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Die dreckigen Geschäfte mit der Fussball-WM und Sommerspielen

Brasiliens grösste Baufirma hat bestochen, um Aufträge zu erhalten. Gerichtspapiere zeigen: Der Skandal reicht bis in die höchsten politischen Kreise.

Florian Raz
Dem Feuerwerk und der pompösen Schlussfeier in Rio de Janeiro folgt die unangenehme Aufarbeitung der sportlichen Höhepunkte. Immer mehr Unregelmässigkeiten tauchen auf, wie der oberste Gerichtshof in Brasilien feststellt.
Dem Feuerwerk und der pompösen Schlussfeier in Rio de Janeiro folgt die unangenehme Aufarbeitung der sportlichen Höhepunkte. Immer mehr Unregelmässigkeiten tauchen auf, wie der oberste Gerichtshof in Brasilien feststellt.
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Geplant war der pompöse Beweis, dass Brasilien eine aufstrebende Wirtschaftsmacht mit besten Perspektiven ist. Mit zwei sportlichen Mega-Events innerhalb von zwei Jahren hätte die Nation endgültig in die Moderne katapultiert werden sollen. Doch anstatt in einer glänzenden Zukunft aufgewacht zu sein, steckt das Land in einem riesigen Korruptionssumpf, der sowohl die Fussball-Weltmeisterschaft 2014 als auch die Olympischen Spiele von Rio 2016 betrifft.

Seit Jahren laufen in Brasilien Untersuchungen gegen rund 100 Politiker, die sich bei Bauvorhaben bereichert haben sollen. Jetzt hat der britische «Observer» Einsicht erhalten in die Unterlagen des obersten Gerichtshofs Brasiliens. Die Papiere zeigen:

  • Der ehemalige Bürgermeister von Rio, Eduardo Paes, soll für seine Hilfe beim Bau von Projekten im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen 15 Millionen Reais (4,7 Millionen Franken) an Bestechungsgeldern erhalten haben.
  • Es laufen Polizeiermittlungen im Zusammenhang mit dem Bau jener U-Bahn-Linie, die als grösstes Vermächtnis der Olympischen Spiele an Rio vermarktet wurde. Es steht der Vorwurf des Betrugs im Raum.
  • Der Präsident jener Kommission, die über die rechtmässige Vergabe der Bauaufträge in Rio wachte, soll Bestechungsgelder angenommen haben.
  • Der Neubau der Arena Corinthians in São Paulo wird wegen möglicher krimineller Handlungen untersucht. Sie soll ein Geschenk der Baufirma an den damaligen brasilianischen Präsidenten Lula gewesen sein.
  • Die Renovation des Maracanã in Rio wird wegen des Verdachts auf Betrug und überhöhte Rechnungen untersucht.
  • Durch Absprachen zwischen Baufirmen wurden die Kosten der WM-Stadien in Manaus, Brasília, Recife und Fortaleza auf Kosten der Steuerzahler in die Höhe getrieben.

Die Schweiz kassiert mit

Das oberste Gericht stützt sich bei seinen Anschuldigungen auf Aussagen von Führungskräften der Baufirma Odebrecht. Die Spitze des Konzerns hat im Rahmen eines juristischen Deals ausgepackt und sich im Dezember 2016 zur Zahlung einer Busse von rund 2,7 Milliarden Franken verpflichtet. Da Schwarzgeld unter anderem über Schweizer Konten floss, war auch die Schweizer Bundesanwaltschaft in die Untersuchungen eingebunden. Und so fliessen 117 Millionen Franken der Busse an den Schweizer Staat.

In erster Linie war es bei den Untersuchungen um den Korruptionsskandal beim ehemals staatlichen Ölkonzern Petrobras gegangen. Dabei gab Odebrecht zu, eine ganze Abteilung zu unterhalten, die sich nur um Bestechung kümmert. Mit Korruption kam sie auch an riesige Bauaufträge, die aufgrund der Olympischen Spiele und der WM vergeben wurden.

Lobende Worte des IOK für den Angeschuldigten

Unter den durch die Odebrecht-Aussagen Beschuldigten ist Rios ehemaliger Bürgermeister Eduardo Paes. Ein Mann, den IOK-Präsident Thomas Bach im August 2016 an einem Medientermin noch als «grossen Leader» gelobt hatte, ohne den die Spiele nicht hätten stattfinden können. Laut einem ehemaligen Vorstandsmitglied von Odebrecht soll dieser «grosse Anführer» über 4,7 Millionen Franken an Bestechungsgeldern erhalten haben, «damit er bei Verträgen im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen hilft».

Paes nannte die Vorwürfe bislang «absurd». Allerdings hat Odebrecht rund um die Spiele riesige Bauvolumen erhalten. Die Firma hat unter anderem das olympische Dorf, den olympischen Park und die neue U-Bahn-Linie erstellt.

Eben diese U-Bahn ist das Ziel einer separaten polizeilichen Untersuchung. Hier lautet der Vorwurf Betrug, nachdem der ursprünglich budgetierte Baupreis von 278 Millionen Franken auf 3,3 Milliarden explodiert ist.

