Die Heldensage der kanadischen Dinos

In den NBA-Endspielen treten die Toronto Raptors gegen Golden State an – und die erstaunlichere Geschichte erzählen eindeutig die Kanadier.

Der Neue steht im Mittelpunkt: Der Transfer von Kwahi Leonard war ein Risiko – bisher zahlte er sich aus. (Bild: Claus Andersen/Getty Images)

Der Neue steht im Mittelpunkt: Der Transfer von Kwahi Leonard war ein Risiko – bisher zahlte er sich aus. (Bild: Claus Andersen/Getty Images)

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Im Nachhinein sind immer alle schlauer, und deshalb weiss jetzt auch jeder, der sich für Basketball interessiert, dass Masai Ujiri ein visionärer Sportfunktionär ist – natürlich auch jene, die den Manager der Toronto Raptors noch vor ein paar Monaten für einen inkompetenten Kasper gehalten haben. Die Raptors haben die Finalserie der Profiliga NBA erreicht, zum ersten Mal in der 24-jährigen Vereinsgeschichte, von Donnerstag an spielen sie gegen Titelverteidiger Golden State Warriors, und schon jetzt beschreiben sie diese Saison als Heldensage über diesen Typen, der das genau so geplant hat.

Diese Geschichte beginnt vor einem Jahr, im Playoff-Viertelfinale der vergangenen Saison: LeBron James von den Cleveland Cavaliers dribbelt gegen Ende der dritten Partie über das komplette Spielfeld und wirft den Ball beim Ertönen der Schlusssirene in den Korb. In der Umkleidekabine der Raptors gibt es danach eine hitzige Debatte zwischen Ujiri und Trainer Dwane Casey über diesen Alleingang, nur in einem Aspekt sind sie sich einig: Jeder, wirklich jeder hat vorher ganz genau gewusst, was passieren würde. Warum aber hat es niemand verhindern können?

Drei Tage später scheiden die Raptors aus, ohne Sieg, es ist wie schon in den Jahren davor ein schmachvolles Scheitern, und Ujiri beschliesst, dass es an der Zeit ist für ein paar der mutigsten Entscheidungen, die jemals ein NBA-Manager getroffen hat. «Wir haben jahrelang die gleichen Dinge gemacht, ohne den ganz grossen Erfolg – ich glaube, das ist die Definition von Wahnsinn», wird er später sagen.

Mit Risiko zum Erfolg

Zunächst einmal wirft er Casey hinaus, den erfolgreichsten Trainer der Raptors-Geschichte, er ersetzt ihn durch den eher aus der britischen Basketballliga bekannten Nick Nurse. Dann will er unbedingt so einen Spieler holen, bei dem zwar alle wissen, was er tun wird, es aber dennoch nicht verhindern können.

Von diesen Akteuren gibt es zwar nur eine Handvoll auf der ganzen Welt, doch wie passend, dass Kawhi Leonard aufgrund des Umgangs mit seiner hartnäckigen Oberschenkelverletzung sehr unzufrieden bei den San Antonio Spurs ist – und wie passend, dass die ein Tauschgeschäft mit einem Verein aus der Western Conference und vor allem mit den verhassten Los Angeles Lakers unbedingt verhindern wollen. Was könnte weiter vom glitzernden LA entfernt sein als das kanadische Toronto?

Die Spurs wollen Torontos Publikumsliebling DeMar DeRozan und einen vielversprechenden Nachwuchsmann in der ersten Draftrunde haben, Leonard seinen nur noch eine Saison gültigen Vertrag nicht verlängern.

Leonard als entscheidender Vorteil

Ujiri weiss, dass ihm der Furor der Fans gewiss sein würde, und dass sein neuer Franchise-Spieler, ebenjener Leonard, nach nur einem Jahr schon wieder weg sein könnte (weil die Raptors seinen Vertrag aus San Antonio übernehmen müssen). Er weiss aber auch, dass die Eastern Conference nach dem Wechsel von James zu den Lakers ausgeglichen sein würde, und dass dieses Tauschgeschäft den Raptors den entscheidenden Vorteil verschaffen könnte.

