Die neuen Golf-Helden von Paris

Der erste Ryder-Cup in Frankreich wird zu einem emotionalen Spektakel, das sich an kein Drehbuch hält und zu dem auch die Zuschauermassen beitragen.

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Wann – und wo? Das sind die Fragen, die sich unter den fast 60'000 im «Le Golf National» an diesem milden Septembersonntag jeder irgendwann stellt. Wann werden die Europäer als Sieger feststehen? Und wo wird der grosse Moment geschehen, wo werden die emotionalsten Szenen dieses Ryder-Cups zu sehen sein?

Dass Europa gewinnt, daran zweifelt nach den ersten zwei Tagen keiner mehr. 10:6 führen die Herausforderer gegen das amerikanische All-Star-Team nach den Doppeln, sie brauchen noch 4,5 Punkte aus den letzten zwölf Partien. Anders als an normalen Golfturnieren muss die Entscheidung aber nicht zwingend auf dem 18. Grün fallen. Sobald ein Match zwischen einem Europäer und einem Amerikaner entschieden ist, gehts zurück ins Clubhaus.

McIlroys Drama am 18. Loch

Am Ryder-Cup sind deshalb auch die Zuschauer gefordert: Viele warten stundenlang am gleichen Loch, bis die «Flights» kommen, wie die Spielgruppen im Jargon genannt werden. Sie verfolgen das Geschehen an Handys und an den 18 Riesenbildschirmen, die über die Anlage verteilt sind. Sich zu bewegen in dieser Masse, erfordert Geduld und Nerven.

Mitten am Nachmittag drängt sich dann aber plötzlich eine andere, beunruhigende Frage auf: Was? Was, wenn das Unwahrscheinliche doch geschehen sollte? Wenn die Amerikaner die Wende schaffen? Denn die erste Partie endet mit einer Ernüchterung: Rory McIlroy, der gegen Justin Thomas die längste Zeit geführt hat, erlebt am 18. Loch – als es unentschieden steht – ein kleines Drama. Sein Abschlag gräbt sich in einen Sandbunker, er bringt den Ball erst im zweiten Anlauf heraus – und schlägt ihn ins Wasser. Einen Schlag spielt er doch, dann gibt er auf und hat verloren.

Ein Dämpfer. Und der nächste folgt bald: Auch der Engländer Justin Rose, Gesamtsieger der amerikanischen Golftour, verliert überraschend. Plötzlich führt Europa nur noch 10,5:9,5. Nervosität macht sich breit, vorübergehend wird es etwas ruhiger.

Aber auch das ist der Ryder-Cup: Grosse Namen sind hier keine Garantie für den Erfolg. Hier können Stars zu Nebendarstellern und Versagern und neue Helden geboren werden, die Weltrangliste verliert ihren Wert. Die euphorische und patriotische Atmosphäre, die mehr an Fussball- oder Davis-Cup-Begegnungen erinnert, lässt einige über sich hinauswachsen und hemmt andere. Der Heimvorteil kann den Unterschied ausmachen. Wer den Schwung auf seiner Seite hat, ist schwer zu bremsen in diesen Duellen Mann gegen Mann.

Der Woods-Bezwinger weint

Zu einem dieser Helden wird der dänische Neuling Thorbjörn ­Olesen, der als vermeintlich schwächster Europäer am Samstag pausieren musste. Er schlägt den mehrfachen Major-Sieger Jordan Spieth nach 14 Löchern und wird zum ersten europäischen Sieger des Sonntags. Zum Helden wird auch der 23-jährige Spanier Jon Rahm, der nach dem Sieg über Tiger Woods Tränen vergiesst. Er denkt in diesem Moment an seinen Grossvater und an Spaniens Golflegende Severiano Ballesteros, die beide verstorben sind.

Zu einem Helden wird auch der 41-jährige Paul Casey, der gegen den zweifachen US-Open-Sieger Brooks Koepka ein Unentschieden herausspielt. Und seine Ryder-Cup-Qualitäten zeigt auch der noch ein Jahr ältere Ian Poulter wieder einmal. Er schlägt mit einem Birdie am letzten Loch den Weltranglistenersten Dustin Johnson und stellt auf 13:5:9,5. So muss es sein, die Wolken verziehen sich, der Jubel brandet neu auf. Wenn sich einige erfrechen, «USA, USA» zu rufen, werden sie sofort nieder­gebrüllt: «Europe, Europe ...»

Und nun stimmt auch die Dramaturgie auf fast wundersame Weise wieder: Denn nun könnte Francesco Molinari den entscheidenden Punkt holen. So kommt es: Der 35-jährige British-Open-Sieger sichert Europa den Sieg. Und nun ist auch die Frage nach dem Wo beantwortet – es ist der Abschlag der 16. Spielbahn.

Und das kommt so: Mickelson schlägt seinen Ball ins Wasser, womit er das Loch nicht mehr gewinnen kann, damit auch die Partie verlieren wird und deshalb aufgibt. Molinari verfällt in einen Siegesrausch, vergiesst Tränen und sagt später: «Dieser Moment bedeutet mir mehr als alles, was ich erlebt habe.» Molinari hatte zuvor in sechs Ryder-Cup-Partien nur zwei Remis herausgespielt. Nun hat er als erster Europäer fünf Punkte geholt, vier mit Tommy Fleetwood. Der Engländer wird trotz seiner Einzelnieder­lage wie ein Rockstar gefeiert.

Garcia im Delirium

Die Emotionen schwappen über. «Moli, Moli», dröhnt es über die Anlage, die Fans singen, jubeln, tanzen, trinken. Über den kleinen Hügeln und Seen des Albatros-Parcours liegt Staub in der Luft. Auch Sergio Garcia, der den nächsten Punkt für Europa holt, kann seine Emotionen nicht bändigen. «Normalerweise weine ich nicht, aber hier konnte ich mich nicht zurückhalten», sagt der Spanier, der mit diesem Erfolg sein enttäuschendes Jahr etwas rettet. Auch er ist ein Held von ­Paris, der neue Rekordsieger der europäischen Ryder-Cup-Historie verfällt in eine Art Delirium.

Im Interviewraum, wo das europäische Team mit Bier und Champagnergläsern erscheint, kichert Garcia ununterbrochen und unterbricht seine Kollegen immer wieder mit schrillen Zwischenrufen. Auch das ist Ryder-Cup.

Erstellt: 30.09.2018, 23:42 Uhr

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