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Die geprellten Russen

Nach den Olympischen Spielen geriet der Doping-Skandal um Russland in den Hintergrund. Dabei darf sich manch russischer Athlet bis jetzt zu Recht veräppelt fühlen.

MeinungChristian Brüngger
Ein Bild aus besseren Tagen: Langläufer Maxim Wylegschanin (l.) gewann in Sotschi 2014 über 50 km Skating die Silbermedaille. Foto: Tatjana Zenkovich (Keystone)
Ein Bild aus besseren Tagen: Langläufer Maxim Wylegschanin (l.) gewann in Sotschi 2014 über 50 km Skating die Silbermedaille. Foto: Tatjana Zenkovich (Keystone)

Der Sport reklamiert für sich, alle gleich zu behandeln. Und damit unter Gleichen die Besten zu küren. Für den russischen Langläufer Maxim Wylegschanin muss dieses Credo wie ein mieser Witz klingen. Denn was der 35-Jährige in den letzten zwei Saisons erlebt hat, spricht für das Gegenteil. Seine Geschichte geht so: Im Februar 2014 hatte sich Wylegschanin an den Heimspielen in Sotschi über 50 km Skating Silber erkämpft. Weil man seinem Land breitestes Dopen auch während dieses Anlasses nachweisen konnte, wurde es zum Bösewicht des Sports – und mit ihm Athleten wie Wylegschanin.

Im Dezember 2016 suspendierte ihn der Internationale Skiverband (FIS) zusammen mit fünf weiteren russischen Langläufern für ein Jahr von seinen Wettkämpfen – nachdem das Internationale Olympische Komitee (IOK) gleich gegen 28 Russen ein ­Disziplinarverfahren eröffnet hatte, darunter Wylegschanin. Davor hatte er noch die ersten Weltcuprennen der ­Saison 2016/17 bestreiten dürfen. Nach dem Entscheid musste er allen ­weiteren Wettkämpfen fernbleiben.

Mangels Beweisen hob die FIS diese Suspendierung ein Jahr darauf auf. Wylegschanin startete als formell Unbescholtener in den Olympiawinter – um im Dezember 2017 erneut von der FIS suspendiert zu werden. Denn das IOK versuchte, einzelne Russen des Dopings zu überführen. Dazu zählte Wylegschanin. Es sperrte ihn lebenslang für die Spiele und nahm ihm seine Silbermedaille. Bloss wurde dieser Entscheid vom Sportgerichtshof mangels Beweisen im Februar umgestossen.

Die erstaunliche Moral

Sofort hob die FIS ihre Suspendierung von Wylegschanin auf. Womit er die letzten Weltcuprennen dieser Saison bestreiten durfte – erneut als Unbescholtener. Dass er am traditionellen 50-km-Lauf vom Holmenkollen dann gar auf den dritten Rang lief, als wäre er nie weg gewesen, spricht für seine Moral. Und führte natürlich zur Frage: Wie muss man diese Leistung im Wissen um seine angeblich unsaubere Vergangenheit nun werten?

Darauf wird es wohl nie eine endgültige Antwort geben. Wylegschanin sagt bis heute natürlich, nie betrogen zu ­haben. Nach heutigem Stand kann man zumindest das Gegenteil nicht beweisen. Öffentlich aber haben sich ihm gegenüber weder IOK noch FIS für ihr Vorgehen entschuldigt. Oder wenigstens gesagt, dass sie erkennen, wie unglücklich die Situation für Athleten wie Wylegschanin ablief.

Den Kopf in den Sand stecken

Nicht alle betroffenen Russen haben diesen zweifelhaften Umgang mit ihnen so unzimperlich weggesteckt wie Wylegschanin. Einige haben den Tritt nicht mehr gefunden und ausser Form keine Rennen mehr bestritten.

Um kein Missverständnis zu schaffen: Wylegschanin ist kaum die hehre Figur in dieser Geschichte. Wie fast alle Russen hat er sich nie zur Vergangenheit geäussert. Diese Haltung mag ihn auf moralischer Ebene angreifbar machen. Juristisch aber ist ihm offenbar nichts anzulasten.

Vor den Südkorea-Spielen agierte das IOK wie ein aufgeschreckter Hühnerhaufen, um das Russen-Problem zu neutralisieren. Nach Olympia scheint der Risikoklumpen wie von Zauberhand aufgelöst. Auch die FIS ist nach der Aufhebung der Suspendierung von Wylegschanin und Kollegen in den Courant normal übergegangen. Dabei müssten sich diese Verbände hinterfragen und aufzeigen, wie sie solche Situationen humaner lösen wollen. Sonst fühlen sich Geprellte wie Wylegschanin zu Recht einfach nur verschaukelt.

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