fernsehen übertragen, konnten die Funktionäre das Betrügen schlicht nicht mehr ignorieren. Also mussten Dopingtests heran.

Ausgerechnet auf die wirkungsvollste und meistverwendete Gruppe, die Steroide, wurde 1968 nicht kontrolliert. Entsprechend war Fünfkämpfer Liljenwall der einzige Entlarvte. Beides mag im Rückblick wie ein schlechter Witze klingen. Nur: Hat sich die Dopingbekämpfung in den 50 Jahren wirklich so stark verbessert, dass man über ihre Anfänge lachen kann?

Kürzlich berichteten zahlreiche Medien, dass während der Winterspiele 2018 rund um die Dopingtests gepfuscht wurde – in Form von unverschlossenen Kühlschränken (die zur Aufbewahrung der Proben benutzt werden), herumliegenden Kontrollunterlagen, Athleten und Trainern, die sich unbeaufsichtigt im Kontrollraum aufhielten. Alles zusammen wurde der zuständigen Stelle gemeldet – reagiert hat sie gemäss mehreren Insidern nicht. Die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) schrieb in ihrem Abschlussbericht dafür, es seien bloss vereinzelte und geringfügige Probleme rund um die Kontrollen festgestellt worden.

Das Grundproblem hat der Sport auch in 50 Jahren nicht lösen wollen: die Verpolitisierung.

Doch die Wahrheit ist eine andere: Innerhalb der globalen Anti-Doping-Szene beginnen viele zu zweifeln, ob ihre Arbeit noch Sinn ergibt – und sie die ehrlichen Athleten schützen können. Zahlreiche gewichtige Figuren haben zermürbt ihre Jobs verlassen, darunter zwei Schweizer: Martial Saugy, der langjährige Leiter des Kontrolllabors von Lausanne, und Matthias Kamber, fast 30 Jahre quasi Mr. Antidoping Schweiz.

Denn das Schlüsselproblem hat der Sport auch in 50 Jahren nicht lösen wollen: die Verpolitisierung der Dopingbekämpfung. Jüngst wurde dieses Grundproblem wieder offensichtlich. Die Wada entschied, das wegen flächendeckenden Dopens suspendierte Russland bzw. seine nationale Dopingagentur wieder aufzunehmen.

Dabei hat das Land wichtige Forderungen noch immer nicht erfüllt. Zu den lautesten Russen-Befürwortern innerhalb der Wada zählten ihre IOK-Mitglieder. Seit der Gründung der Wada vor knapp 20 Jahren durch das IOK hat dieses Einsitz im entscheidenden Gremium. Wer sich bei dieser zentralen Abstimmung gegen die IOK-Funktionäre stellte, wurde von ihnen massiv angegangen – unter anderem die Vorsitzende der Athleten. Sie trat darauf zurück.

Zwar versuchte das IOK darauf in einem Statement, die Situation schönzuschreiben. Es schrieb davon, dass halt emotional debattiert worden sei. Über das Grundproblem, diese politisch fatale Verquickung beider Sportinstitutionen, aber redete es nicht.

Dafür meldete sich Travis Tygart. Der 47-Jährige führt die amerikanische Anti-Doping-Agentur und ist zurzeit der prominenteste Kritiker von IOK und Wada. Nach dem Eklat-Entscheid schrieb er: «Die Wada ist im IOK aufgegangen. Dabei können diejenigen, welche den Sport promoten, ihn nicht auch noch kontrollieren.» Und: «Mit diesem Beschluss hat die Wada der Welt offenbart, dass ihr die Wünsche weniger Sportfunktionäre wichtiger als die Rechte sauberer Athleten sind ...»

Dieses fundamentale Zerwürfnis der führenden Köpfe verdeutlichen auch Aussagen von David Howman. Der Neuseeländer war langjähriger Wada-Generalsekretär und in seiner damaligen Position vor allem durch Nicht-Aussagen aufgefallen. Nach dem Russen-Entscheid aber bilanzierte er: «Die Wada hat sich gewandelt – von einer Organisation, die sich um die Rechte sauberer Athleten kümmert, zu einer, die internationale Verbände hofiert und deren Interessen, in Russland Wettbewerbe durchzuführen. Geld siegte über Prinzipien.»

Erst allmählich entdeckt der Sport um Medaillen gebrachte Athleten und deren Träume.

Doch wenn selbst führende Köpfe den aktuellen Dopingkampf ablehnen, wer sollte ihn dann noch unterstützen und reformieren? Zumal die Dummen bzw. Geprellten in dieser Situation ausgerechnet die ehrlichen Athleten sind.

Und von ihnen gibt es noch immer sehr, sehr viele. Auch wenn 50 Jahre Dopingbekämpfung kein bisschen dazu geführt hat, dass wir wissen, wie viele Athleten betrügen: Es dürfte im Gegensatz zu früheren Jahrzehnten in den meisten Sportarten eine (deutliche) Minderheit sein. Bloss vergisst der Sport diese Ehrlichen wieder und wieder.

Erst allmählich entdeckt er etwa, dass er um Medaillen gebrachte Athleten, denen Doper Titel, Träume und Geld raubten, auch nachträglich würdigen muss. Selbst nachgerückte Olympiasieger oder Weltmeister erhielten ihr Gold über Jahre einfach so in die Hand gedrückt oder per Post zugestellt. Mittlerweile führen Sportverbände für diese Geprellten offizielle Zeremonien durch, wie die Leichtathleten an ihrer letzten WM von 2017. Diese Geste war überfällig.

Im Grundsatz aber gilt: Aus den Augen, aus dem Sinn. So leben zwei prägende Whistleblower des flächendeckenden Russen-Skandals, 800-m-Läuferin Julia Stepanow und ihr Mann Witali, im Ausland. Ausser dem IOK, welches das Paar nach viel öffentlichem Druck noch bis Ende Jahr finanziell unterstützt, hielten es primär Private für angebracht, den Stepanows ihr (Über-)Leben zu sichern.

Mehr als acht Monate am Stück arbeiten aber können die Stepanows aufgrund ihres Aufenthaltsstatus nicht. Das Beispiel zeigt: Wer aufklären und mithelfen will, Doping zu bekämpfen, wird gar abgestraft. Welcher Whistleblower ist angesichts dieser Perspektiven noch bereit, auszupacken – und sei es nur zu einem bier­trinkenden Fünfkämpfer? (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.10.2018, 23:04 Uhr

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