Die Demonstration

Nach dem EM-Doppelgold scheint für Giulia Steingruber kein Ziel mehr zu hoch.

Überragende Giulia Steingruber – in Bern gewann sie ihre EM-Titel 4 und 5. Fotos: Peter Schneider (Keystone), Pascal Muller(EQ)

Überragende Giulia Steingruber – in Bern gewann sie ihre EM-Titel 4 und 5. Fotos: Peter Schneider (Keystone), Pascal Muller(EQ)

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Einem Donner gleich trieb der Applaus durch das Stadion. Laut wie nie an dieser EM. Soeben hatte Giulia Steingruber ihre Übung am Boden absolviert, und dies war Schluss- und Höhepunkt zugleich. Das Sahnehäubchen auf Europameisterschaften, die für den Schweizer Turnsport getrost als Festspiele bezeichnet werden dürfen. Gold erhielt die Überturnerin für ihre fantastische Darbietung, die vielleicht nicht perfekt, aber perfekt genug war, um den Anlass vor 6000 Zuschauern zu krönen.

Mit total 31'200 Eintritten, verteilt auf die zehn Wettkampftage, ist die EM auch finanziell ein Erfolg. Die Schweizer Turnerinnen und Turner wiederum haben die Plattform mit sieben Medaillen und Rang 3 unter allen teilnehmenden Nationen hervorragend genutzt.

Steingrubers EM-Titel in der Königsdisziplin war aber nicht nur der Höhepunkt aus emotionaler Sicht. Auch aus sportlicher Optik kann man kaum genug würdigen, was sie damit geschafft hat. Schon am Sprung war sie am Vormittag Erste geworden, hatte ihre fünfte EM-Medaille an diesem Gerät gewonnen, die dritte goldene nach 2013 und 2014. Doch dass sie später am Boden nachdoppelte und nach zwei bronzenen Auszeichnungen nun erstmals Gold errang, reiht sich im Wert gleich nach dem Mehrkampftitel vor einem Jahr in Montpellier ein. Ja: Bei dieser Fülle von Erfolgen macht einem die 22-Jährige das Zählen schwer. Neun EM-Medaillen sind es inzwischen.

Hühnerhaut auf dem Podest

Bestechend war einmal mehr, wie überzeugt sich Steingruber das Ziel setzte, es anvisierte, nicht davor zurückschreckte, es auch zu benennen – und dann den geweckten Ansprüchen gerecht wurde. «We go for double gold», hatte Trainer Zoltan Jordanov am Abend vor den Gerätefinals angekündigt, und seine Athletin hielt Wort.

Es war knapp am Sprung, wo ihr die Nervosität zu schaffen machte, schliesslich war sie beim letzten Grossanlass, der WM 2015, gestürzt. Und es reichte doch. Geradezu eine Demonstration ihrer Fähigkeiten, ihrer Athletik und Sprungkraft war danach der Boden, als sie mit ihrer extrem anspruchsvollen Übung über sechs Zehntel Vorsprung herausholte. «Unbeschreiblich», sagte sie hinterher und bekam Hühnerhaut während der Siegerehrung.

Diese Nervenstärke sucht ihres­gleichen, denn das heimische Publikum beflügelte nicht nur – es setzte die beste Turnerin des Landes auch unter Druck. Indem sie standhielt, bewies sie ihre mentale Reife. Und damit «war das ein hervorragender Test für weitere Wettkämpfe», wie Steingruber fand und vor allem einen bestimmten Anlass in näherer Zukunft meinte: die Olympischen Spiele in Rio.

Mit ihrer bisherigen Karriere hat Steingruber gezeigt, dass für sie kein Ziel zu hoch sein muss. Dass die Limiten noch nicht ausgereizt sind. Stetig ist es für sie aufwärtsgegangen, von einer Medaille zu zwei, von zwei zu drei, von Bronze zu Gold und jetzt zu ­Doppelgold, und es gibt keine Anzeichen dafür, dass jetzt Schluss damit ist.

An einer Team-EM zählt der Mehrkampf zwar nicht, trotzdem kann man ihn ausrechnen. Das Ergebnis lässt Gutes erahnen: Mit ihrem potenziellen Notentotal von 59 Punkten aus der Qualifikation ist sie in Rio Medaillenkandidatin. Und darin ist der neue Sprung noch nicht einmal eingerechnet. Zwei Wettkämpfe bleiben ihr noch, ihn vor Publikum zu zeigen. Erst wenn sie das getan hat, lässt Jordanov sie ihn auch in Rio turnen. Und wenn nicht? Dann bleiben ihr am Boden und eben im Mehrkampf noch immer zwei Chancen auf olympisches Edelmetall.

Ihr entlockt eine solche Aussage ein geschmeicheltes Lächeln. Gerade so, als ob ihr allein der Gedanke daran peinlich wäre. Eine ­Medaille im Mehrkampf? Am Boden? «Selbst wenn diese Möglichkeit besteht», sagt sie, «wenn ich beginne, mir dies einzureden, kommt es wahrscheinlich nicht gut.»

Erstellt: 05.06.2016, 23:16 Uhr

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