Zum Hauptinhalt springen

«Das war kein Prahlhans wie Donald Trump»

Er beherbergte Bill Clinton und Pelé in seinem Davoser Hotel – doch nur einer rührte ihn zu Tränen: Muhammad Ali. Der ehemalige Hoteldirektor Ernst Wyrsch erinnert sich.

Cassius Clay hiess der 18-jährige Jüngling aus Kentucky, der 1960 in Rom die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen gewann. Dass aus ihm der grösste Boxer aller Zeiten werden würde – wer hätte das damals geahnt?
Cassius Clay hiess der 18-jährige Jüngling aus Kentucky, der 1960 in Rom die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen gewann. Dass aus ihm der grösste Boxer aller Zeiten werden würde – wer hätte das damals geahnt?
Keystone
Nach Ausbruch des Vietnam-Kriegs wurde Clay für die Armee rekrutiert, er weigerte sich aber und sagte: «Kein Vietkong hat mich je Nigger genannt.» Unterstützt wurde er von Dr. Martin Luther King. Die Weigerung brachte ihm eine Sperre durch den internationalen Boxverband von rund drei Jahren ein.
Nach Ausbruch des Vietnam-Kriegs wurde Clay für die Armee rekrutiert, er weigerte sich aber und sagte: «Kein Vietkong hat mich je Nigger genannt.» Unterstützt wurde er von Dr. Martin Luther King. Die Weigerung brachte ihm eine Sperre durch den internationalen Boxverband von rund drei Jahren ein.
Keystone
Eines der letzten Bilder von Muhammad Ali entstand im Spätherbst 2014. Schon einmal war er da ins Spital eingeliefert worden – allerdings auch wieder entlassen. Nun ist die Legende tot.
Eines der letzten Bilder von Muhammad Ali entstand im Spätherbst 2014. Schon einmal war er da ins Spital eingeliefert worden – allerdings auch wieder entlassen. Nun ist die Legende tot.
Keystone
1 / 14

Ernst Wyrsch, Muhammad Ali logierte am WEF 2006 in Ihrem ehemaligen Hotel Belvédère in Davos. Wie erlebten Sie seinen Besuch?

Das war sehr bewegend. Ich hatte im Laufe meiner Karriere in meinem Hotel über 100 Staatschefs und Nobelpreisträger. Doch der einzige Moment in meinem Hotelierleben, in dem ich Tränen in den Augen hatte, war als Muhammad Ali erschien. Als 14-Jähriger bin ich mitten in der Nacht um drei Uhr aufgestanden, um seinen Boxkampf in Kinshasa zu sehen. Und jetzt stand er da.

Was geschah in jenem Augenblick?

Normalerweise sind Fotografen und Journalisten abgebrüht, wenn sie auf Prominenz treffen. Doch bei Muhammad Ali geschah etwas Seltsames: Sie legten ihre Fotokameras ab – und applaudierten.

Wie verlief das Treffen?

Muhammad Ali konnte nicht mehr sprechen, aber er war zu 100 Prozent aufnahmefähig. Seine Frau hat dabei als Dolmetscherin fungiert. Die beiden haben mit den Augen kommuniziert, er hat Faxen und Geräusche gemacht, die sie dann für uns übersetzt hat. Wir haben uns sicher eine Viertelstunde alleine unterhalten. Ich habe ihm erzählt, dass ich mich vor und nach ihm nie wieder für das Boxen interessiert habe. Es war seine Person, die fasziniert hat.

Ich würde Nelson Mandela und Muhammad Ali auf dieselbe Stufe stellen.

Ernst Wyrsch

Was beeindruckte Sie an Muhammad Alis Persönlichkeit?

Er hat ein unvorstellbares Charisma ausgestrahlt. Das war kein Prahlhans wie Donald Trump, sondern ein Mann mit Ausstrahlung und Haltung. Ja, Ali sagte von sich, er sei der Grösste, ähnlich wie Trump. Bei Donald Trump wirkt das aber schräg und unglaubwürdig, nicht so bei Ali. Trotz all dieser Superlative – die man in der Schweiz eigentlich nicht mag – hat man Muhammad Ali respektiert. Seine innere und äussere Haltung haben korrespondiert. Obwohl er eine laute Sprache hatte, war er immer grundehrlich und authentisch. Und das ist der Unterschied zwischen ihm und Donald Trump.

Muhammad Ali – eine «Legende». Wie stehen Sie zu diesem Wort?

Ich glaube man spricht oft von Legenden. Doch für mich ist Muhammad Ali tatsächlich einer der wenigen Menschen, die ich als Legende bezeichne. Bei ihm hatte ich denselben Effekt wie beim Aufeinandertreffen mit Nelson Mandela. Ich würde die beiden auf dieselbe Stufe stellen. Begegnen Menschen einem Weltstar, gehen sie oft etwas ehrfürchtig oder eingeschüchtert in die Knie. Doch bei Nelson Mandela und Muhammad Ali war es anders – trotz aller Ehrfurcht ging niemand unterwürfig nieder. Es war eine aufrichtige Bewunderung auf Augenhöhe.

Muhammad Ali stellte seine politische Haltung über den sportlichen Erfolg: Weil er den Wehrdienst während des Vietnamkriegs verweigerte, gingen ihm mehrere Jahre seiner Karriere verloren.

Diese Haltung beeindruckt mich: Er ging ins Gefängnis, als er am meisten Erfolg hatte und verbrachte die theoretisch besten Jahre seiner Karriere hinter Gittern. Der Typ hatte einfach Stil. Er ist ein Mensch, der einem in Erinnerung bleibt. Selbst als er schon schwer krank war, machte er immer noch Spässe.

Viele sind nicht in der Gosse gelandet, weil sie ihn als Vorbild hatten.

Ernst Wyrsch

Wie haben Sie von seinem Tod erfahren?

Ich bin Dozent und habe es während der Aufgabenverteilung in einer Vorlesung gesehen. Ich war traurig – aber auch dankbar. Es war für ihn und sein Umfeld bestimmt eine Erlösung nach so schwerer Krankheit. Es ist tragisch, dass ein einst so starker Mann an einer Krankheit litt, die seine Schwächen so offenbarte. Trotzdem war er stets würdevoll. Und zuletzt: Ich bin dankbar, dass ich ihm persönlich begegnen durfte.

Was würden Sie Muhammad Ali noch sagen wollen?

Könnte ich ihm noch etwas auf den Weg mitgeben, ich würde ihm sagen, dass er für viele Menschen eine Inspiration war. Viele perspektivlose Jugendliche sind dank ihm nicht in der Gosse gelandet. Weil sie ihn als Vorbild hatten.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch