Die «lutte à la culotte» gefällt den Romands nicht

Für Westschweizer sind Schwinger Exoten. Daran wird auch das Eidgenössische in Estavayer-le-Lac FR nicht viel ändern.

Mit diesem Sport können Westschweizer nicht viel anfangen: Nachwuchsschwinger beim Training. Foto: Keystone

Mit diesem Sport können Westschweizer nicht viel anfangen: Nachwuchsschwinger beim Training. Foto: Keystone

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«Wyberhaagge», «Kurz», «Gammen», «Brienzer»: Für Westschweizer Schwinger beginnen die Herausforderungen weit abseits des Sägemehls. Deutschschweizer Mundartwörter dominieren ihren Sport selbst in der Romandie. Übersetzungen fehlen. Sie sind froh, im Französischen wenigstens für Begriffe wie «Hüfter» (cou de hanche), «Hoselupf» (lutte à la culotte) oder «Schlussgang» (passe finale) Entsprechungen gefunden zu haben.

Im Ring kommt die Deutschschweizer Dominanz erst recht zur Geltung. Nur ­ 600 der rund 6000 lizenzierten Schweizer Schwinger stammen aus der Romandie. Blaise Decrauzat, Präsident des Südwestschweizer Schwinger­verbands, übt Selbstkritik: «Wir sind ­weniger draufgängerisch. Deutschschweizer sind kampf­bereiter. Sie haben keine Probleme damit, sich wehzutun und beim Privat- und Familienleben ­zugunsten des Sports Abstriche zu ­machen.» Ruedi Schlaefli, Technikchef der Westschweizer Schwinger, spricht dennoch aber von Verbesserungen. «Vor zehn Jahren hatte in der ­Romandie noch kein Schwinger einen Sponsor. Das ist heute anders, auch wenn niemand davon leben kann.»

Und stets wirkt der Reflex der Minderheit, sich von der Mehrheit im Land nicht dominieren zu lassen.

Vor dem Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest, das dieses Wochenende in Estavayer-le-Lac FR stattfindet, hat Verbandspräsident Decrauzat zu einer speziellen Massnahme gegriffen. Er bot sämtliche 27 Westschweizer «Lutteurs», die sich aufgrund ihrer Saisonleistungen fürs Eidgenössische qualifizierten, zu einem dreitätigen Kurztrainingslager nach Leukerbad auf. Dort liess er sie gegeneinander kämpfen und schickte sie auf Wanderungen. Nun hofft er, dass die Romands vor heimischer Kulisse als Team auftreten und sich gegenseitig unterstützen.

Gegenseitige Unterstützung werden sie nötig haben. Die Favoriten kommen allesamt aus der Deutschschweiz, wo die Schwinger ihren Westschweizer Kontrahenten nicht nur technisch und mental, sondern oft auch körperlich überlegen sind. Und auch 80 Prozent des Publikums dürften sie hinter sich haben. An den beiden seit langem ausverkauften Wettkampftagen werden gemäss Veranstalter je 42 000 der jeweils 52 000 Zuschauer im Stadion aus der Deutschschweiz stammen.

Für Romands zu patriotisch

Am ungleich verteilten Interesse hat sich damit seit dem Jahr 2001, als das letzte Eidgenössische in der Westschweiz stattfand, nichts geändert. ­Damals wurde das Sägemehl in Nyon, auf dem Gelände des Musikfestivals ­Paléo, ausgebracht. Welsche Zeitungen widmeten dem Anlass ganze Seiten und erklärten den Schwingsport bis ins letzte Details. Das Gleiche tun sie in diesen Tagen. ­Anders als noch in Nyon sind sämtliche Tickets verkauft worden. Doch den ­Romands ist die «lutte à la ­culotte» nach wie vor zu exotisch und das Drumherum zu patriotisch. Gegen ein paar Alphornbläser hätte man wohl nichts einzuwenden, doch allzu viele Fahnenschwinger, Sennenhemden und Rauschbärte empfindet man als zu aufdringlich.

Entsprechend schrieb «Le Journal du Jura» in seiner gestrigen Ausgabe von einem «Jahrmarkt aus Marketing, Kitsch, Tradition und Folklore». In der Westschweizer Volkskultur hat solches keinen Platz. Und stets wirkt der Reflex der Minderheit, sich von der Mehrheit im Land nicht dominieren zu lassen. Das weiss auch Martial Messeiller, Mediensprecher am Eidgenössischen. Er sagt: «In der Arena werden Deutschschweizer in der Mehrheit sein, doch bei den freiwilligen Helfern kommen 93 Prozent aus der Romandie.» Auch auf dem Festplatz rechnen die Organisatoren damit, dass zwei Drittel der insgesamt 150 000 Besucher aus der Westschweiz kommen. «Diese interessieren sich vielleicht nicht für den Sport, dafür wollen sie Party ­machen», so Messeiller. Im Organisa­tionskomittee hätten im Übrigen Leute aus allen Landesteilen zusammen­gearbeitet. Jeder sprach in seiner Landessprache. «Das ging völlig problemlos», so der Mediensprecher.

In Estavayer-le-Lac und auf dem Gelände des benachbarten Militärflugplatzes Payerne VD, wo der Anlass effektiv stattfindet, ist bereits seit Tagen alles bereit für den Sportanlass. Die Arène de la Broye steht. Der Festplatz wurde vor rund zwei Wochen geöffnet und von neugierigen Ferienreisenden inspiziert. Die Mehrheit stammte auch hier aus der Deutschweiz.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.08.2016, 23:26 Uhr

Estavayer (3)
Der Gabentempel

Mazot de Cremo heisst am Eidgenössischen die Siegtrophäe. Daheim ausstellen kann man ihn schlecht, denn er ist ein 1100 kg schwerer Muni. 400 Preise im Wert von einer Million Franken stehen bereit. Unterteilt sind sie in Lebend- und Sachpreise. 10 Tiere (der Siegermuni, dazu Pferde und Rinder) haben auf dem Festgelände eigens eine Unterkunft bekommen. Die Sachpreise wiederum sind im «Pavillon des Prix» untergebracht. Dort finden sich Betten, ein Citroën, Wasch­maschinen, ein Gutschein für eine Flugstunde im Mirage-Jet, Treicheln, Saunen. Am Sonntag lesen die Schwinger und Steinstösser unter ihnen aus. (czu)

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