Das Ancien Régime pumpt

Die Berner dominieren das Schwingen seit Jahren – jetzt wollen sie die noch fehlende Trophäe: den Unspunnensieg.

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Ein Windchen zog über die sanften Hügel der Sensler und ihren Schwarzsee und das Dörfchen Plaffeien, und Wengers Griff an Sempachs Gurt lockerte sich etwas, nur ganz kurz. Bis dahin hatten sie sich neun Minuten lang belauert. Hatten breitbeinig abgewartet, sich den andern mit gestreckten Armen und tief hängendem Kopf vom Leib gehalten, ­waren gemeinsam über den Rand des Sägemehl-Rings gewankt, nur um wieder in die Startposition zurückzukehren und erneut vorsichtig zu greifen. Es war ein Abtasten im eigentlichen Sinn: Sempach hatte mal die Hand an Wengers Kniekehle gelegt, einmal die Möglichkeit eines Kurzzugs angedeutet.

Dann kam dieser eine Moment im Schlussgang des bedeutenden Freiburger Schwingfests, dieser eine unsichere Griff. Wenger war noch nicht aus der ­Gefahrenzone, weiterhin im Infight mit Sempach, versuchte in der Not eine hastige Attacke. Sempach reagierte instinktiv: Er hob Wenger hoch, brachte ihn aus der Balance, warf ihn übers Knie auf den Rücken – und schon sass er auf Team­kollegen-Schultern und winkte als Triumphator zu den Tribünen.

Es war eine unwirkliche Szenerie – woher plötzlich diese Kraft, woher die Chuzpe?

Matthias Sempach bodigte Kilian Wenger: Es war der Sieg eines Berners über einen Berner, einmal mehr. Die drei letzten Schwingerkönige sind Mitglieder des Bernisch-Kantonalen Schwingerverbands (BKSV), dazu kommen Siege an Kilchberg-Schwingen und an vielen Berg- und Kantonalfesten. Der BKSV war den anderen Verbänden lange überlegen wie die Garde von Louis XIV einem Grüppchen versprengter Landsknechte.

Dass dieses Ancien Régime ins Wanken käme, darauf hofften die Nicht-­Berner in Plaffeien. Zwar fehlten die Ostschweizer, aber die Innerschweizer hatten mit Ausnahme von Joel Wicki die besten Leute geschickt. Und zur Hoffnung gab es anfangs guten Grund, denn im ersten Gang unterlag Sempach überraschend dem Schwyzer Mike Mülle­stein.

Es war eine unwirkliche Szenerie – woher plötzlich diese Kraft, woher die Chuzpe? «Müllestein hat eine enorme Intensität aufgebaut», sagte der Technische Direktor der Berner, Peter Schmutz, nach dem Kampf. Sempach war erster Zeuge seiner Demontage: Er wurde in die Luft gewuchtet, im Fallen wurden ihm die Füsse weggeschlagen, dann, am Boden angekommen, wurde er gnadenlos geplättet.

Die Funktionäre hirnen

Schmutz und sein Team stecken auch deftige Niederlagen weg. Ihr Verband arbeitet wie eine Zelle, die Fehler repariert und verkraftet. Fällt Sempach aus, springt Wenger ein. Oder Glarner, Stucki, Käser, Gnägi oder Kämpf. Und im Hintergrund hirnen die Berner Funktionäre, mit welchen Strategien sich diese Überlegenheit noch ausbauen liesse. Die Bedeutung der Einteilung im Schwingen wird oft unterschätzt, dabei kann eine clever angesetzte Paarung ein Fest prägen: Dem eigenen Liebling wird ein Aufbaugegner zugeschanzt; der Rivale soll auf einen standfesten Routinier treffen; ein König das optimistische Talent entmutigen. Am Schwarzsee-Schwingen konnten die Berner mit zwei Jurymitgliedern und dem Jurypräsidium unter Peter Schmutz massgeblich Einfluss nehmen.

Im dritten Gang setzte diese Jury Schwingerkönig Matthias Glarner auf den Sempach-Besieger Müllestein an. Glarner, eigentlich ein Taktierer, verwickelte Müllestein sofort in einen offenen Abnützungskampf. Bereits ins Sägemehl gedrückt, entwand sich der Innerschweizer in grosser Not, erreichte ein Unentschieden. Danach war Müllestein entkräftet und für die Berner nicht mehr von Gefahr.

«Unsere Spitzenkräfte werden nicht jünger, das ist so.»Peter Schmutz, Technischer Direktor der Berner

Glarner seinerseits ist auch in Plaffeien den Ruf eines Zufallskönigs nicht losgeworden. Einen unbekannten Einheimischen rammte er kopfvoran in den Boden, drehte ihn im Kreis, bekam ihn aber partout nicht auf den Rücken. Auf seinem Notenblatt wurde ein weiterer Gestellter notiert. Glarner begann – für einen Schwinger ungewöhnlich – mit den Schiedsrichtern zu hadern. Am Schluss kam er knapp in die Kränze. Der Oberländer scheint langsam an seiner mässigen Saison zu verzweifeln, und das kein Jahr nach dem grossen Triumph am Eidgenössischen in Estavayer.

Höhepunkt des diesjährigen Schwingerjahrs ist das Unspunnenfest. Für die goldene Berner Generation wird es die letzte Chance sein, das urtümliche Fest zu gewinnen: Sempach und Glarner sind 31, Christian Stucki 32. Wengers Königstitel ist auch schon sieben Jahre her. «Unsere Spitzenkräfte werden nicht jünger, das ist so», sagt Schmutz. Das 20-jährige Supertalent Remo Käser, gern als «Prinz» bezeichnet, scheint ihr Erbe als einziger würdiger Nachfolger antreten zu müssen. In Plaffeien murkste er sich durch die Gänge, eine Ellbogenverletzung scheint ihn noch zu behindern. Die Saison sei noch lange, wiegelt Schmutz ab. Käser habe noch genügend Zeit, in Form zu kommen.

Gegen die geballte Macht

Wer könnte die Berner am Unspunnenfest besiegen? Am ehesten die Jungen: Joel Wicki, der explosive Entlebucher, der sich letztes Jahr den Unterschenkel ruiniert hatte und nun bereits wieder von Sieg zu Sieg wuchtet. Samuel Giger, der 18-jährige Kurz-Perfektionist. Oder Glarners Schlussgang-Gegner von Estavayer, Armon Orlik. Der Bündner scheint sich nach einem grauenvollen Sturz in Brugg körperlich und psychisch wieder erholt zu haben.

Am Sonntag wurde Orlik hinter Giger zweiter am Nordwestschweizer Fest, Wicki gewann das Kantonalfest von Baselland. Das waren starke Kämpfe, ­sicher – aber halt doch nur eine leise Ahnung der geballten Macht, mit der sie das Ancien Régime in Interlaken nochmals erwarten wird.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.06.2017, 21:28 Uhr

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