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Dem Schatz fehlen die Liebhaber

Ob ein Racket von Roger Federer oder Abfahrtsski von Bernhard Russi: Eine Sammlung nahe Basel dokumentiert die nationale Sportgeschichte. Mangels Geld und Besuchern befindet sie sich im Endspiel.

Sein Begehlager in Münchenstein BL ist zu; die Trägerstiftung wird aufgelöst. (Archivbild)
Sein Begehlager in Münchenstein BL ist zu; die Trägerstiftung wird aufgelöst. (Archivbild)
Christian Beutler, Keystone
Die umfangreiche Sammlung soll an den Sportdachverband Swiss Olympic gehen. (Archivbild)
Die umfangreiche Sammlung soll an den Sportdachverband Swiss Olympic gehen. (Archivbild)
Christian Beutler, Keystone
Was mit der grössten schweizerischen Sportsammlung passiert, ob und wie sie zugänglich bleibt, ist vorerst offen. (Archivbild)
Was mit der grössten schweizerischen Sportsammlung passiert, ob und wie sie zugänglich bleibt, ist vorerst offen. (Archivbild)
Christian Beutler, Keystone
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Beim Pinkeln jubelt einem die frühere Skigrösse Michael von Grünigen zu. Neben vielen anderen Schweizer Sportstars hängt sein Porträt in der Toilette des Sportmuseums. Von Grünigens Jubel beim Wasserlösen dürfte bald vorbei sein. Dem Museum sind die Geldgeber abhandengekommen und damit die Perspektiven.

Die beiden übrig gebliebenen Mitarbeiter, Museumsleiter Hans-Dieter Gerber und Generalsekretär Lumir Kunovits, beschäftigen sich dieser Tage darum nolens volens mit der Liquidation dieses Traditionshauses. Immerhin wurde es fünf Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gegründet mit den Sammlungen eines Turnin­spektors, eines Velohändlers und eines Arztes.

Seither ist das Sportmuseum regelmässig in die Schlagzeilen geraten, weil ihm mangels Geld das Aus drohte. Stets rettete es sich. Nun scheint allerdings das definitive Endspiel begonnen zu haben: Es ist geschlossen und in Liquidation, obschon Gerber und Kunovits noch so viel Alltag wie möglich aufrechtzuerhalten versuchen.

Ein «Präzedenzfall»

Bei allen Nöten ist eines unbestritten: der Wert der Sammlung. Sie besteht aus über 12'000 Objekten, 200'000 Bildern, 11'000 Büchern, Zeitungen und Zeitschriften sowie 150 Lauf­metern Aktenarchive. Der Bund führt sie in seiner Kategorie A, was bedeutet: «Sammlung von nationalem Wert». Und solche Schätze werden eigentlich nie aufgegeben. Darum kommt die Liquidierung gemäss Kunovits einem «Präzedenzfall» im Umgang mit einer solchen Edelsammlung gleich.

Dass es so weit kommen konnte, hängt neben dem Geld mit den Besuchern zusammen. Oder besser gesagt: mit dem Ausbleiben von Interessenten. Rund 2000 schauen sich das Sportmuseum pro Jahr an – viel zu wenige, finden die nationalen und kantonalen Geldgeber. Darum hat einer nach dem anderen seinen Beitrag gestrichen. Bloss Swiss Olympic, der Dachsportverband, bliebe dem Museum mit 100'000 Franken jährlich treu. Die Macher aber benötigten mindestens eine halbe Million zum Überleben – und auch dann können sie die volle Kraft ihres Schatzes nicht ansatzweise zum Glänzen bringen. Denn das Sportmuseum befindet sich ennet der Stadtgrenze in Münchenstein und ist mehr Begehlager als Museum – mangels Geld.

Natürlich wissen Gerber und Kunovits, wie irreführend da schon der Name Museum ist. Nur: Sie dachten über eine Änderung nach und kamen davon ab, auch weil ihnen die Geld­geber abrieten. Falle der Name Museum weg, werde es mit den ­Subventionen eher schwieriger.

Die Not verschärfte ein Selbstverständnis der Macher, das der Geldgeberseite entgegenläuft: Immer wieder hat die Sportmuseumscrew mit sogenannt mobilen Ausstellungen zu punkten versucht, also an internationalen Meisterschaften in der Schweiz den jeweiligen Sport und seine Rolle in der Gesellschaft beleuchtet – beispielsweise an der Kunstturn-EM von 2016. Bloss zählen diese Besucher nicht zur Statistik. Das Sportmuseum weist ­offiziell also viel tiefere Zahlen aus, als es effektiv hat.

Weil die Betreiber die Bedeutung der ganzen Sammlung ­betonen, haben sie sich einer ­Fokussierung und damit einer Auf­gabe der Vollständigkeit stets verwehrt. Sie argumentieren unter anderem: Das Unscheinbare finde bloss seine Besucher, wenn diese vom Offensichtlichen angelockt würden – und dann ­quasi im Vorbeischlendern das Subtilere entdeckten.

Zu den unübersehbaren Trouvaillen zählen das Racket von Roger Federer, das er 2009 im Australian-Open-Final schwang, das Maillot jaune von Ferdy Kübler von 1950 oder Abfahrtsski von Bernhard Russi von 1972.

Geschichten aus dem Leben

Alles zusammen erzählt, was der Schweizer Sport war und ist. Zugleich gibt die Sammlung die Mentalität des Landes wieder. Wenn Frauen als «schwaches Geschlecht» in vielen Sportarten bis weit ins letzte Jahrhundert hinein zum Zuschauen verdammt waren, sagt das mindestens so viel über die Schweiz aus wie den hiesigen Sport – und ist im Museum umfassend dokumentiert.

Darin besteht seine Hauptstärke: Es erzählt Hintergründe und Zusammenhänge weit über den Sport hinaus – immer mit dem Sport im Zentrum. Wer Museumsleiter Gerber darum bei seiner Tour mit dem Journalistengast zuhört, erfährt, was für ein exzellenter Geschichtenerzähler er ist. Bloss konnten er und seine Mitwisser diese Geschichten nie in grossem Stil ans Publikum bringen, weil das Geld zwar stets zum Überleben reichte, aber nie zum Schaulaufen. Der Standort in Münchenstein ohne direkten Tramanschluss hat diesen Nachteil erhöht.

Wahrscheinlich ist darum, dass das Sportmuseum seinen Schatz verliert und seine besten Stücke verkaufen muss – um primär Darlehen in der Höhe von 230'000 Franken begleichen zu können. Noch aber kämpfen Gerber sowie Kunovits um das Erbe und lächelt einem Michael von Grünigen gönnerhaft zu.

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