Die stärkste Frau des Landes kämpft um Akzeptanz

Schwingerkönigin Diana Fankhauser erhielt eine Treichel, die Männer Werbeverträge: Die Bernerin will das Frauenschwingen populärer machen.

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Zum Wegschauen war es ganz und gar nicht. Aber Diana Fankhauser konnte ihre Augen kaum mehr offenhalten. Sie blieben zu, sogar auf einigen Siegerfotos. Ein wenig Sägemehl hatte sich darin verfangen, alles Reiben und Herauswaschen nützte nichts. Augenarzt statt Party hiess es. Und das ausgerechnet am Tag ihres grössten Triumphs: als sie im vergangenen Herbst in Court im Kanton Bern Schwingerkönigin wurde.

Fankhauser ist also die stärkste Frau des Landes. So absolut würde sie das nie sagen, ihre Bescheidenheit verbietet es ihr. Sie ist auch: eine Bauerntochter, heimat- und naturverbunden, unkompliziert, freundlich. Hat einen kräftigen Händedruck, verzichtet auf Schminke und Accessoires. Passt alles zum Schwingen, klar. Wobei die 23-Jährige nichts von Klischees wissen will. Es gebe kein Schema, sagt Fankhauser, «auf dem Schwingplatz sieht man Frauen mit Punkfrisuren, mit knallig gefärbten Haaren; es hat Akademikerinnen, politisch rechts und links Eingestellte. Nur mit High Heels kommt keine.»

Zwei von Fankhausers Onkel haben geschwungen; ihre Tanten Eveline Dolder und Margrit Vetter waren gar zweifache Königinnen. Aufgewachsen im Emmental, wo der Schwingsport stark verwurzelt ist, zog sie als Kind nach Chesalles-sur-Oron, im Waadtland führen die Eltern noch heute einen Hof. In der Romandie verstanden einige die Welt nicht mehr, dass ein kleines Mädchen schwingen wollte. Noch heute wird sie zuweilen schräg angeschaut, wenn sie Fremden von ihrer Leidenschaft berichtet. Dreimal schwingt sie wöchentlich, macht Mentaltraining, büffelt Kondition. Der Aufwand lässt sich mit jenem ihrer männlichen Pendants vergleichen. «Sie ist die perfekte Königin», sagt Benjamin Beyeler, Präsident des Eidgenössischen Frauenschwingverbands. «Diana ist athletisch, ehrgeizig, aber auch demütig, fair und hilfsbereit. Sie will den Frauenschwingsport weiter bringen – nicht alle ihre Vorgängerinnen hatten dieses Ziel. Einige schauten nur für sich.»

Wenn die Königin das «Eidgenössische» organisiert

Beyeler ist 30, dynamisch im Handeln, moderne Denkweisen. Er war selbst Schwinger, musste seine Karriere verletzungsbedingt früh beenden. Auch seine Frau kämpfte im Sägemehl, nach dem Rücktritt überzeugte sie den Gatten, die Zügel in die Hand zu nehmen. Er habe Strukturen geschaffen, Klarheit bei Reglementen und der Ausrichtung, sagt Beyeler, lange Zeit sei es ein wenig chaotisch zu- und hergegangen. Die Leidenschaft fürs Frauenschwingen drückt bei ihm durch, er spricht mit Begeisterung, übertreibt ein wenig, färbt auch mal etwas gar schön. Doch er liegt nicht falsch, wenn er auf «positive Tendenzen» hinweist. Nahmen an den Festen vor fünf, sechs Jahren noch 60 bis 70 Mädchen und Frauen teil, sind es mittlerweile bis zu 140. Sogar in der Romandie werden Lizenzen gelöst. Und doch ist es kompliziert, Veranstalter zu finden. Sechs Feste stehen 2019 im Kalender, in einigen Saisons waren es noch weniger, bei den Männern wiederum sind es weit über 200.

Ein schwieriges Umfeld verlangt ausgefallene Ideen. So hatte Beyelers Vorgängerin Ruth Marty den Einfall, dass die Schwingerkönigin im Amtsjahr das «Eidgenössische» organisieren soll. Fankhausers Tante Margrit Vetter-Fankhauser stellte 2014 in Marbach gar den Gabentempel zusammen. «Man stelle sich vor, Matthias Glarner oder Matthias Sempach hätten ihre Titelverteidigung durchführen müssen», sagt Fankhauser. Das ungeschriebene Gesetz gilt mittlerweile nicht mehr, die Uhren aber ticken bei den Frauen noch immer anders. Den Titel holt, wer nicht bloss am «Eidgenössischen», sondern über die gesamte Saison hinweg am meisten Punkte sammelt – jeder Gang, jede Note ist wichtig. Es läuft anders als bei den Männern, wie so vieles – der Verband legt Wert auf seine Eigenständigkeit.

Beyeler sagt, Frauen und Männer würden sich im Sägemehl gegenseitig dulden, nicht weniger, aber gewiss auch nicht mehr. Die Szene sei auf jeden Fall toleranter geworden, meint der Vorsitzende, hinter vorgehaltener Hand aber haben für die weiblichen Kämpferinnen viele noch immer nur ein Lächeln übrig. Sie sind nicht selten, die Ewiggestrigen, welche Frauen an Schwingfesten primär als Trachtendamen, Helferinnen oder Jodlerinnen akzeptieren. Beyeler spricht von der «Frauen-gehören-an-den-Herd-Generation»; Marty erzählt, es sei in ihrer Heimatgemeinde Muotathal fast schon ein Verbrechen gewesen, als sie einst zu schwingen begonnen habe. Und selbst während des Fototermins im Thuner Schwingkeller bleiben süffisante Kommentare nicht aus. Ein Mittvierziger sagt zum Kollegen: «Schau, da steht tatsächlich ein Frauchen im Sägemehl.»

