«Dass der hier schwimmt, ist eine Frechheit»

Die Schwimmszene stellt sich hinter Mack Horton, der an der WM gegen seinen Kontrahenten Sun Yang protestierte. Nicht so der Verband.

Handschlag für Detti, nicht aber für Yang: Mack Horton mit seiner Art des Protests. Video: SRF

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Das Gute an der Leere ist, dass man sie sich ausmalen kann, wie man gerade will. Darum starrt Mack Horton am Sonntag genau dahin. Er hat gerade Silber gewonnen über 400 m Freistil und erstarrt bei der Siegerehrung zur Statue. Daneben und eine Stufe höher posieren Sun Yang und Gabriele Detti mit ihren Medaillen, der Chinese mit Gold, der Italiener mit Bronze. Horton bleibt hinter dem Podium stehen und sorgt für ein merkwürdiges Siegerfoto. Er scheint sich sein eigenes zu zeichnen. Eines, auf dem er ganz oben steht.

Der Australier ist nicht etwa unglücklich mit seiner Auszeichnung, er ist auch kein schlechter Verlierer, schliesslich strahlt er später mit dem drittplatzierten Detti in die Kameras. Horton will protestieren. Ohne etwas zu sagen, gegen Doping, gegen den Weltschwimmverband Fina. Denn Sun Yang ist – und dieses Wort ist eine etwas grobe Untertreibung – vorbelastet. Er oder jemand seines Teams soll in der Nacht vom vierten auf den fünften September 2018 eine Dopingprobe zerstört haben. Mit einem Hammer.

Fast ein Jahr später lässt sich Yang zum vierten Mal in Folge als Weltmeister feiern, zig Fans aus seiner Heimat sind nach Gwangju in Südkorea gekommen, um ihn anzufeuern und zu bejubeln. Der 27-Jährige ist ein Superstar in China. Der Applaus der anderen aber, er gehört Mack Horton, so berichtet es zumindest die US-amerikanische Olympiasiegerin Lilly King. Horton sei bei seiner Rückkehr ins Athletendorf frenetisch begrüsst worden, «der ganze Esssaal hat vor Applaus gebebt», sagt King.

Es droht eine lebenslange Sperre

Etwas weniger aus dem Häuschen war der Schwimmverband Fina nach der Aktion des Australiers. Der 23-Jährige und sein Verband wurden verwarnt. Es passt in das Bild, das der Weltverband im Umgang mit Publikumsliebling Yang abgibt. Der wurde schon im Sommer 2014 des Dopings überführt und drei Monate gesperrt. Die Fina veröffentlichte den Fall nicht und bestätigte ihn erst nach entsprechenden Medienberichten.

Vier Jahre später folgte dann die erwähnte Nacht im September. Es sind skurrile Vorgänge, die ein 59-seitiger Bericht schildert, der der australischen Zeitung «The Daily Telegraph» vorliegt. Dopingkontrolleure suchten Yang demnach in seinem Anwesen auf. Der Chinese soll eine Urinprobe verweigert haben. Zu einer Blutprobe konnte er überredet werden, dann eben: der Hammer.

Die Fina war der Ansicht, Yang habe nicht gegen Dopingbestimmungen verstossen. «Unglaublich und inakzeptabel», befand die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada und legte vor dem Sportgerichtshof Cas in Lausanne Einspruch ein. Verhandelt wird im kommenden September. Yang droht eine lebenslange Sperre.

Dagegen hätte so mancher Schwimmer wenig einzuwenden. So beliebt Yang in China und offenbar beim Verband auch ist, so schlecht kommt er bei der Konkurrenz an. Horton nannte Yang bereits bei Olympia 2016 einen Betrüger, damals stand er noch zuoberst auf dem Podest und der Chinese daneben. Camille Lacourt, Franzose und Inhaber des Europarekords über 100 m Rücken, schloss sich Horton an mit der Vermutung, Yang würde lila pinkeln.

«Ein kleiner Unfall mit Doping»

Drei Jahre später hat Yang noch immer wenig Freunde in der Szene. Weltrekordhalter Adam Peaty sagt, er wolle nicht sehen, dass «dieser Typ gegen seine Teamkollegen antritt, die extrem hart arbeiten, um hier zu sein». Der deutsche Athletensprecher Jacob Heidtmann fügt an: «Dass der hier schwimmt, ist eine Frechheit.» Er sei froh, dass mit Horton endlich jemand ein Zeichen gesetzt habe.

Ein Zeichen, das bei Yang später doch noch Spuren hinterliess. Biss er für das Siegerfoto noch in seine Medaille, soll er später im Gespräch mit chinesischen Journalisten Tränen verdrückt haben. Zu Hortons Aktion sagt er an der Pressekonferenz nach der Medaillenübergabe: «Es ist okay, wenn man mich persönlich nicht respektiert, aber bei der Siegerehrung sollte man mein Land respektieren.»

Das ist Horton relativ gleichgültig. «Ihr wisst, wie unser Verhältnis ist», sagt er zu den in Südkorea anwesenden Journalisten, «seine Taten, und wie mit ihnen umgegangen wird, sprechen lauter als alles, was ich je sagen würde.» Was Horton damit meint, lässt sich am besten mit diesem Zitat von Cornel Marculescu beschreiben: «Man kann Stars nicht von einer Schwimm-WM ausschliessen, nur weil sie einen kleinen Unfall mit Doping hatten.» Marculescu ist Generalsekretär der Fina.

Erstellt: 23.07.2019, 16:11 Uhr

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