Die Kunst, schwierig zu werden

Die verpasste Olympiaqualifikation des Frauenteams zeigt, dass der Schweizerische Turnverband ein Nachwuchsproblem hat.

Auch nach der grossen Verletzungspause bewegt sich Giulia Steingruber auf einsamer Höhe im Schweizer Team.

Auch nach der grossen Verletzungspause bewegt sich Giulia Steingruber auf einsamer Höhe im Schweizer Team. Bild: Peter Klaunzer/Keystone

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Um sicherzugehen, dass die Botschaft ankam, packte sie diese in ein Lächeln. «Träumen darf man ja», entschuldigte sich Caterina Barloggio, und damit war genug gesagt. Die Schweizer Kunstturnerinnen hatten an der WM in Stuttgart das verwegene Ziel verfolgt, mit dem Team die Qualifikation für Tokio 2020 zu schaffen. Das sei «absolut» zu machen, hatte Giulia Steingruber vor ein paar Wochen gesagt. Oder Cheftrainer Fabien Martin: «Ganz ehrlich: Ja, das ist realistisch.»

War es nicht – die Schweizerinnen scheiterten so deutlich, wie man das befürchten musste. Den nötigen zwölften Platz verpassten sie als 17. klar, mehr als fünf Punkte betrug die Differenz zu den Spanierinnen, die sogar noch unter ihren Möglichkeiten und längst nicht so fehlerfrei geturnt hatten wie Martins Equipe. Es war ein sehr solider Auftritt der Schweizerinnen, einer, der ihren Möglichkeiten entspricht. Mehr nicht. Mehr gaben nur schon die Schwierigkeitswerte ihrer Übungen nicht her. Turnen ist manchmal pure Arithmetik.

Mit dem Wettkampf am Samstag endete für die Schweizer Frauenriege der olympische Zyklus, von dem sich der Schweizerische Turnverband so viel mehr versprochen hatte. An der Heim-EM 2016 in Bern hatte Steingruber zwei Goldmedaillen an den Geräten gewonnen und die Schweiz auf den überraschenden vierten Teamrang geführt. Und bei den Juniorinnen brillierte mit Lynn Genhart das nächste Talent und errang Mehrkampfsilber. Der Grundstein für eine rosige Zukunft schien gelegt.

Abgesehen von Steingruber hat sich das Team seither jedoch nicht markant weiterentwickelt. Jedenfalls nicht das Team, das nun im Einsatz stand: Es fehlt den Übungen an Schwierigkeit. Pech war, hatten sich hoffnungsvolle Turnerinnen der «Generation 2016» vor der WM verletzt, Leonie Meier, Anina Wildi oder Livia Schmid. Aber Verletzungen gab und gibt es auch immer bei anderen Teams. Eher hausgemacht scheint, dass Lynn Genhart kürzlich, noch vor ihrem 18. Geburtstag, wegen Motivationsproblemen zurückgetreten ist.

Der STV hat bei den Frauen ein Nachwuchsproblem, denn hinter dem aktuellen Team stossen kaum junge Turnerinnen nach. Felix Stingelin, Chef Spitzensport beim STV, beteuert, es erkannt zu haben, und will die Problematik rasch angehen. Als mögliche Ursache räumt er ein, in den vergangenen Jahren von Steingrubers Erfolgen möglicherweise geblendet gewesen zu sein. Es scheint offensichtlich.

Auf Steingruber kann man sich aber nun einmal verlassen, und die 25-Jährige zeigte auch in Stuttgart ihren enormen Wert. 15 Monate nach ihrer schweren Knieverletzung erreichte sie den WM-Mehrkampffinal mühelos und löste ihr Ticket für Tokio 2020. Nur drei Strafzehntel wegen eines Übertritts bei der Landung brachten sie um den Sprungfinal. Kein Wunder, hofft Trainer Martin, dass sie noch so lange wie möglich weitermacht. Lachend sagt er: «Vielleicht bleibt sie bis 2028.»

Erstellt: 07.10.2019, 07:46 Uhr

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