Der finnische Forrest Gump, der täglich drei Marathons läuft

4989 km absolvieren die Läufer am New Yorker Langstreckenrennen. Warum ein finnischer Pöstler darin besonders gut ist.

Bis zu 30 Paar Schuhe verbrauchen die handverlesenen Teilnehmer – und schaffen gern Platz für ihre malträtierten Zehen. Foto: Ira Berger (Alamy)

Bis zu 30 Paar Schuhe verbrauchen die handverlesenen Teilnehmer – und schaffen gern Platz für ihre malträtierten Zehen. Foto: Ira Berger (Alamy)

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Wenn Pekka Aalto seine Lauf­shorts mal wieder fast bis zum Bauchnabel hochgezogen hat und wie ein zerstreuter Professor um sich schaut, erkennt man den Champion in ihm nicht auf den ersten Blick. Aber der 48-jährige Finne ist der heimliche Superstar der Laufszene, der leibhaftige Forrest Gump – oder der Fast-Ewigläufer.

Aalto ist der Seriensieger des längsten offiziellen Langstreckenrennens der Welt. Es heisst Self-Transcendence 3100 Mile Race und führt in New York über 4989 km. Gelaufen wird es um einen Häuserblock von 883 Metern – macht 5649 Runden, die es innert maximal 52 Tagen zu bewältigen gilt.

Aalto schaffte die Strecke vor vier Jahren in der Rekordzeit von 40 Tagen, 9 Stunden, 6 Minuten und 21 Sekunden. Auch bei der 23. Austragung, die am 16. Juni im Stadtteil Queens begann, ist Aalto dabei. Rund 1900 km hat der Favorit schon in den Beinen.

«Über kurze Distanzen bin ich nicht gut»

Aalto sagt zu sich: «Über kurze Distanzen bin ich nicht gut.» Für ihn heisst das: Wettkämpfe von einer Länge bis 100 km. «Ich komme erst nach ein paar Hundert Kilometern so richtig in Schwung», findet er. Dass er ein paar Hundert Kilo­meter am Stück meint, ist in seinen Augen derart selbstverständlich, dass er den eher bedeutsamen Fakt gänzlich unerwähnt lässt.

Der Sieger erhält «free hugs» und ein paar vom Gründer geschriebene Songs vorgetragen.

Aalto ist Vorläufer einer Mini-Gemeinschaft. Sie beschreibt die Anforderungen an den Monsterlauf wie folgt: «Wenn du Schmerzen schlecht erträgst, dir schnell langweilig wird und du ungern läufst, solltest du am Self-Transcendence-Race eher nicht teilnehmen.»

Wobei: Einfach mal so wird ohnehin keiner ins Feld aufgenommen. Die Organisatoren ­lassen nur erfahrene Ultramarathonläufer und -läuferinnen zu. In diesem Jahr durften neben Aalto sieben weitere Glückliche das Rundendrehen beginnen – sechs Männer und eine Frau. Sie sind zwischen 40 und 60 Jahre alt und durch über Tausende Laufkilometer gestählt. Trotzdem haben erst 43 das Ziel seit der Premiere 1997 erreicht.

Der Schweizer Pushkar Müllauer absolvierte 2018 das Rennen. Im Video spricht er über seine Vorbereitung und Motivation. (Video: YouTube)

Dass es in New York zurzeit auch einmal um die 40 Grad heiss werden kann oder es wie kürzlich stark stürmt und regnet, erhöht für die Möchtegern-Absolventen den Reiz.

Schlafmangel garantiert

Dass sie sich das Trottoir zudem mit kurzatmigeren Passanten teilen müssen – und regelmässiges Ausweichen damit garantiert ist –, zählt zu den weiteren Besonderheiten. Gerannt wird ­jeweils von 6 Uhr morgens bis Mitternacht. Wer seine Runden unbedingt länger drehen will, darf auch. Um diese Tortur in der Maximalzeit von 52 Tagen zu ­bewältigen, müssen die Läufer täglich knapp 96 km hinter sich bringen. Bei seinem Rekord sammelte Aalto rund 123 km – also fast drei Marathons – pro Tag über fast sechs Wochen.

Mit wenig Schlaf sollte so ein Blockdreher von New York darum klarkommen. Denn er braucht einen kühlen Kopf, muss stets seine Verpflegung managen. 10'000 Kalorien verbrauchen die Teilnehmer teilweise täglich.

Darum essen sie, was ihnen ihre Helfer an Kalorienreichem in die Hände drücken: Glacen, Schoggi-Riegel, Hamburger oder Chips gehören dazu, Salztabletten, Wasser oder auch alkoholfreies Bier – und viel Eis gegen die Hitze. Auf die finalen Wochen hin, wenn die Athleten an Gewicht verlieren, kommt der eine oder andere Proteinshake hinzu. Im Prinzip jedoch gilt: Bitte keinen Schnickschnack wie Gels, die sich Kurzläufer so gerne ein­verleiben.

Der Vorläufer der Fast-Ewigläufer: Pekka Aalto. Foto: PD

Selbst diese Ausnahmeläufer aber können Magenproblemen niemals davonrennen. Jeder wird davon geplagt. Die Frage ist bloss, wie man die Situation ­erträgt. Krisenmanagement ist ohnehin zentral, weil jeden Teilnehmer in diesen strapaziösen Wochen irgendwann der Körper schmerzt. Besonders die Füsse finden das ständige Laufen mühsam, ­reagieren mit Blasen und schwellen an.

Deshalb schnippeln die Teilnehmer in den kurzen Nächten in ihren Apartments unweit der Strecke gern an ihren Schuhen herum. Sie schneiden den Fersenbereich auf oder schaffen Raum für die Zehen. Je nach Laufstil verbrauchen die Läufer bis zu 30 Paar Schuhe.

Teilnehmer laufen nicht gegeneinander, sondern gegen ihre Grenzen an.

Was weder Aalto noch seine Hinterherläufer können: den Körper auf den Schock dieser fast 5000 Laufkilometer perfekt vorbereiten. Aalto läuft im Training nie mehr als 40 km am Stück, im finnischen Winter oft gar nicht – dafür gern, wenn er in Helsinki die Post austrägt.

Erst mit 25 Jahren kam er zum Laufsport und ist wie alle anderen Teilnehmer immer extremer geworden: Konnten die einen zu Beginn ihrer Laufbahn kaum mehrere Kilometer am Stück rennen, haben sie ihre Grenzen stetig verschoben.

Grenzerfahrung gewünscht

«Self-Transcendence» im Namen des Wettkampfs spielt darauf an und bedeutet, die persönlichen Grenzen zu verschieben. Gegründet hat den Lauf der indische Guru Sri Chinmoy. Fast alle Teilnehmer sind Jünger von ihm, auch Pekka Aalto. Gemäss Chinmoy laufen die Teilnehmer nicht gegeneinander, sondern gegen ihre Grenzen an.

Dann können offenbar selbst 4989 km zu kurz sein. Ed Kelley, der die Premiere gewann, legte nach seinem Sieg eine 40-minütige Pause ein, ehe er 13 weitere Runden drehte, um auch die 5000-km-Marke zu knacken. Als Preis erhielt er «free hugs», ein paar von Sri Chinmoy geschriebene Songs vorgetragen und eine Art Lorbeerkranz aufs Haupt.

Erstellt: 04.07.2019, 20:40 Uhr

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