«St. Moritz bringt dem Bobsport nichts mehr»

Erich Schärer, der erfolgreichste Schweizer Pilot der Geschichte, über den hiesigen Niedergang seines Sports.

Ein Bild aus goldenen Zeiten: Ekkehard Fasser und sein Viererbob an den Olympischen Winterspielen 1988. Foto: Bob Thomas (Getty)

Ein Bild aus goldenen Zeiten: Ekkehard Fasser und sein Viererbob an den Olympischen Winterspielen 1988. Foto: Bob Thomas (Getty)

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Der Bob-Weltcup beginnt diese Woche erstmals ohne einen erfahrenen Schweizer Piloten, nachdem auch Clemens Bracher zurückgetreten ist. Was ist falsch gelaufen in der einst grossen Bobnation?
Es ist ein Debakel, dass man ­Bracher nicht unterstützt hat. Geld hätte der Verband ja. Ich hätte ihn nicht gehen lassen, denn Bracher ist einer, der es in sich hat, der das Bobfahren fühlt. Man hätte seine Zukunft viel früher aufgleisen müssen, aber er wurde fallen gelassen. Sie ­sagten: Wir nehmen die Jungen und schauen, was rauskommt. Dabei wäre es wichtig für den Bobsport in der Schweiz, dass man immer weiter Medaillen gewinnt. Wenn diese Erfolgsserie abreisst, drohen Gefahren. Dann wird es schwierig, den Anschluss und weiterhin Geldgeber zu finden.

Die Serie ist schon abgerissen. 2018 erlebte der Schweizer Bob in Südkorea seine schwächsten Olympischen Spiele, und die Perspektiven sind schlecht. Warum dieser Absturz?
Der Bobsport lebt nicht mehr in der Schweiz, er ist am Boden. Die Misere beginnt in St. Moritz, mit den Verantwortlichen der Bobbahn. Wir sind permanent am Kämpfen mit ihnen, aber sie ­machen nur noch wenig für den Sport. Von den ehemaligen Fahrern geht niemand mehr gerne nach oben. Man fühlt sich weder willkommen noch akzeptiert.

Können Sie konkreter werden?
Sie sind gar nicht mehr an einer Zusammenarbeit mit uns interessiert. Wichtig sind nur die ­Taxifahrten für Touristen, damit verdienen sie Geld, und diese werden immer teurer. Dafür sind auch die besten Startzeiten ­reserviert. Das bedeutet, dass du entweder früh oder spät trainieren musst, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, und dass du in St. Moritz zu übernachten hast, und das ist teuer. Dazu kommt, dass die Bahn erst um Weihnachten in Betrieb genommen wird, wenn die Hälfte der Saison schon vorbei ist. In Deutschland haben sie schon im Oktober die Landesmeisterschaften und danach vier Bahnen zur Verfügung. In St. Moritz versprachen sie einmal, die Bahn am 10. Dezember zu eröffnen, aber selbst das war nicht möglich.

Der 72-jährige Olympiasieger und 7-fache Weltmeister Erich Schärer verfolgt die Bobszene noch immer engagiert und kritisch.

Wahrscheinlich, weil eseine Naturbahn ist?
Von den Bedingungen und Temperaturen her wäre eine frühere Eröffnung schon möglich. Nachts ist es immer kalt. Aber es hat auch mit dem Geld zu tun.

Was war zu Ihrer Zeit anders?
Damals hatte die Schweizer Meisterschaft im Dezember und Anfang Januar noch einen viel höheren Stellenwert und dauerte 14 Tage. Wir hatten viel mehr Renntage. Das heizte die Konkurrenz an und liess eine Team­dynamik entstehen. Heute wird die Meisterschaft in eine Woche hineingequetscht. St. Moritz bringt dem Bobsport nichts mehr. So macht das auch keinen Spass mehr.

Wo trainieren die besten Schweizer jetzt?
Im Ausland, vor allem in ­Innsbruck. Das ist nur unwesentlich weiter als St. Moritz, von ­Zürich aus. Das Problem ist, dass Celerina und St. Moritz vom Bundesamt für Sport wegen des Bobverbands Geld erhalten. ­Davon müssten sie korrekterweise etwas dem Verband abgeben, für Unterstützung, zum Beispiel Trainingslager in Innsbruck vor der Saison. Und die Bahn hat noch ein anderes Problem.

«Wir vom Bobclub Zürichsee haben etwa 250 WM-, EM- und SM-Medaillen. Und was haben sie? Nichts.»

Welches?
Man müsste die Linienführung ändern, wenn auch nur minim. Damit es wieder Bobfahren ist, nicht nur Taxifahren, Geldverdienen, fertig. Dafür setze ich mich schon lange ein. Man könnte im oberen Bereich ein Labyrinth einbauen. Wenn das die Bahn verlangsamen würde, wäre das egal, denn wir sind ja schon fast bei 150 km/h angelangt. Aber das interessiert dort niemanden.

Wie erklären Sie sich das?
Es fehlt auch hier das Engagement der Gemeinden St. Moritz und Celerina. Vielleicht ist es aber auch der Neid gegenüber den Unterländern. Wir vom Bobclub Zürichsee haben etwa 250 WM-, EM- und SM-Medaillen. Und was haben sie? Nichts. Und wir sind weiterhin aktiv, suchen Geld, haben eben wieder einen Bob gekauft. Wir haben auch ein Team für den 20-jährigen ­Michael Vogt aufgestellt, der im Weltcup fährt. Und wir haben eine Eingabe gemacht, um auf dem Kerenzerberg eine moderne Startbahn zu bauen, im Trainingszentrum des Zürcher Kantonalsportverbands in Filzbach. Eine, bei der die Bobs von selber wieder zurückrutschen.