Der Gouverneur wartet auf seinen Prozess

Paes ist bei weitem nicht der einzige Politiker, der durch Aussagen der Odebrecht-Spitze belastet wird. Der ehemalige Gouverneur von Rio, Sergio Cabral, ist im November verhaftet worden und wartet auf seinen Prozess.

Unter seiner Ägide wurden die Verträge für die Renovation des Maracanã-Stadions vergeben, das 75 Prozent mehr kostete als einst geplant. Allein die Belüftungsanlage wurde dabei um 1257 Prozent teurer als im Kostenvoranschlag.

Cabral hat sich gemäss Aussagen von Odebrecht-Mitarbeitern über Mittelsmänner 1,3 Millionen Franken auszahlen lassen, um die Maracanã-Verträge zu unterzeichnen. Er bestreitet dies. Im gleichen Fall Cabral soll Jonas Lopes die Hand aufgemacht haben. Er war Präsident jener Kommission, die die rechtmässige Vergabe der Bauaufträge hätte überwachen sollen. Auch Lopes weist die Vorwürfe zurück.

Ein Kartell gegen die Steuerzahler

Odebrecht gab auch zu, sich mit anderen Baufirmen abgesprochen zu haben, um die Baupreise für WM-Stadien möglichst hoch zu halten. In Brasília profitierte die Firma Andrade Gutierrez, die den Vorwurf bestreitet, die aber für 550 Millionen Franken das teuerste WM-Stadion der Geschichte bauen durfte. In einer Stadt, die nicht einmal einen Erstligaclub besitzt. Heute steht das Estadio Mané Garrincha ebenso sinnlos in der Gegend herum wie die Arena da Amazônia in Manaus, bei der es ebenso Preisabsprachen gegeben haben soll wie in Recife und Fortaleza.

Der Bau eines WM-Stadions führt sogar in die höchste politische Ebene Brasiliens. Die Arena Corinthians in São Paulo könnte ein einziges, riesiges Bestechungspräsent an Lula da Silva gewesen sein, Brasiliens Präsident von 2003 bis 2010. So schildern es übereinstimmend der Präsident von Odebrecht, Emilio Odebrecht, und sein Sohn Marcelo, der CEO der Firma.

Das «Geschenk» für den Präsidenten

Emilio Odebrecht nannte das Stadion in seiner Aussage ein «Geschenk» an den bekennenden Corinthians-Fan Lula. Sohn Marcelo sagte: «Es gab den Wunsch von Lula an meinen Vater: Hilf, dass die Corinthians ihr eigenes Stadion erhalten.»

Ursprünglich hätte das Estadio do Morumbi des FC São Paulo für die WM renoviert werden sollen. Doch dank Lulas politischem Druck erhielt sein Lieblingsclub eine Arena. Und Odebrecht übernahm brav einen Teil der Baukosten, um sich dafür erkenntlich zu zeigen, was die Regierung in den letzten Jahren für die Firma getan hatte. Von 2003 bis 2015 war der Umsatz von Odebrecht von 6,7 auf 52 Milliarden Franken gestiegen. Auch Lula bestreitet, etwas Unrechtes getan zu haben.

1,5 Prozent für den Sprecher des Parlaments

Bereits zu 15 Jahren Haft verurteilt worden ist Eduardo Cunha. Der ehemalige Sprecher des brasilianischen Parlaments hatte ganz genaue Vorstellungen davon, was ihm zusteht. Gemäss der Aussage eines Odebrecht-Mitarbeiters verlangte Cunha 1,5 Prozent der Einnahmen, die der Baukonzern mit seinen Arbeiten im alten Hafen von Rio verdiente. Odebrecht soll dem einflussreichen Politiker insgesamt 3,2 Millionen Franken für seine wertvollen Dienste überwiesen haben. Cunha ist gegen das Urteil in Berufung gegangen.

Das Bauprojekt «Porto Maravilha» gehört zusammen mit der neuen U-Bahn-Linie zu den Vorzeigeprojekten, die den Bewohnern von Rio als bleibendes «Vermächtnis» der Sommerspiele bleiben sollten. Dass nun bei beiden Korruption, Misswirtschaft und Bereicherung auf Kosten der Steuerzahler vermutet wird, lässt all die Phrasen von «Nachhaltigkeit» noch hohler klingen, die das Internationale Olympische Komitee (IOK) und der Weltfussballverband Fifa im Vorfeld der Mega-Anlässe gedroschen haben.

Noch bevor das olympische Feuer in Rio erloschen war, stand die Stadt vor dem Bankrott. Um die Löcher zu stopfen, werden neu Renten besteuert, es wurden Sozialprogramme gestrichen und ebenso versprochene Lohnerhöhungen für Staatsangestellte. Und während die Allgemeinheit unter den Folgen der riesigen Ausgaben ächzt, sollen einige wenige abkassiert haben.

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