Der Gentleman unter den Groben

Wladimir Klitschko hat das Schwergewichtsboxen geprägt wie kaum einer. Nun tritt er mit einer Niederlage zurück – und doch zum richtigen Zeitpunkt.

Wladimir Klitschko feilte in seiner Karriere akribisch an jedem Detail.

Wladimir Klitschko feilte in seiner Karriere akribisch an jedem Detail. Bild: Keystone

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Die Wahrheit über einen Boxer liegt ­immer in seinen Augen. Schmerzen, Ängste, Träume – all das, was der restliche Körper mit Muskeln verbirgt, wird in den Augen sichtbar. An diesem Aprilabend 2017 lag in den Augen von Wladimir Klitschko Gelassenheit, seine Augen sagten: Ich habe alle Zeit der Welt. Er, 41, hatte kurz zuvor in der sechsten Runde den 14 Jahre jüngeren Anthony Joshua zu Boden geschlagen, sein Gegner hielt sich kaum noch auf den Beinen. In Joshuas Augen sah Klitschko erste ­Müdigkeit, und sein über fast drei Jahrzehnte geschulter Boxerblick riet ihm, es nicht zu überstürzen. Doch dieses eine Mal irrten sich seine Augen.

Gestern hat Klitschko seine Karriere beendet, er wird in die Geschichte seines Sports eingehen als einer der bedeutendsten Schwergewichtskämpfer, als der Mann der ersten eineinhalb Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts. 4383 Tage lang war er insgesamt Weltmeister, verteilt über zwei Regentschaften. Aber was Klitschkos Karriere vielleicht am meisten kennzeichnet, sind nicht seine Siege. Es ist sein Umgang mit Niederlagen. Gerade dann demonstrierte er, was ihn zu einem speziellen Schwergewichtsboxer macht: seine Fähigkeit, alles zu hinterfragen und daraus den vernünftigsten Entschluss zu ziehen. Seine Fähigkeit, nicht auf seine Fäuste zu vertrauen. Sondern auf seinen Kopf.

Nochmals alles analysiert

Am 29. April ging Klitschko in der 11. Runde zweimal zu Boden. Der Ringrichter brach das Duell ab. So wurde es ein unvergesslicher Boxabend. Es war weiterhin ein würdiger Moment, um aufzuhören. In den Monaten nach der fünften Niederlage seiner Karriere hat Klitschko erst lange Urlaub gemacht. Er hat den Kampf noch einmal bis in jedes Einzelteil auseinandergenommen, er hat sich selbst bis ins kleinste Detail analysiert, und er hat daran gedacht, was er immer wieder gesagt hat: dass er sofort aufhören wird, wenn er spürt, dass Motivation oder Gesundheit nachlassen.

Ein Rückkampf gegen Joshua hätte dem Ukrainer wohl Einnahmen im siebenstelligen Bereich beschert. Doch darum ging es ihm nicht mehr. «Es gibt immer einen Punkt im Leben, an dem wir ein neues Kapitel beginnen und neue Herausforderungen annehmen müssen», sagte Klitschko in einer Videobotschaft, «es ist genau jetzt der Zeitpunkt, um diesen Wendepunkt anzunehmen.»

Klitschko ist somit das gerade im Boxen seltene Kunststück gelungen, seine Karriere mit einer Niederlage zu beenden – und doch zum richtigen Zeitpunkt. Er wird in Erinnerung bleiben als einer, der gegen den Besten der nächsten Generation mithalten konnte, der diesen an den Rand einer Niederlage trieb, und nicht als alter Mann im Ring.

Klitschko hatte nach einer Niederlage als Boxer zu sich gefunden. Es war 2004, als er gegen Lamon Brester verlor, zum zweiten Mal in 13 Monaten. Gemeinsam mit Emanuel Steward, der ihn seit dem Frühjahr 2004 trainiert hatte, entwickelte er sich zu einem Strategen, der kompromisslos auf seine eigenen Stärken setzte. Und der gnadenlos die Schwächen der Gegner ausnutzte. Das war zwar oft ein bisschen langweilig. Aber es war immer wahnsinnig effektiv.

Weisse statt schwarze Schuhe

Mit dem 2012 verstorbenen Steward feilte Klitschko akribisch an jedem ­Detail. Sie passten den Hocker für die Rundenpausen an seine Sitzform an. Sie wechselten von schwarzen zu weissen Schuhen, weil diese ein Gefühl von Leichtfüssigkeit vermitteln. Und sie transformierten den Boxer Wladimir Klitschko von einem, der auf die Schlagkraft seiner beiden Fäuste vertraute, zu einem, der einen Kampf wie ein Stratege angeht.

Klitschko verkörperte im Ring nun endgültig all das, was er ausserhalb schon immer repräsentiert hatte. Ein ­intelligenter, höflicher, gut erzogener, hilfsbereiter Mann – alles Eigenschaften, die nicht unbedingt mit einem Profi­boxer in Verbindung gebracht werden.

Die beiden Klitschko-Brüder wurden ­dadurch bekannt, dass sie in einer Branche der Groben als Gentlemen auftraten. Sie verwandelten ihre Kampfveranstaltungen zu Galas. Der Sport, den früher die Rotlichtkönige regierten hatten, wurde interessant für die Schönen und die Reichen, und Millionen von Fans folgten diesem Glanz, gerade in Deutschland. Achtmal füllte Wladimir Klitschko bei seinen Kämpfen ein Fussballstadion, auf RTL sahen ihm regelmässig mehr als 10 Millionen Zuschauer zu. Es bereitete ihm auch den Weg für die Karriere nach der Karriere.

In den vergangenen Jahren hat Klitschko nebenbei mehrere Projekte angeschoben. Seit 2003 haben die Klitschkos ihre eigene Boxpromotion-Firma, seit 2007 vermarkten sie sich selbst. Während es Vitali in die Politik zog, interessierte sich Wladimir schon immer mehr für die Wirtschaft. Er betreibt ein Hotel in Kiew, er gibt einen Kurs an der Uni St. Gallen, in Zukunft möchte er sich noch stärker in der Start-up-Branche engagieren. «Ich mache das mit dem grössten Respekt», sagt Klitschko.

Überstürzen will er erst einmal nichts. Er hat jetzt ja alle Zeit der Welt.

Erstellt: 03.08.2017, 22:02 Uhr

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