Sie haben auch den Monobob propagiert, der bei den Frauen 2022 in Peking zur ­olympischen Disziplin wird.
Gerade für die Jungen ist das doch gut. Da kannst du reinhocken und runterfahren. Und wir brauchen die Jugend. Der Bobsport muss jünger werden und sich entwickeln. Monobob ist seit 2016 auch eine Disziplin an den Youth Olympic Games, und bald wird es Teamwettkämpfe geben, in denen Mono-, Zweier- und Viererbobs gegeneinander antreten können, Frauen und Männer, Club- oder Länderteams. Und ich verfolge noch eine andere Vision.

Welche?
Ideal wären variable Eisbahnen, die man abbrechen und aufstellen könnte – warum nicht am Uetliberg oder in Bern? Das gibt es bisher nicht, aber wieso sind wir nicht die Ersten? Wir werden mit Professoren der Universität Lausanne zusammensitzen. Das wäre auch etwas für die Jungen, und genau die fehlen uns. Schlitteln liegt in der Natur des Menschen. Und Kunsteisbobbahnen sind teuer und nicht schön.

Dieses Projekt dürfte auch nicht gerade günstig sein.
Am Anfang ist alles immer sehr teuer, doch dann wird es billiger. Und Geld gibt es immer irgendwo. Eigentlich ist es aber technisch keine grosse Sache, einen Eiskanal zu bauen.

«Wahrscheinlich bin ich ein Idiot. Aber einer muss die Leute wachrütteln.»

Welche Rolle spielt der Verband in dieser Krise? Präsident Jürg Möckli erzählte vor drei Jahren, er wolle den Nachwuchs fördern und Bob neuen Glanz verleihen. Davon ist wenig zu sehen.
Der Verband hat einige gute Ideen, mit der Förderung der Jungen und der Anschieber, von denen einige nun selber Piloten werden. Aber irgendwann brauchen sie gutes Material und ein starkes Team, und das müssen sie dann selber organisieren. Und das kostet Geld. Was dem Verband auch fehlt, sind gutes Marketing und gute Kommunikation.

Welche Prognose stellen Sie dem Schweizer Bobsport? Sind die Olympischen Spiele 2022 noch zu retten?
Es kann immer aufwärtsgehen. Aber vermutlich liegt es bei den Clubs, dafür zu sorgen. Es muss wieder eine Bobfamilie entstehen, und die muss man pflegen. Aber das verstehen sie in St. Moritz nicht. Wir hätten so viele Möglichkeiten mit der grossen Geschichte in der Schweiz, nutzen sie aber nicht. Wir müssen den Bobsport wieder beleben. Vieles hängt nun davon ab, wie sich die Jungen entwickeln.

Sie engagieren sich seit ­Jahrzehnten für den Bobsport. Die aktuelle Situation muss für Sie frustrierend sein?
Ich werde regelmässig darauf angesprochen, und sie bricht mir das Herz. Ich bin jetzt 72 und könnte sagen: Schluss, fertig, das interessiert mich nicht mehr, wie viele andere. Aber ich bin noch mit Leib und Seele ­dabei. Wahrscheinlich bin ich ein Idiot. Aber einer muss die Leute wachrütteln.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 03.12.2018, 21:14 Uhr

Schärer – der Erfolgreichste einer grossen Bobnation

Schweizer Bobfahrer waren bisher Medaillengaranten an Olympischen Spielen und nach Deutschland die erfolgreichste Nation. Mit 10 Gold-, 10 Silber- und 11 Bronzemedaillen werden sie an den Winterspielen nur von den Skifahrern übertroffen. Pyeongchang 2018 waren die vierten Spiele, an denen sie medaillenlos blieben (Rico Peter war 4. im Vierer).

Erich Schärer holte 1976 in Innsbruck Silber im Vierer und Bronze im Zweier, 1980 in Lake Placid dann Gold im Zweier und Silber im Vierer, stets mit Bremser Joseph Benz. Der heute 72-Jährige aus Herrliberg war zwischen 1971 und 1986 zudem siebenfacher Weltmeister, davon viermal im Vierer. Er ist Gründungs- und Vorstandsmitglied des Bobclubs Zürichsee, war nach seiner Karriere Manager im Sportartikelhandel und wurde zum begeisterten Golfer. Schärer kümmert sich als Berater weiterhin engagiert um die Förderung des Bobsports. (rst)

Bobrun St. Moritz wehrt sich gegen Vorwürfe

Martin Berthod, interimistischer Präsident des Bobrun St. Moritz, wehrt sich gegen Erich Schärers Kritik. «Die Zahl der Taxifahrten ist in den letzten Jahren etwa gleich geblieben, während wir die Zusammenarbeit mit dem Bob­verband intensiviert haben.» Dieser schöpfe aber nicht einmal alle Trainingszeiten aus, die ihm zur Verfügung stünden. «Zum Teil fehlt es am Interesse, zum Teil haben sie zu wenig Piloten.»

Das sei auch der Grund, weshalb die Schweizer Meisterschaft geschrumpft sei. «Aber das ist ein Problem der Clubs, nicht der Bobbahn.» Was ausländische Piloten betreffe, sei die Bahn sehr gut gebucht. Auch Schärers Kritik an der späten Eröffnung und der zu einfachen Linienführung der Bahn kontert Berthod. Erst gestern hätten die Bauarbeiten wegen zu hoher Temperaturen eingestellt werden müssen. «Nun hoffen wir, dass sie wenigstens am 21. Dezember bereit ist.» (rst)

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