Die Schweizer Frauen hinken hinterher

Immer mehr Frauen in der Schweiz laufen. Im Marathon sind es jedoch nur 12 Prozent. Wieso trauen sich so wenige die 42,195 km zu?

Das Bild wird von Männern dominiert: Start zum Zürich-Marathon 2018. Foto: Reto Oeschger

Das Bild wird von Männern dominiert: Start zum Zürich-Marathon 2018. Foto: Reto Oeschger

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Die Geschlechter sind ganz einseitig verteilt, wenn sich morgen das 2900-köpfige Feld der Marathonläuferinnen und -läufer in Zürich in Bewegung setzt: Auf knapp eine Frau kommen gut vier Männer. Dieses Verhältnis hat seit der Premiere des Laufs 2003 immer minim geschwankt, der Frauenanteil machte aber damals schon nur 18,4 Prozent aus. Speziell ist, dass der Wert stagniert, obwohl in der Schweiz in erster Linie die Frauen den Boom im Laufsport seit der Jahrtausendwende ausgelöst haben.

Allerdings: Die Schweizerinnen laufen lieber über kürzere Distanzen. Paradebeispiel ist dafür der 4,7 km lange Altstadt-GP im Rahmen des GP Bern. Er wurde 1990 erstmals ausgetragen, verzeichnete auf Anhieb 46 Prozent Läuferinnen, und seit 1992 sind die Frauen dort in der Mehrheit. Fast ebenso beliebt sind 10-km-Rennen, wo schweizweit heute meist gut 40 Prozent Frauen verzeichnet werden. Die Läuferinnen haben in den vergangenen Jahren aber auch die Wettkämpfe über 10 Meilen (16,1 km) oder im Halbmarathon (21,1 km) entdeckt. Auf diesen Strecken machen sie bereits rund ein Drittel der Startfelder aus.

Wieso aber wagen sich so wenige Schweizerinnen an den Marathon über 42,195 km? Denn in den 18 oder 19 Prozent Frauen, die üblicherweise in Zürich starten, sind noch einige Dutzend Ausländerinnen enthalten.

19 Millionen Resultate

Die dänischen Wissenschaftler Jens Jakob Andersen und Vania Nikolova haben jüngst eine umfassende Studie über das Marathonlaufen herausgebracht. Sie basiert auf mehr als 19 Millionen Resultaten von 2008 bis 2018 an über 32 000 Marathonläufen auf der ganzen Welt und ist die grösste ihrer Art. Eine Erkenntnis daraus ist: Die Schweizerinnen hinken massiv hinterher. Nicht, was ihre Zeiten, sondern die Anteile Männer/Frauen betrifft. Die beiden kommen zum Schluss, dass von allen Schweizerinnen und Schweizern, die irgendwo auf der Welt Marathon laufen, nur gerade 12 Prozent Frauen sind (was dem Zürcher Wert nahekommt, zählt man dort die Ausländerinnen ab).

Die Statistik führen wenig erstaunlich die Amerikanerinnen mit 43 Prozent vor den Kanadierinnen (37) und den überraschenden Isländerinnen (36) an. Mit der Schweiz bevölkerungsmässig vergleichbare Länder weisen jedoch Anteile auf, die doppelt bis fast dreifach so hoch sind: Dänemark (21 Prozent), Holland (22), Schweden (26) und Finnland (30).

Was sind die Gründe für diesen Wert, der nur noch vom Tiefstwert von Indien (9 Prozent) unterboten wird? Wieso sind Amerikanerinnen so viel mutiger als Schweizerinnen? Bruno Lafranchi, der Gründer des Zürich-Marathon, sagte in einem Interview mit dieser Zeitung dazu ganz allgemein: «Frauen laufen anders als Männer. Sie lesen sich ein, sie überlegen sich, wie sie laufen wollen. Männer gehen einfach an einen Marathon, das kann ich!»

Stimmrecht erst 1971

Für Markus Ryffel, vor 40 Jahren Gründer des Greifenseelaufs und Veranstalter des Schweizer Frauenlaufs in Bern, gibt es «nicht einen oder zwei Gründe», sondern mögliche Ansätze, die in der gesellschaftlichen Entwicklung fussen. Auch er findet, Frauen gingen ihre sportlichen Ziele abgeklärter und überlegter an. Ryffel ist aber auch der Ansicht, dass der Stellenwert und die Rolle der Frau in den USA immer schon anders war als in der Schweiz: «1970 kämpfte eine US-Juristin gegen 178 diskriminierende Gesetze, wie der Film ‹Die Berufung – Ihr Kampf für Gerechtigkeit› eindrücklich zeigt. 1971 erst erhielten die Frauen in der Schweiz das Stimmrecht.» Hätten die Olympischen Spiele 1984 nicht in Los Angeles, sondern in Europa stattgefunden, «wären die Frauen kaum zu ihrer Premiere im Marathon gekommen», glaubt er. Vorurteile und mangelndes Wissen über die Leistungsfähigkeit hätten lange zum Ausschluss der Frauen an Läufen geführt.

Sportpsychologin Romana Feldmann sagt allgemein: «Die Frau überfordert sich nicht gern. Sie braucht die Sicherheit, dass sie die Aufgabe schaffen kann.» Das lässt sich natürlich gut aufs Marathonlaufen übertragen, das eine mehrmonatige Vorbereitung voraussetzt und ein mehrstündiges Abenteuer ist. «Männer sind anders, sie glauben von Anfang an, dass sie es schaffen.» Dass das umfangreiche Training ein Grund sein kann, auf ein solches Rennen zu verzichten, kann sie sich gut vorstellen: «Heutzutage sind viele in doppelter und dreifacher Funktion, da bleibt kaum mehr Zeit.»

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Interessant ist, dass ausgerechnet jener Schweizer Marathon, der auf den ersten Blick als der schwierigste erscheint, den höchsten Frauenanteil im Land aufweist: Am Jungfrau-Marathon mit über 1800 Höhenmetern starteten im letzten Jahr 25 Prozent Frauen. Heinz Schild, der Gründer des im Ausland bekanntesten Schweizer Marathons, sagt: «Das ist in Zermatt und beim Aletsch-Halbmarathon ähnlich. Frauen reagieren viel stärker auf Landschaftsanlässe als Männer. Sie geniessen das Erlebnis in der Natur, sie kennen ihren Körper und wissen, was sie ihm zutrauen können.»

Romana Feldmann glaubt, dass man den Jungfrau- und Zürich-Marathon auf ganz unterschiedliche Weise angeht: «Beim Berglauf macht man sich auf den Weg und will es primär schaffen. Beim Strassenmarathon will man in einer bestimmten Zeit im Ziel sein.» In Zürich muss man das sogar. Das Zeitlimit beträgt fünfeinhalb Stunden, dann droht der Besenwagen. Schild ist sich sicher, dass dies der Grund für die ausbleibende Entwicklung beim Frauenanteil ist.

Die detaillierte Studie unter runrepeat.com: Link

Erstellt: 27.04.2019, 13:02 Uhr

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