Der Junior im Männerkörper

Er ist gross, er ist breit und er ist ein Ausnahmetalent: Der Schweizer Antonio Djakovic ist Junioren-Europameister.

Der Coup von Kasan: Antonio Djakovic schwimmt Schweizer Rekord über 400 m Crawl und wird Junioren-Europameister. Foto: Imago

Der Coup von Kasan: Antonio Djakovic schwimmt Schweizer Rekord über 400 m Crawl und wird Junioren-Europameister. Foto: Imago

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So hatte er sich das nicht vorgestellt. Aber es machte kaum Sinn, nochmals nach Uster zurückzukehren. Deshalb flog Antonio Djakovic nach der Junioren-EM in Kasan Anfang Woche gleich weiter nach Japan, ins Vorbereitungscamp für die Schwimm-WM. Djakovic ist erst 16-jährig, es werden nächste Woche in Südkorea seine ersten Welt-Titelkämpfe bei der Elite sein. Es ist seine erste grosse Reise.

Djakovic ist ein Ausnahmetalent, wie Swiss Swimming noch nicht manches hatte. Über 400 m Crawl wurde er vor gut einer Woche Junioren-Europameister, das hatten vor ihm erst Remo Lütolf und Flavia Rigamonti geschafft. Seither sind rund 20 Jahre vergangen. Lütolf und Rigamonti qualifizierten sich später beide für den Final an Olympischen Spielen und gewannen Medaillen an Europa- und Weltmeisterschaften.

Die Vorzeichen stehen also nicht schlecht für den Junior vom Schwimmclub Uster-Wallisellen. Zumal Djakovic in Kasan bereits eine der drei Schweizer Rekordmarken von Dominik Meichtry, dem langjährigen Leader im Nationalkader, getilgt hat. In seinem Goldrennen verbesserte er dessen Schweizer Rekord – nicht um einen Wimpernschlag, sondern um 1,22 Sekunden. Und mit seinen 3:47,62 Minuten liegt er in der Weltbestenliste weit vorne, keiner vor ihm hat Jahrgang 2002 oder ist noch jünger.

Extra nach Uster gezogen

Als die Nationalhymne nach dem Triumph gespielt wurde, «sind die Tränen schon geflossen», sagt Djakovic, und der Cheftrainer sei auch «ganz emotional» geworden. Djakovic hat sich einst gegen den Fussball und fürs Schwimmen entschieden. «Ich war schon als kleines Kind im Wasser, ich liebte das Gefühl von Anfang an», erklärt er seinen Entscheid. Zudem sei ihm in einer Einzelsportart wohler als in einer Teamsportart, «dort hängt vieles von der Kommunikation ab, im Schwimmen kann ich meinen eigenen Weg gehen».

Dieser hat ihn vor sechs, sieben Jahren vom Schwimmclub Frauenfeld zu Uster-Wallisellen geführt, ein Trainer hatte an einem Wettkampf sein ausserordentliches Talent entdeckt. Erst chauffierten die Eltern ihren Sohn hin und her, vor drei Jahren ist die ganze Familie ins Zürcher Oberland gezogen. Die Eltern, deren Wurzeln in Kroatien liegen, haben sich beruflich neu orientiert, die jüngere Schwester schwimmt ebenfalls. Auf Verständnis ist Djakovic immer gestossen – auch sein Vater war Schwimmer. Den Coup ihres Sohnes haben die Eltern in Russland miterlebt. Djakovic weiss, was er ihnen zu verdanken hat. Er sagt: «Wären sie nicht gewesen, wäre ich nie so gut geworden.» Dann fügt er an, als habe er das eben bemerkt: «Jetzt bin ich wirklich langsam erfolgreich – aber es wird noch besser.»

Djakovic erstaunt. Weil er schon mit 14 Jahren den Körper eines 18-Jährigen hatte. Weil er mit 16 Jahren aussieht, als wäre er schon 21. Der Crawler ist 1,87 m gross, er ist breit, und er ist überaus kräftig. Philippe Walter, der Sportdirektor des Schwimmclubs Uster-Wallisellen sagt, einen solchen Schwimmer hätten sie wohl noch nie gehabt. «Einen 16-Jährigen mit so viel Talent, Kraft, Ausdauer und Stehvermögen.» Die Talentiertesten hätten sich in solch jungen Jahren bisher für die kurzen Distanzen entschieden, Djakovic aber für die 200 m und 400 m Crawl. Verglichen mit anderen habe er «körperlich klar ein Plus, mit dieser Veranlagung und der Bereitschaft, hart zu trainieren, kann er weit kommen».

Training, Schule, Training

Diese Bereitschaft hat der Schwimmer, er sagt: «Nur sehr wenige wissen, wie viel ich für den Erfolg tue.» Djakovic besucht seit einem Jahr die United School of Sports in der Nähe des Letzigrundstadions, wo er am Morgen und am Abend genügend Zeit zum Trainieren erhält. Nach vier Jahren wird er einen kaufmännischen Abschluss machen. Neun bis zehn Einheiten absolviert er im Wasser, daneben besucht Djakovic auch zwei- bis dreimal wöchentlich den Kraftraum. Dass er seine vierjährige Ausbildung abschliessen wird, ist im Moment seine Absicht. Doch Djakovic ist zu einem der gefragtesten Schwimmer in den USA geworden. Bereits jetzt liegen ihm mehr als zehn Angebote von Universitäten vor, die ihm ein Stipendium anbieten. Den Spähern ist nicht entgangen, dass da einer, der 2020 noch einmal an der Junioren-EM teilnehmen könnte, beispielsweise die Olympialimite für Tokio über 200 m Crawl nur um Hundertstel verpasste.

Djakovic gibt sich bescheiden. Mit den Übersee-Angeboten darf er sich noch gar nicht befassen, so wollen es die Regeln. Und er will es auch nicht. Er weiss, dass er sich noch verbessern kann, «technisch fehlt mir noch vieles, kraftmässig ebenfalls». Walter sieht sich gegenüber dem Athleten und den Eltern in beratender Funktion. Aus jahrzehntelanger Erfahrung weiss er, dass nur 10 bis 20 Prozent der Schwimmer sich international durchsetzten, die von der Schweiz in die USA wechselten. «Die Infrastruktur bei uns ist heute ebenso gut wie in den USA, und was die Trainer betrifft, können die Europäer ebenfalls mithalten», sagt er und verweist auch auf Jérémy Desplanches, den ersten Schweizer Europameister, der seit Jahren in Nizza trainiert.

Mit Pablo Kutscher hat Djakovic seit vergangenem Jahr jenen Trainer, der auch Clubkollegin Maria Ugolkowa zum Erfolg führte. Als erste Schweizerin seit Rigamonti hat sie an der letztjährigen EM eine Medaille gewonnen. Die erste grosse Reise kann für Djakovic also weitergehen. Die Zeichen stehen gut.

Erstellt: 13.07.2019, 19:46 Uhr

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