In Oerlikon wird der Hockeyaner zum Tintenfisch

Schläge, Kratzer, Chaos: Jagen die Spieler am Beckenboden dem Puck hinterher, geht es heftig zur Sache. Zu Besuch im Pool der Exoten.

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In der Vitrine neben der Hallenbadkasse hat es noch Platz. Robin Schwarber zeigt dennoch freudig darauf. Dass nur ein paar Auszeichnungen ausgestellt sind, ist kein Indiz für Erfolglosigkeit. Es ist Ausdruck für das Schattendasein seiner Leidenschaft. Seine Leidenschaft, das ist Unterwasserhockey. Ein Sport, den wenige kennen und noch weniger betreiben.

In der Schweiz gibt es keine 50 dieser Exoten. Der Unterwasserhockeyclub in Zürich, dem Schwarber vorsteht, ist gegenwärtig noch das Flaggschiff der Szene – in Bern, Basel, Genf und Kloten wird aber auch schon gespielt. Schwarber zeigt auf die kleinen Trophäen, einige davon mit metallischen Schwertfischen geschmückt, und sagt: «Wenn wir Turniere bestreiten wollen, müssen wir ins Ausland.» Bedeutet Abenteuer. Aber auch hohe Kosten.

Die Zahl der Turnierteilnahmen variiert von Jahr zu Jahr. Schwarber seufzt. Er wird es an diesem Abend noch einige Male tun. Denn wer sich wie er einem Randsport unter den Randsportarten verschrieben hat, braucht vor allem eines: einen langen Atem. «Das habe ich», sagt er mit einem Lächeln und verschwindet in die Umkleide.

Seit sechs Jahren spielt der 25-Jährige nun schon Unter­wasser­hockey. Der ausgebildete Rettungsschwimmer entdeckte den Sport im Internet. Er kam ins Probetraining und blieb. Auch weil er es geniesst, etwas Ausgefallenes zu machen und immer ein Gesprächsthema zu haben, wenn er neue Menschen kennenlernt.


Video: Abtauchen, spielen, Luft holen

Quelle: YouTube / spiegeltv


Wenn Schwarber dann erzählt, wie er unter Wasser einem 1,3 Kilo schweren Bleipuck hinterherjage und versuche, diesen im Tor, also in einer 3 Meter breiten Metallrinne, zu versenken, erklären ihn nicht wenige für verrückt. Ist kein Sport. Kann man nicht ernst nehmen. Schwarber muss sich so einiges anhören. «Am Ende wollen dann aber doch alle wissen, wie es funktioniert», sagt der Mann mit dem durchtrainierten Körper auf dem Weg zum Becken. Die Skyline von Zürich ziert seine Badehose. «Unsere Vereinsbadehose», erklärt er stolz.

Keine Langfristplanung

Der Geruch von Chlor hängt in der Luft. Für ein Hallenbad ist es ungewöhnlich ruhig, nach 20 Uhr werden nur noch Vereine zugelassen. 13 Menschen sind an diesem Abend gekommen, um Unterwasserhockey zu spielen. Schwarber ist heute der einzige Schweizer. Die anderen Spielerinnen und Spieler stammen aus Frankreich, Ungarn, Deutschland, Neuseeland, Australien und Brasilien.

Die meisten haben schon in ihrer Heimat gespielt. Nun sind sie hier, weil es sie beruflich in die Schweiz verschlagen hat. Das Problem: Viele sind nur temporär im Land – und somit auch im

Verein. «Das macht es für uns zusätzlich schwierig, langfristig ein Team aufzubauen», sagt Schwarber seufzend und wühlt im ­Materialwagen am Beckenrand.

Er gräbt Schnorchel, Taucherbrille, Mundschutz, Kappe, Flossen, Schläger sowie einen Handschuh aus. Das alles gehört zur Ausstattung. Sechs Spieler bilden jeweils eine Mannschaft. Seine Gegner erkennt Schwarber an der Kappenfarbe. Mit dem 30 Zentimeter langen Kunststoffschläger wird der Puck auf dem Grund des 2,5 Meter tiefen Beckens bewegt. Für eine Trockenübung legt er sich auf den Boden und erklärt, dass der Puck nicht etwa geschossen, sondern geschleudert wird. «Flicken nennt sich das im Fachjargon.» Bevor sie in Oerlikon aber jeweils flicken, wird zuerst eine Stunde ohne Puck trainiert.

Am ersten Absprungsockel im 50-Meter-Becken ist der Trainingsplan angeheftet. 400 Meter schwimmen. Dann tauchen. Wieder schwimmen. Wieder tauchen. Die Fitness ist die halbe Miete. «Wobei», sagt Schwarber, «man muss nicht Michael Phelps sein, um hier mithalten zu können.» Ein langer Atem ist dennoch von Vorteil.

Dann endlich: Schläger fassen. Passübungen. Die Schwierigkeit besteht darin, den Puck trotz des Wasserwiderstands zu treffen. Weit kommt man nicht. Zwei, höchstens drei Meter. ­Einiges ist mit den geläufigen Hockeysportarten vergleichbar. Es gibt Formationen, Strategien, Tore, Bullys und Strafen wie Stockschlag und Behinderung. In Zürich überwachen sie sich selbst. An Turnieren tauchen zwei Schiedsrichter mit.

«Ziemlich anstrengend», bemerkt eine junge Deutsche in der Pause. Heute ist ihre Unterwasserhockey-Premiere. Ein Aushang in der Universität hat sie hierher gebracht. Sie lernt, dass das Spielfeld zwischen 21 und 25 Meter lang und höchstens 15 Meter breit ist, das Spiel 30 Minuten dauert. Ein Spiel, das auf den ersten Blick ziemlich chaotisch wirkt. Weil der Puck nicht weit gespielt werden kann, befinden sich alle Spieler in dessen Nähe. Die Konsequenz: Ein Gewühl aus Menschen, Schläger und Flossen. Heisst Schläge, Kratzer und Unruhe.

Keine Chance für Neulinge

Wenn sie dann kurz nach Luft schnappen, ragen sie wie Wale aus dem Wasser, um sogleich wieder auf Tauchstation zu gehen. Kommunizieren während des Spiels? Unmöglich. Das Tempo ist zu hoch. Wie Oktopusse schnellen sie geschickt über den Grund. Wer zum ersten Mal mitspielt, berührt den Puck kaum. Bei gemischten Teams kommt es auch nicht selten vor, dass Frauen Männern den Puck abnehmen. «Im Fussball fühlten sich die Männer entwürdigt, bei uns ist das normal», sagt Schwarber nach dem Trainingsspiel.

Matchwinnerin ist eine junge Frau. Es ist der Beweis dafür, dass sich der Geschlechterunterschied erst auf richtig hohem Niveau bemerkbar macht. Richtig hohes Niveau – es ist Schwarbers grosser Traum für seinen Club. Doch vordergründig muss er sich damit zufriedengeben, dass er überhaupt genügend Spieler findet.

Wo Unterwasserhockey in 10 Jahren stehe, ist die letzte Frage dieses Abends. «Wahrscheinlich nicht viel weiter als heute», sagt Schwarber. Und seufzt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.12.2018, 10:53 Uhr

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