Die beliebte Schaumstoffrolle hilft vor allem im Kopf

Hobbysportler wie Topathleten schwören auf den Einsatz eines Massagerollers. Die Wissenschaft kann dieser Faszination jedoch wenig abgewinnen.

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Tennisgrösse Novak Djokovic lobt das Rollen in seinem Buch «Serve to Win» innig. Basketballstar LeBron James nutzt das Gerät vor jedem Spiel. Und die Fussballer von Liverpool verwenden es fleissig im Training: Der Schaumstoffroller zählt zu den beliebtesten Sportutensilien im Elite- wie im Breitensport – primär zur Selbstmassage, also zur Erholung, indem man darauf bei mehr oder weniger Körperdruck hin- und herrollt. Aber auch vor dem Sport, um beispielsweise seine Flexibilität zu steigern.

Was Millionen an Athleten rund um den Globus tun und in den vergangenen zehn Jahren zu einem lukrativen Geschäft wurde, muss jedoch noch lange nicht wissenschaftlich erklärbar sein. Darum haben deutsche Forscher der Universität Ruhr jüngst die erste sogenannte Metastudie publiziert, also alle vorhandenen Arbeiten zum Thema gesichtet.

Dabei zeigte sich bereits das erste Problem bezüglich dieses scheinbaren Wundergadgets: Wissenschaftliche Publikationen mit Substanz haben die Experten kaum gefunden. Gerade einmal 21 Studien waren gut genug. 454 Probanden kommen darin vor – weit weniger, als repräsentativ wäre. Weil die Studien unterschiedlichste Ansätze verfolgen und das Leistungsniveau der untersuchten Athleten stark variiert, finden die Autoren der Metaanalyse: Alle Aussagen sind fast ohne Gewähr.

Der Placeboeffekt ist bei vielen Studien garantiert

Zumal der Goldstandard wissenschaftlicher Arbeiten – Doppelblindstudien – in diesem Fall nicht angewendet werden kann. Jeder Studienteilnehmer merkt schliesslich sofort, dass er sich auf einer Schaumrolle hin- und herbewegt. Darum lässt sich bei allen Resultaten ein markanter Placeboeffekt nicht ausschliessen.

Überhaupt scheint die beliebte Rolle ein mysteriöses Utensil zu sein. Was das Rollen bringt, kann die Wissenschaft nicht benennen – oder zumindest nicht so, dass sich eine Mehrheit der Forscher darauf einigen könnte. «Die potenziellen Effekte des Rollens werden auf mechanische, neurologische, physiologische und/oder psychologische Parameter zurückgeführt», schreiben die Autoren der Metaanalyse nebulös.

Wer sich freiwillig Schmerzen zufügt, erwartet, dass er dafür auch etwas zurückbekommt.

Am wahrscheinlichsten finden sie den physiologischen Erklärungsansatz: dass mit dem Rollen – also der Selbstmassage – der Blutfluss erhöht und das Nervensystem getriggert wird. Zugleich würden Verhärtungen gelöst und entzündungshemmende Prozesse eingeleitet. Auf jeden Fall reduzierte sich bei den rollenden Probanden die Wahrnehmung von Muskelschmerzen um immerhin sechs Prozent.

Simpel ausgedrückt heisst das: Das Rollen tat ihnen gut, worauf die Autoren nüchtern folgerten: «Psychologische Aspekte sind im Sport wichtig. Und dass ein Athlet nach dem Rollen weniger Schmerzen verspürt, reicht ihm bereits als Motivation, selbst wenn sich keine messbaren physiologischen Vorteile daraus ergeben. Zumal das Rollen kaum Nebenwirkungen aufweist.»

Der Rat des führenden Szenekenners

Alex Hutchinson, der bekannteste Wissenschaftsjournalist in Sachen Sportthemen, findet diese These besonders plausibel. Schliesslich könne das Bearbeiten verhärteter Muskeln so richtig schmerzen. Und wer sich freiwillig solchen Schmerz zufüge, ­erwarte, dass es ihm nütze – ­zumal sich viele Rollenliebhaber danach wirklich besser fühlten. Gemäss den Autoren der Metaanalysen sind es zwei Drittel der Benutzer.

Sie finden darum zusammenfassend: Ob das Rollen aus wissenschaftlicher Sicht sinnvoll ist, lässt sich (noch) nicht beantworten. Hutchinson leitet daraus ab: Jeder soll nach seiner Façon glücklich werden – mit oder ohne das Schaumstoffutensil.

Erstellt: 12.08.2019, 20:08 Uhr

Stretching, Eisbad, Massage: Alles nützt – oder nicht

Der Sportler ist auch ein Erholungssuchender: Denn nach dem Training ist stets vor dem Training. Also hat er eine Vielzahl von erholenden Massnahmen für sich entdeckt. Immer geht: die Massage oder das Stretching. Beliebt sind auch: das Eisbad – oder für Neumodische die Kältekammer. Seit ein paar Jahren tragen Sportler nach dem Schwitzen gerne auch Kompressionsstrümpfe oder stimulieren ihre Muskeln elektrisch.

Immer ist das Ziel, sich vom Training möglichst schnell fürs nächste zu erholen und Verletzungen vorzubeugen. Doch wie beim Arbeiten mit dem Massageroller gilt auch bei allen anderen erholungsfördernden Massnahmen: Im Idealfall fühlt man sich besser.

Dies ist zumindest die Kernaussage von sogenannten Metaanalysen zum Thema, also nicht von einzelnen Studien, die alles Mögliche belegen und zu wissen vorgeben, sondern von Arbeiten, die anhand aller Publikationen den Wissensstand zusammenfassen. Damit sagt die Forschung allerdings keineswegs, dass erholungsfördernde Massnahmen null Effekt aufweisen. Im Gegenteil: Ob Stretching, Eisbäder oder Massagen – viele Methoden führen bei den meisten Sportlern dazu, dass sie sich erholter fühlen. Darum schwören Athleten auch darauf. Eine psychologische Wirkung ist folglich unbestritten.

Sportler, fläzt auf dem Sofa!

Dass man sich damit aber rascher erholt, frischer ist und so etwa Verletzungen vorbeugen kann, ist wissenschaftlich hingegen über Einzelfälle hinaus unbelegt. Das bedeutet mit anderen Worten: Oft ist eine passive Erholungsmassnahme genauso effektiv wie eine aktive, bringt einem nach dem Training das Fläzen auf dem Sofa fürs nächste Training genauso viel (oder wenig) wie das rituelle Stretching nach dem Schwitzen.

Was die Wissenschaft auch sagt: Schlaf(dauer) und das richtige Essen nach dem Sport haben einen tatsächlichen und messbaren Einfluss auf die Erholung. (cb)

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