Der «Zigeunerkönig» provoziert wieder

Tyson Fury war Box-Weltmeister, wurde depressiv und verfiel dem Kokain. Doch er ist zurück – glücklich und inklusive grosser Töne.

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Für einmal ist er ganz lieb. Seinen nächsten Gegner streichelt er mit sanftem Lob. Tyson Fury sagt über Otto Wallin: «Otto ist wie ich. Er ist gross, blond, hat blaue Augen. Er ist gut aussehend – und total sexy.»

In der Nacht auf Sonntag kämpft Fury, der 2015 Wladimir Klitschko alle Weltmeister-Titel entriss, in Las Vegas. Es ist ein weiterer Schritt auf seinem Weg zurück nach ganz oben, der 31-Jährige will nichts anderes als auf den Box-Thron. Erreicht er auch noch das, es wäre verglichen mit seiner Geschichte schon gar nicht mehr verrückt.

«Wir Fahrende sind Aliens»

Furys Leben beginnt drei Monate zu früh. Er kommt am 12. August 1988 statt erst im November in Manchester zur Welt. Sein Vater, selbst Boxer, sieht in seinem Sohn einen Kämpfer. Er benennt ihn nach dem damaligen Schwergewichts-Weltmeister Mike Tyson. Und Tyson Fury kommt durch.

Er wächst als Sohn irischer Fahrender auf. Seine Mutter erlebt 14 Schwangerschaften, nur vier Knaben überleben. Mit elf Jahren verlässt Tyson die Schule, geht mit seinem Vater und den Brüdern Strassen asphaltieren. Gleichzeitig beginnt er zu boxen, trainiert von seinem Vater John.

Die Kindheit ist so schwierig, wie sie in England wohl nur sein kann. 2011 erzählt Fury dem «Guardian»: «Die Leute verstehen den Lebensstil der Fahrenden nicht, es ist alles anders. Wir haben dieselbe Hautfarbe, sprechen dieselbe Sprache, aber im Inneren sind wir ganz anders. Wir sind Aliens.»

Sein Vater muss fünf Jahre ins Gefängnis. Er hat einem Mann das Auge ausgestochen.

Doch Fury ist schon früh gross und stark, heute misst der Riese 2,06 Meter. Er boxt sich von den kleinen in die grösseren Ringe, 2008 wird er Profi. Es gibt nur eine Richtung: nach oben. Zuerst nach London in die Wembley-Halle, später nach New York in den Box-Tempel, den Madison Square Garden. Bis 2011 trainiert ihn sein Vater, dann muss dieser für fünf Jahre ins Gefängnis. Er hat einem anderen Fahrenden das Auge ausgestochen.

Fury lässt sich davon nicht beirren, siegt immer weiter. «Gipsy King» – der Zigeunerkönig – hat sich längst einen Namen gemacht. Mit jedem Sieg forderte er noch ein bisschen lauter nach einem Duell mit dem ukrainischen Schwergewichts-Weltmeister Wladimir Klitschko: «Ich will dich, Wladimir!»

Nach 24 Siegen (davon 18 durch k. o.) und keiner Niederlage und keinem Unentschieden hat er sich das Aufeinandertreffen mit Klitschko Ende 2015 verdient. Fury bekommt die ultimative Herausforderung und die Aufmerksamkeit der ganzen Boxwelt. Er nutzt diese für seine gewohnt lauten Sprüche. Dem seit elf Jahren ungeschlagenen Klitschko attestiert er «das Charisma einer alten Unterhose».

Nie zuvor hatte Klitschko ein solches Grossmaul als Gegner. Und tatsächlich wird er vom verrückten Riesen enttrohnt. Fury verwirrt Klitschko über zwölf Runden, spricht mit ihm, verschränkt die Arme hinter dem Rücken, streckt ihm die Zunge heraus. Doch er landet mehr Treffer und siegt einstimmig nach Punkten. Fury ist ganz oben – und fällt ganz tief.

«Ich hoffe, dass ich diesen Titel noch oft verteidigen kann», sagt Fury an der Pressekonferenz nach seinem grössten Erfolg. Aber es kommt anders. Video: Reuters

Es kommt viel zusammen: Fury hat sich Feinde gemacht. Sein loses Mundwerk führt zu Skandalen. Er äussert sich abschätzig gegen Homosexuelle und Juden. Eine klare Vorstellung hat er von der Rolle der Frau: «Der beste Platz für eine Frau ist die Küche oder auf dem Rücken liegend. Das ist meine persönliche Überzeugung.»

Ein Jahr nach seinem grössten Sieg ist er alle Weltmeister-Titel wieder los – ohne einen Kampf verloren zu haben. Er wird wegen Dopings (der Test hatte noch vor dem Kampf gegen Klitschko stattgefunden) gesperrt, ist depressiv und drogenabhängig. Dem «Rolling Stone» sagt er 2016: «Ich habe viele Dämonen und versuche, sie abzuschütteln. Es hat nichts mit dem Boxen zu tun. Was ich momentan durchmache, ist mein persönliches Leben. Aber ich will nicht mehr leben. Jeden Tag hoffe ich, dass ich sterbe. Das Einzige, was mir hilft, ist, mich zu betrinken.»