Mediale Beachtung kriegt das Frauenschwingen kaum, im Gegensatz zu den Männern, welche ihre Plattform längst auch in den People-Spalten erhalten haben. Der eine oder andere erkundigte sich beim Verband nach Fankhausers Nummer, offenbar nicht alle mit ehrenhaften Absichten, weshalb sie nicht mehr einfach so weitergegeben wird. Mit dem Gewinn des Königstitels habe sich für sie alles in allem aber nichts geändert, sagt Fankhauser, die kaum Interviews geben muss und gerührt ist ob des Interesses an ihrer Person, daher vorschlägt, das Gespräch am Wohnort des Journalisten in Thun abzuhalten, rund 75 Kilometer entfernt von ihrer Wochenbleibe in Lauenen.

Zwangsläufig wird der Bogen zu den Männern immer wieder gespannt, wobei Vergleiche angesichts der unterschiedlichen Tradition überflüssig sind. Den Frauenschwingverband gibt es erst seit 1992; an den Festen sind vierstellige Zuschauerzahlen nach wie vor die Ausnahme, zuweilen verirren sich auch nur ein paar wenige auf die Holzbänke. Es kann schon mal vorkommen, dass man durchs Dorf fährt, den Schwingplatz aber nicht findet, kein Plakat darauf hinweist, kein Passant einen Schimmer hat.

Eine Treichel für den Sieg, aber kein einziger Sponsor

Es sei alles vier, fünf Schuhnummern kleiner als bei den Männern, sagt Fankhauser. Gegen etwas mehr Anerkennung hätte sie nichts einzuwenden, ein wenig Aufmerksamkeit käme gerade recht. Sponsoren hat die Berner Oberländerin keine, mit dem Schwingsport verdient sie kaum einen Rappen, lediglich die Kosten für die Produktion ihrer Autogrammkarten übernahm eine Druckerei. Als Lohn für den Königstitel wurde ihr eine Treichel überreicht, derweil sich Wenger, Sempach und Konsorten Werbeverträge in mittlerer sechsstelliger Höhe sicherten. Pro Jahr, versteht sich.

Fankhauser will junge Frauen für den Schwingsport begeistern – und Hindernisse aus dem Weg räumen. Noch immer gibt es lediglich drei Frauenschwingvereine; Fankhauser trainiert daher in Thun und Oron mit Männern, als einzige Frau. Nicht selbstverständlich sei dies, sagt die medizinische Praxisassistentin, nicht überall stünden die Türen offen. In Thun gestaltet Bernhard Kämpf die Einheiten, einige hätten der Kollegin gegenüber leichte Berührungsängste, andere würden ein wenig Rücksicht nehmen und sie nicht mit voller Wucht zu Boden drücken, sagt der zweifache Brünig-Sieger. «Unseren Trainingsbetrieb stört sie aber in keinster Weise.»

Fankhauser ist sehr dankbar für den Austausch, sie kann davon profitieren, wenngleich sie im Duell mit den Männern chancenlos ist, selbst gegen solche, die eben erst das Juniorenalter hinter sich gelassen haben. Die Männer seien weitaus explosiver, hätten andere Hebel, viel mehr Wucht. Und doch holt sie aus zu einem Werbespot fürs Frauenschwingen: Offensiver werde gekämpft. «Weniger Abwarten, mehr Vollgas!» Fankhausers Saison beginnt in drei Wochen in Hergiswil, Ende September folgt das «Eidgenössische» in Menznau. Sie ist die Favoritin, der Titel das Ziel. Die Party soll schliesslich nachgeholt werden.



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Erstellt: 28.04.2019, 14:03 Uhr

Das spezielle 1. Mal

Spektakulärer hätte es nicht beginnen können. Das erste Frauenschwingfest fand 1980 in Aeschi bei Spiez statt, und – kein Scherz – der Veranstalter wurde vom
Publikumsaufmarsch komplett überrumpelt. Rund 10 000 Zuschauer waren zugegen, Zeitzeugen erzählen, in den umliegenden Gemeinden seien Bier und Rauchwaren bald ausverkauft gewesen. Das Interesse erstaunte gewaltig, hatten doch viele die Einladung für den «Hosenlupf der Frauen» ausgeschlagen. Der Schwingsport werde beschmutzt, hiess es. Damen seien hierfür völlig ungeeignet. Selbst hochrangige Funktionäre liessen sich zu verbalen Fauxpas` hinreissen, einige versuchten gar, die Veranstaltung zu verbieten. Sie drohten Kampfrichtern und Helfern mit Sanktionen.

80 Schwingerinnen nahmen am Fest teil, von einem Erfolg mochte später dennoch kaum einer sprechen. Weil der Wettkampf nicht nachhaltig war, der erhoffte Effekt ausblieb, die Protagonistinnen schneller wieder in der Versenkung verschwanden, als sie daraus aufgetaucht waren. Die Frauen ihrerseits sind dem anderen Geschlecht stets freundlich begegnet: Weil bei den Buben das Mindestalter 8 Jahre beträgt, beginnen die Kleinen oft bei den Mädchen, bei denen man bereits mit 6 greifen darf. (phr)

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