Beim Roulette würde man sagen, dass Ujiri sämtliche Raptors-Chips aufs rote Feld geschoben hat, und zunächst einmal sah es so aus, als würde der Manager alles verzocken: Kyle Lowry, der zweite Anführer der Raptors, redete wegen des Weggangs seines Freundes DeRozan wochenlang kein Wort mit Ujiri, die Fans begegneten dem schüchternen Zugang aufgrund dessen Weigerung zur Vertragsverlängerung eher reserviert, zudem wurde Leonard während der regulären Spielzeit aufgrund seiner fragilen Oberschenkelmuskulatur oftmals geschont. Leonard war sehr gut, das sahen sie alle, aber würde er wirklich den Unterschied zwischen Scheitern und Meisterschaft machen können?

Andere Promis sind im Urlaub – Leonard glänzt

Es gibt Akteure, die brechen während der regulären Spielzeit sämtliche Rekorde, sind dauernd in Highlight-Videos zu sehen und führen die Liste bei der Wahl zum wertvollsten Spieler an. Die Finalisten dieser Saison, Giannis Antetokounmpo (Milwaukee Bucks), James Harden (Houston Rockets) und Paul George (Oklahoma City Thunder), sind allesamt bereits im Urlaub – auch deshalb, weil in den Playoffs eine neue Saison, ja fast eine neue Disziplin beginnt: Es geht in Best-of-seven-Serien jeweils gegen nur einen Gegner, der alles über einen weiss, es braucht Leute, die neue Tricks entwickeln oder die bekannten derart perfekt ausführen, dass sie niemand verhindern kann.

Leonard, 27, ist so ein Akteur, das hat er in diesen Playoffs wiederholt bewiesen. Im Schnitt stand er 38,7 Minuten auf dem Feld, er führt die Team-Statistik in den Kategorien Punkte (31,2), Rebounds (8,8) und stibitzte Bälle (1,6) an – und natürlich gab es da diesen Moment am Ende der entscheidenden Partie gegen die Philadelphia 76ers: Joel Embiid wusste ganz genau, was passieren würde, er verteidigte perfekt gegen Leonard – und konnte dennoch nicht verhindern, dass der zum ersten Spieler der NBA-Geschichte wurde, der ein siebtes Spiel mit einem Wurf in letzter Sekunde entscheidet.

Es steht mehr als der Titel auf dem Spiel

Leonard ist der Unterschied-Macher für die Raptors, Finalgegner Golden State indes hat gleich drei solcher Spieler: Steph Curry, Klay Thompson und Kevin Durant, der derzeit an der Wade verletzt ist und erst im Laufe der Finalserie zurückkehren sollte. Leonard braucht die Hilfe seiner Kollegen, Lowry und Danny Green müssen ordentlich gegen Curry und Thompson verteidigen und sie gleichzeitig in der Defensive beschäftigen, Torontos Korbbeschützer Marc Gasol und Serge Ibaka dürfen den generischen Scharfschützen keine zusätzlichen Chancen erlauben – nur dann haben die Raptors trotz Heimvorteil eine Chance gegen die favorisierten Warriors.

Genau das ist das Verzwickte an diesen Entscheidungen von Ujiri: Die Kugel rollt noch immer im Roulette-Kessel. Toronto könnte die Finalserie verlieren und Leonard danach entscheiden, dass er doch lieber in seinem Heim-Bundesstaat Kalifornien spielen möchte, bei den Lakers zum Beispiel. Die Raptors wären dann kein Titelkandidat mehr, womöglich würden sie gar ins Mittelmass rutschen – und im Nachhinein würden dann alle schlauer sein und behaupten, das alles schon vorher gewusst zu haben.

Erstellt: 30.05.2019, 16:26 Uhr

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