Der Caddy wird zum Psychologen

Der Beruf des Taschenträgers auf dem Golfplatz hat sich gewandelt – der Caddy ist nun mehr, fast schon ein Coach.

Wird auch Glücksritter der Fairways genannt: der Golfcaddy.

Wird auch Glücksritter der Fairways genannt: der Golfcaddy. Bild: Keystone

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«Ein Tsunami hat gerade mein Bankkonto getroffen. Vielen Dank.» Dies textete J. P. Fitzgerald seinem Arbeitgeber Rory McIlroy, nachdem der Nordire ihm den Wochenlohn für den Sieg am Fedex-Cup-Final 2016 überwiesen hatte – über eine Million Dollar. Gemäss dem Magazin «Forbes» war Fitzgerald danach mit einem Jahreseinkommen von 1,65 Millionen Dollar der bestverdienende Caddy der Welt.

Von solchen Summen kann Ryan Sander nur träumen. Am European Masters in Crans war der 44-jährige Australier als Caddy mit dem Thurgauer Benjamin Rusch unterwegs. Der beste Schweizer Profi hielt sich lange in den Top 30, ehe er auf den letzten acht Löchern einbrach, den Cut und damit die Preisgeldränge verpasste.

Das bedeutete für Sander, dass er in Crans von Rusch nur die Pauschale von 1200 Euro erhält. «Damit kann ich wenigstens meine Spesen decken», sagt er. Caddies sind moderne Glücksritter: An jedem Turnier winkt der nächste grosse Zahltag – aber auch die nächste Entlassung. In der Regel erhalten sie 10 Prozent des Preisgelds, das in Crans für den Sieger 416'660 Euro beträgt. «Eine gute Woche kann dein ganzes Jahr retten», sagt Sander.

«Das ist eine Kunst, keine Wissenschaft»

Der Mann aus Perth wurde aber nicht wegen des Geldes Caddy. «Ich war zehn Jahre Golflehrer, zuletzt in Deutschland», erzählt er. «Aber mit allen technischen Hilfsmitteln ist dieser Job inzwischen zu einer Wissenschaft geworden. Das ist nicht mein Ding. Caddy entspricht mir mehr. Da geht es um das wahre Golf, es ist eine Kunstform. Als Caddy bist du Coach und Psychologe, du musst die richtigen Worte finden, den Platz und den Wind richtig lesen und dem Spieler helfen können.» Dabei erwarte jeder Spieler von einem Caddy etwas anderes. «Und manche lassen an dir auch den Frust aus.»

Weil in der Höhenlage von Crans die Bälle etwa 10 Prozent weiter fliegen als auf Meereshöhe, sind die Caddies hier gemäss dem Deutschen Martin Kaymer stärker gefordert als anderswo. «Sie haben eine grössere Verantwortung, denn hier muss man viel rechnen und genau wissen, wo man den Ball landen lassen soll», so die ehemalige Weltnummer 1.

Kaymer vertraut mit einem kleinen Unterbruch seit acht Jahren dem gleichen Caddy, dem Schotten Craig Connelly. «Die Rolle eines Caddy ist sehr vielfältig», sagt der ehemalige US-Open-Sieger. «Weil man so viel Zeit miteinander verbringt, muss es auch auf der persönlichen Ebene stimmen. Die professionelle Arbeit ist beinahe zweitrangig.»

Die Caddyszene ist eine Männerwelt, abends treffen sich viele auf eines oder zwei Bierchen. «Man hilft sich gegenseitig und freut sich, wenn einer Erfolg hat», sagt Sander. Weibliche Caddies sind selten. Die bekannteste war Fanny Sunesson, die mit dem Engländer Nick Faldo vier Majortitel feierte. «Ich fühlte mich immer willkommen», sagt die Schwedin. Sie habe es auch hingenommen, dass sie mit den Männern häufig die Garderobe teilen musste.

Auf den Sieg mit Girrbach folgte die Trennung

Sander weiss, dass er keine Jobgarantie hat. «Es passiert häufig, dass Spieler den Caddy wechseln. Es gibt auch ein Überangebot», sagt er. Bis ein Duo harmoniere, brauche es viel. Mit Joel Girrbach, Ruschs Clubkollege beim GC Lipperswil, hatte Sander 2017 zehn Turniere absolviert und dabei die Swiss Challenge am Sempachersee gewonnen. Dennoch kam es kurz darauf zur Trennung.

Girrbach ist momentan ohne Caddy unterwegs, im englischen Luton zieht diese Woche seine Freundin die Tasche. Im Gegensatz zur PGA-Europatour sind Caddies auf der Challenge- und der Pro-Golf-Tour nicht obligatorisch. Auch Rusch geht üblicherweise alleine auf die Runde. «Ein guter Caddy bringt schon etwas», sagt er. «Er kann dich in deinen Entscheiden bestätigen und dir gelegentlich auch mal auf den Rücken klopfen. Aber es ist auch eine finanzielle Frage. Für eine Saison kostet dich ein Caddy etwa 30'000 Franken.» Plus Prämien.

Mit Sander, der ihn selber kontaktiert hatte, war Rusch erstmals unterwegs. «Er war wirklich gut», lobt er ihn. «Dass ich den Cut verpasste, dafür konnte er nichts. Ich bin es ja, der die Bälle schlägt.» Für den Australier beginnt die Suche damit von vorne. Nach dem nächsten Crack, den er über Fairways und Grüns zu einem fetten Check steuern kann. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.09.2018, 07:16 Uhr

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