Der Boxer Fury ist tot. Der Mensch beinahe.

Den Drogenkonsum gibt er offen zu, nimmt Kokain, «viel Kokain». Er wird übergewichtig, nimmt über 50 Kilogramm zu und ist zeitweise 170 Kilogramm schwer. Der Boxer Fury ist tot. Der Mensch beinahe.

Er pendelt zwischen Depression und Manie. Später erzählt er von seinen Suizidgedanken: dass er im Sommer 2016 seinen Ferrari, den er eigentlich gar nicht hätte fahren dürfen, mit 300 km/h auf einen Brückenpfeiler zusteuert. «Ich will euch nicht für dumm verkaufen, aber in diesem Moment habe ich eine Stimme gehört. Und die sagte zu mir: ‹Tyson, mach das nicht!›»

Er tritt auf die Bremse. Erst nach diesem Ereignis lässt er, der eigentlich alles hat, sich helfen. Seine Frau und die vier gemeinsamen Kinder, das Geld und der Erfolg haben ihn nicht glücklich gemacht. 2015 ist er Weltmeister geworden, 2016 ist er am Ende. 2017 erklärt er seinen Rücktritt, nur um wenig später sein Comeback anzukünden. Irgendwie hat er doch noch aus dem Loch gefunden, wahrscheinlich tatsächlich auch dank des Erlebten im Ferrari.

Das Glück gefunden

Zweieinhalb Jahre nach seinem Sieg gegen Klitschko ist er im Juni 2018 zurück im Ring. Gegen einen nicht ebenbürtigen Gegner zwar, aber immerhin. Schlauer ist man seither nicht geworden aus seiner Person. Von aussen ein Rüpel und Grossmaul, nennen ihn nahestehende Personen einstimmig einen liebevollen Menschen. Hätte man noch bis 2015 von einer perfekt inszenierten Show der Ambivalenz sprechen können, war Furys schwierigste Phase seines Lebens ganz sicher nicht mehr gespielt.

Die «Süddeutsche Zeitung» schreibt jüngst: «Er ist der Unfassbare, als Boxer und als Mensch.» Auch die NZZ musste feststellen: «Fury verkörpert ein verwirrendes Chaos aus scheinbar unvereinbaren Charakterzügen.» Er selbst nannte sich auch schon «verrückt» oder «kranker Kerl». Doch der BBC sagt er heute: «Ich habe mein Glück nun gefunden. Und nichts auf dieser Welt wird mich wieder dort hinunterziehen, wo ich einmal war.»

Als Boxer ist er unumstritten gefährlich, weil kaum berechenbar. Er führt mit beiden Händen, schlägt mit rechts und links praktisch gleich hart zu. Der wichtigste Kampf seit dem Comeback fand im Dezember gegen den US-amerikanischen WBC-Weltmeister Deontay Wilder statt und endete unentschieden.

Die Top 4 der Boxwelt unter sich – wahrscheinlich

Nun wartet am Wochenende der Kampf gegen den genau wie Fury in seiner Karriere noch unbesiegten Schweden Wallin. Doch die Gegner sind momentan sein Problem: 2019 hat und wird er gegen keinen einzigen ernst zu nehmenden Konkurrenten antreten. Über Wallin sagt Fury: «Er kann eigentlich nicht viel mehr machen, als auf den Lucky Punch zu hoffen.»

Im Februar 2020 soll eine Revanche gegen Wilder stattfinden, im Juni gleich der Rückkampf, also der dritte Fight innert 18 Monaten. Der Sieger dürfte dann gegen den Gewinner des Duells zwischen Anthony Joshua und Andy Ruiz Jr. (im Dezember) treffen. Der Mexikaner Ruiz hatte Joshua im Sommer völlig überraschend als WBA-, WBO- und IBF-Weltmeister entthront.

Provokation auf Twitter gegen Anthony Joshua: Fury geht 2017 mit Hündin Joshua Gassi.

Und was sagt Fury über seine drei nominell grössten Gegner? «Diese Typen sind verglichen mit mir allesamt Pfeifen.» Vor einer Woche nennt er Joshua «einen grossen Nichtskönner». Vor drei Tagen erzählt er in einem Interview mit «BT Sport» dann, dass er ebendiesen Joshua manchmal von seinem Handy aus anrufe und mit ihm plaudere.

Fury, der Unberechenbare. Wer ist er wirklich? Vielleicht weiss es Tyson Fury selbst nicht. Er sagt: «Mit oder ohne Geld, ich bin der Zigeunerkönig.»

Erstellt: 13.09.2019, 16:10 Uhr

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