Der Mutige

Der Genfer Jérémy Desplanches war ein talentierter Teenager, aber erst in Nizza entwickelte er sich zum Weltklasseschwimmer.

Jérémy Desplanches, 24: In vier Jahren vom WM-Teilnehmer zum WM-Zeiten über 200 Meter Lagen.

Jérémy Desplanches, 24: In vier Jahren vom WM-Teilnehmer zum WM-Zeiten über 200 Meter Lagen. Bild: Patrick B. Krämer/Keystone

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Es gibt eine Fotografie, auf der man den Schwimmer sieht, wie er sich als Fünfjähriger in ein Frotteetuch kuschelt, die Augen klein und müde, auf der Stirn klebt nass das Wuschelhaar. Im Hintergrund erkennt man den Marmorboden der Piscine des Vernets, des Genfer Hallenbads mit dem 50-Meter-Becken, das Generationen von Schweizer Schwimmerinnen und Schwimmern als Austragungsort von so mancher ­legendärer Landesmeisterschaft kennen. In den folgenden Jahren sollte der Junge hier zahllose Trainingsstunden verbringen.

Sein Name ist Jérémy Desplanches, seit dieser Woche WM-Zweiter über 200 Meter Lagen. Die Fotografie stammt aus dem Familienarchiv, Westschweizer Magazine haben sie veröffentlicht, als Desplanches vor einem Jahr seine erste internationale Meisterschaftsmedaille gewann, EM-Gold in Glasgow. Es ist gut, dass es die Fotografie gibt. Sie erinnert daran, dass jemand wie er nicht aus dem Nichts kommt, bloss weil die nicht sonderlich an Schwimmsport interessierte Schweizer Öffentlichkeit ihn jetzt erst entdeckt.

Aber warum hat sich gerade er an der Spitze festgesetzt, noch dazu in einer grossen olympischen Sportart, während andere auf der Strecke blieben? Worin unterscheidet sich der, der es unter die Besten schafft, von denen, die ihre Träume irgendwann begraben?

Das älteste von Jérémy Desplanches in der Wettkampfdatenbank aufzufindende Resultat stammt aus dem ­Dezember 2002 – 42,39 Sekunden über 50 Meter Crawl. Desplanches war achtjährig und hatte viele Interessen. Er machte auch Judo, Mountainbike, Leichtathletik. Dass er von allen Sportarten dem Schwimmen treu blieb, lag zunächst nur an seiner älteren Schwester. Ihr eiferte er nach. Die Eltern hatten wenig Ahnung von dem Sport, den ihre Kinder betrieben, was Jérémy Desplanches als geradezu perfekte Voraussetzung bezeichnet: «Sie waren zufrieden, wenn ich es war.»

Das sagt er am Telefon aus Gwangju, Südkorea, am Morgen nach dem Wahnsinnsrennen, in dem nur der Japaner Daiya Seto eine Winzigkeit schneller war. Den Titelverteidiger und viele weitere Grössen liess er hinter sich. In 1:56,56 Minuten schwamm er die zwölftbeste Zeit je.

Seit er die 200 Meter Lagen zum ersten Mal in einem Wettkampf absolvierte – im November 2004 in 2:59,91 –, hat er die Erfahrung von mehr als 250 Starts angehäuft, dazu kommen Hunderte weitere Wettkampfkilometer in so verschiedenen Disziplinen wie 100 Meter Brust und 1500 Meter Crawl.

Er braucht den ständigen Vergleich

Er entdeckte, dass er das Gefühl des Vorwärtskommens im Wasser liebt, ­diese Leichtigkeit des Gleitens, das im Idealfall in ein Schweben übergeht. Es ist ein Zustand, in den nur gerät, wer sich lange dafür schindet. Aber er merkte auch, dass er mehr als andere ein Wettkämpfer ist, in einer künstlerischen Sportart wäre er nicht glücklich geworden. Er ist ein Racer, wie es im Englischen heisst, will sich immer messen. Er braucht das Resultat, das ihm auf die Hundertstel sagt, wie gut er ist – und wo er sich verbessern kann. Mit Blick auf die Olympischen Spiele 2020 wird er an den Wenden und Unterwasserphasen feilen, man sah in Gwangju, dass er dort Zeit einbüsste.

Mit 19 Jahren traf er einen Entscheid, von dem sich im Nachhinein leicht sagen lässt, er sei nur logisch gewesen. Im Moment selbst grenzte er an Grössenwahn. Desplanches war schon mehrfacher Schweizer Meister, er hatte sich als ein Talent hervorgetan, das auch der Armee nicht verborgen geblieben war. Sie hatte ihn zur Spitzensportrekrutenschule zugelassen.

Aber seine 200-Meter-Lagen-Bestzeit lag bei 2:03 Minuten, eine Ewigkeit von der Weltspitze weg. Trotzdem sprach er bei Fabrice Pellerin vor, einer französischen Trainerlegende, die in Nizza ein Hochleistungsprogramm unterhält, wie es auf der Welt nur wenige gibt. Auf Leute, die ihn nicht so gut kennen, wirkt Pellerin freundlich und zurückhaltend, doch er hat auch eine andere Seite: Ein Schwimmer, der beim zweiten Mal nicht kapiert, was Pellerin ihm zu erklären versucht, kann seine Sachen packen.

Unter normalen Umständen hätte Pellerin einen wie Desplanches keines Blickes gewürdigt, aber damals, im Jahr 2014, befand sich sein Team gerade im Umbruch. Die Welt- und Europameister, die er gross gemacht hatte, waren zurückgetreten oder standen kurz davor. Desplanches bekam eine Trainingswoche Zeit, sich zu beweisen, schwamm erwartungsgemäss allen hinterher. Doch Pellerin fand Gefallen am Mut von Desplanches, sich überhaupt um einen Platz in seinem Team zu bemühen. Und in den Unterhaltungen spürte er eine Motivation, die selbst ihm noch nicht oft untergekommen war.

Mit aller Konsequenz – trotz möglicher Ablenkungen

Desplanches zog von zu Hause aus, nahm sich in Nizza eine Wohnung und begab sich von nun an zweimal am Tag ins Industriequartier, zum Bad von Olympique Nice Natation. Er verliebte sich in Charlotte Bonnet, eine Schwimmerin aus Pellerins Team, die lange vor ihm Weltklasse war, und wähnte sich bald im Paradies. Ein Apéro an der Promenade des Anglais, ein Plauschnachmittag am weltberühmten Strand, ein Samstagmorgenspaziergang über den Markt? Gönnte er sich nur, wenn Freunde zu Besuch kamen. Das Wirtschaftsstudium legte er auf Eis.

2015: erste WM-Teilnahme. 2016: erster Olympiahalbfinal. 2017: erster WM-Final. 2018: EM-Gold. 2019: WM-Silber. Das liest sich jetzt so selbstverständlich, doch jeder Sportler steht in seiner Karriere vor der Frage, ob er auch den letzten Schritt noch gehen soll, den in die totale Unbestimmtheit. Der Unterschied von Desplanches zu den anderen Sportlern ist, dass er diese Frage bejaht hat, zu einem Zeitpunkt, als man nur eines mit Gewissheit sagen konnte: Dass viel Arbeit vor ihm liegt. Ohne auch nur die geringste Sicherheit, dass sie sich je auszahlen wird.



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Erstellt: 28.07.2019, 09:59 Uhr

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