Ein Oligarch revolutioniert den Sport

Ein Multimillionär und ein Ex-CIA-Agent kreieren eine Schwimmserie, die den Weltverband alt aussehen lässt.

Schwimmen, inszeniert als Spektakel – die International Swimming League. Foto: ISL 640 Bildlegend. Foto: Name (XYZ)

Schwimmen, inszeniert als Spektakel – die International Swimming League. Foto: ISL 640 Bildlegend. Foto: Name (XYZ)

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Konstantin Grigorischin sitzt in einem speckigen Armsessel, die Kopfhaare hat er wegrasiert, auf seinem schwarzen T-Shirt prangt der Spruch «I Need More Space». Neben sich hat der ukrainische Oligarch auf einem Tischchen einen Atlas postiert. Es ist seine karge Bühne für einen 35-minütigen Monolog auf Youtube, in dem der 53-Jährige den olympischen Sport mit der Schärfe eines Rasiermessers zerlegt.

Der ukrainische Oligarch Konstantin Grigorischin (Archiv). Foto: Marco Cantile (Getty Images)

Seine Analyse gipfelt in: «Die Olympischen Spiele wurden von Leuten übernommen, die erkannten, wie sie daran Geld verdienen können. In der Propaganda (der Funktionäre, Red.) sind Athleten wie wegwerfbares Material, ähnlich wie Laborraten. Athleten haben also keine Rechte, sie erhalten eine Medaille um den Hals, und dann verabschiedet man sie – und sie sollen ja nicht von Geld träumen. So lautet verkürzt das aktuelle System.»

Zerstörer und Erlöser

Grigorischin aber ist der Zerstörer dieser Sportwelt und damit auch ein Erlöser. Zumindest was die Schwimmer betrifft. Er hat mit Zugewandten eine Schwimm-Liga gegründet, die diesen Oktober anlief und im Dezember in einem Final in Las Vegas gipfelt. International Swimming League (ISL) heisst sie und kommt dieses Wochenende erstmals nach Europa (Budapest).

Weil fast alle dabei sind, die im olympischen Kernsport Rang und Namen haben, ist die ISL keineswegs das launige Projekt eines sehr reichen Mannes, sondern für zahlreiche Topschwimmer nichts weniger als die Zukunft ihres Sports: mit Teams, die statt Solisten gegeneinander antreten, einer jährlichen Serie, die in einem Finale gipfelt und ganz viel Show – also einem Format, wie es die amerikanischen Profiligen seit Jahren kennen und erfolgreich anwenden.

Die International Swimming League (ISL) wird von Topschwimmern als Zukunft des Sports gehandelt. Foto: ISL

Die Hauptdarsteller erhalten in der ISL Startgeld, Boni und damit ein geregeltes jährliches Einkommen – samt sozialen Absicherungen, wie sie im olympischen Sport ansonsten so gut wie nie vorkommen. Kurz: Die Schwimmer fühlen sich endlich ernst genommen und nicht wie vom eigenen internationalen Verband Fina wie Wurmfortsätze behandelt.

Denn die Fina nimmt zwar viele Millionen pro Jahr dank der Athleten ein, ist aber nur bereit, ihnen einen Bruchteil zurückzugeben. Anders bei der ISL: 50 Prozent der Einnahmen erhalten die Sportler, weil Gründer und Alleinfinancier Grigorischin es so will. Er ist in dieser Geschichte also der fürsorgliche und innovative Mastermind, während die Fina mit ihrem 85-jährigen Präsidenten und 78-jährigen Generalsekretär aus der Zeit gefallen scheint.

Flugs eine Serie kopiert

Als Grigorischin darum zur Revolution bat, die er mit einem früheren CIA-Agenten aufgleiste, nahmen die Schwimmer noch so gern an. Drei von ihnen, darunter die 3-fache Olympiasiegerin Katinka Hosszu, klagten gar die Fina ein, als diese einen ersten ISL-Wettkampf untersagte. Chancenlos im Fall eines Rechtsstreits krebsten die Funktionäre rasch zurück.

Statt sich allerdings mit den Reformern zusammenzutun, fiel ihnen nichts Schlaueres ein, als eine Konkurrenzserie aufzubauen, die wie eine blasse Kopie des Originals wirkt. Beide Seiten giftelten sich in den vergangenen Monaten darum munter an – mittlerweile hat man gemerkt: Ein (öffentlicher) Streit bringt dem Schwimmen nichts – schadet ihm höchstens. Entsprechend herrscht inzwischen ein kühles gegenseitiges Tolerieren.

Die ISL kommt am Wochenende nach Europa. Video: International Swimming League

Bei allem Jubel der Athleten rückte die Vita von Financier Grigorischin in den Hintergrund. Dabei ist er – vorsichtig formuliert – eine schwierig zu fassende Figur. Reich wurde er nach dem Auseinanderfallen der UdSSR in der Energiebranche der Ukraine dank exzellenter Kontakte in die hohe nationale Politik. Mehrere ukrainische Präsidenten oder zumindest direkte Mitarbeiter zählten zu seinen Geschäftspartnern.

Die nebulöse Vita

Dabei besitzt Grigorischin, der im ukrainischen Teil der Sowjetunion aufwuchs, erst seit 2016 einen ukrainischen Pass – nachdem ihn Russland ausgewiesen hatte (wie zuvor kurz auch die Ukraine). Wegen angeblichen Kokain- und Waffenmissbrauchs wurde Grigorischin einst gar für einige Tage inhaftiert. Die Hintergründe sind unbekannt.

In den letzten Jahren fiel er primär als Oligarchenkritiker auf und prangerte die Korrupten im eigenen Land an. So nebulös wie sein Werdegang sind seine Finanzen. Im Minimum besitzt er mehrere Hundert Millionen, im Maximum über 1 Milliarde. Zum Schwimmen kam er über seinen Sohn. Die ISL gründete er, wie er sagt, weil er darin ein Geschäftsmodell sieht. Die Schwimmer kümmern solche Aspekte nicht. Sie halten es eher mit Brechts Diktum: «Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.»

Erstellt: 25.10.2019, 14:06 Uhr

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